
- Ingvild Bayer - Ingvild Bayer
Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben: Das klingt nach Männersport im klassischen Sinne. Tatsächlich wird der Kraftdreikampf (KDK), der neudeutsch auch Powerlifting genannt wird und sich in den 1970er Jahren vom olympischen Gewichtheben abgespalten hat,hauptsächlich von Männern ausgeführt. Denn schließlich geht es ja um die Männerdomänen Muskeln, Masse und Kraft.
Frauen an die Kraft!
Dafür, dass sich das ändert, kämpft die 53-jährige Leistungsportlerin Ingvild Bayer. Im Moment ist sie zweifache deutsche Meisterin (2007 und 2008) im Kraftdreikampf sowie Deutsche Meisterin und Rekordhalterin im Kreuzheben (2007). Bei der Europameisterschaft im Kraftdreikampf erkämpfte sich die ehemalige Oberstudienrätin 2007 den zweiten Platz. „Da ist die Konkurrenz einfach größer!“ Auf dem Gesicht der im ersten Moment ein wenig herb und hager wirkende Ingvild breitet sich ein freundlich-charmantes Lächeln aus. Kein Zweifel: Ingvild ist nicht nur eine Powerfrau, sondern in erster Linie Frau. Und sie kämpft für Frauen im Kraftsport.
„Frauen in Deutschland machen Aerobic oder Spinning. Aber ich finde, sie sollten auch einmal das trainieren, was sie nicht für ihre Stärke halten – ihre Stärke nämlich. Frauen in anderen Ländern haben das längst verstanden, allen voran die Französinnen. Sie stehen zwar im Ruf, schlichtweg das Weibliche zu verkörpern, sind aber bei internationalen Dreikampf-Wettkämpfen zahlreich vertreten!“ Ingvild Bayer macht keinen Hehl daraus macht, dass sie diese Tendenz befürwortet.
Vom Laufen zum Kraftsport
Ingvild selbst kam durch einen Zufall zum Powerlifting. „Eigentlich war ich passionierte Joggerin!“ erzählt sie. „Doch 2003 hatte ich plötzlich einen Leistungseinbruch, den ich mir nicht erklären konnte. Ich war kurzatmig und mein ganzer Stoffwechsel kam durcheinander.“ Ein Besuch beim Hausarzt brachte die Diagnose: Eine akute Schilddrüsenüberfunktion. „Er gab mir Tabletten, die ich von nun an für den Rest meines Lebens hätte nehmen sollen.“ Das gefiel der damals 49-jährigen gar nicht. „Da ich nicht mehr joggen konnte, ging ich notgedrungen ins Fitness-Studio. Erst hat es mir überhaupt keinen Spaß gemacht, dort zu trainieren, aber dann stellte ich fest, dass mir die Anstrengung gut tut!“
Ingvild fand gleichzeitig Gefallen am Freihantel-Training und intensivierte ihre Übungen. „Dann recherchierte ich im Internet und knüpfte Kontakte zu Kraftdreikämpfern. Ich machte mich mit den Disziplinen Bankdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben vertraut und wurde immer besser.“ Bald war Ingvild so gut, dass im Fitness-Studio neben ihr trainierende Männer frustriert ihre Übungen abbrachen. „Dass eine Frau mehr Gewicht hebt als sie, können die wenigsten verkraften!“ Ingvilds Körper dankte ihr die Anstrengungen: Ihre vom Arzt verschriebenen Tabletten konnte sie bald absetzen.
Erste Wettkämpfe
2004 nahm sie an ihrem ersten Wettkampf teil. Als Vertreterin des schwul-lesbischen Sportvereins 1996 Karlsruhe e.V. „Uferlos“ trat die lesbisch lebende Ingvild bei den Euro-Games in München an. „Nicht sehr erfolgreich. Ich war viel zu aufgereg!" gibt sie zu. Aber der Anfang war gemacht.
Von da an trat sie regelmäßig an nationalen Wettkämpfen und Cups in der Altersklasse II (Frauen ab 50 Jahren) und der Gewichtsklasse bis 60 Kilo an. „Manchmal war das knapp und ich hatte 59,5 Kilo beim Start“, sagt die 1,73 Meter große Ingvild und lächelt.
Deutsche Meisterschaft 2008
Ihr letzter großer Sieg war der erste Platz bei der Deutschen Meisterschaft am 5. April 2008 im ostdeutschen Zahna. 112,5 Kilo hatte Ingvild bei der Kniebeuge gestemmt – fast das Doppelte ihres Körpergewichts. Um eine solche Kniebeuge auszuführen, legt der Sportler die Langhantel hinter seinen Nacken ab und stellt sich schulterbreit hin. Mit dem Gewicht auf dem Rücken geht er so weit in die Kniebeuge, bis sich die Oberfläche seiner Schenkel am Hüftgelenk tiefer befindet als die Kniespitze – eine Übung, die den meisten von uns auch ohne Hantel auf den Schultern nicht gelingt.
Bei der bekannteren Disziplin Bankdrücken ist Ingvilds Bestleistung 72,5 Kilo. Dazu liegt der Sportler mit dem Rücken auf einer Drückbank, nimmt die Hantel aus der Ablage und senkt das Gewicht zur Brust. Ist das Gewicht ganz unten, wird eine Sekunde pausiert, bevor es wieder in die Ausgangsposition zurückgedrückt wird. „Da bei einem Wettkampf immer drei Kampfrichter die technische Ausführung der Übung kontrollieren und im Ermessen des Hauptkampfrichters liegt, wie lange eine Sekunde ist, kann diese auch schon einmal etwas länger dauern!" weiß Ingvild aus schmerzlicher Erfahrung.
Ihre Lieblingsdisziplin ist das Kreuzheben. Dabei liegt die Langhantel vor dem Sportler auf dem Boden. Er beugt die Knie und fasst sie im Kreuzgriff, also rechts von oben und links von unten oder umgekehrt. Anschließend wird das Gewicht mit vorgewölbter Brust und angespanntem Bauch nach oben gezogen. Mit den von ihr gehobenen 145 Kilo hält Ingvild Bayer derzeit den deutschen Rekord ihrer Altersklasse in der Einzeldisziplin Kreuzheben. Doch sie trainiert weiter: „150 kg, das ist mein absolutes Ziel: Das ist das Zweieinhalbfache meines Körpergewichts! Das möchte ich heben können!“
Ingvild hat so viel Lust an der Last, dass sie ihr Ziel vermutlich noch in diesem Jahr erreichen wird. Auf die Frage, wie sie mit dieser ständigen Anstrengung umgehe, reagiert sie verwundert: „Welche Anstrengung?“
