Initiativen gegen die Sommerzeit

Zeitumstellung sollte ursprünglich Energie einsparen

Millionen EU-Bürger stellen zwei Mal pro Jahr ihre Uhren um, ohne genau zu wissen warum. Die Sachargumente dafür oder dagegen sind eher dürftig.

Am 30. März wird der Zeiger eine Stunde vorgestellt, am 26. Oktober eine Stunde zurück. Seit 1980 stellt Deutschland durchgehend Jahr für Jahr seine Uhren um. Und ob man die Sommerzeit mag oder nicht: Sie wird als EU-weite, einheitliche Regelung weiterhin gelten, denn die EU-Kommission empfiehlt ihre Beibehaltung.

EU-Mitgliedsstaaten bezogen 2007 Stellung

Die Kommission in Brüssel hatte alle Mitgliedsstaaten aufgefordert, bis zum Jahr 2007 die Auswirkungen der Zeitumstellung zu untersuchen. Dabei kam kaum Gewichtiges zum Vorschein: Lettland glaubt an einen Nutzen für die Tourismus-Branche, in Italien scheint der zeitigere Arbeitsbeginn in der heißen Jahreszeit günstig für Bauern und Bauarbeiter. Kein einziges der gefragten Länder wünschte laut Bericht eine Änderung der derzeitigen Regelung. Meinungsumfragen unter den Bürgern wurden allerdings nur in wenigen Staaten durchgeführt, und dort nicht repräsentativ.

Wenig stichhaltige Argumente für oder gegen die Sommerzeit

Ob man die Sommerzeit mag oder nicht, ist vor allem eine subjektive Sache. Initiativen gegen die Zeitumstellung und erbitterte Gegner stehen überzeugten Befürwortern gegenüber. Die Pro-Sommerzeit-Fraktion freut sich über eine Stunde länger Tageslicht am Abend, die zudem zu Energieeinsparungen führen soll. Die Gegner beklagen, dass die Zeitumstellung die innere Uhr durcheinanderbringe, am Tag der Umstellung zu erhöhten Unfallzahlen führe und in der Wirtschaft wie bei der Bahn höhere Kosten und einen großen Organisationsaufwand mit sich bringe. Bei genauerem Hinsehen erweisen sich die Sachargumente beider Seiten als wenig gehaltvoll

Milchkühe tun sich schwer

Tatsächlich haben viele Menschen Schlafstörungen und sind müde und schlapp, wenn der Wecker plötzlich früher klingelt. Studien zufolge dauern diese Symptome aber nur wenige Tage .Der "Mini-Jetlag" ist also relativ harmlos. Zumindest für Menschen - das Milchvieh tut sich damit tatsächlich schwerer, weiß Markus Knösel vom Hofgut Rengoldshausen am Bodensee: Die Kühe bräuchten an die vier Wochen für die Umstellung, weil sie "ganz stark rhythmusgeprägt" seien, berichtet er. Trotzdem zieht das Hofgut, das eine ganze Reihe von Azubis ausbildet, die Umstellung innerhalb eines verlängerten Wochenendes durch. Schließlich muss es sich an den menschlichen Arbeitszeiten orientieren. "Das wird jeder Bauer anders handhaben", meint Dr. Heiner Krehl vom baden-württembergischen Landesbauernverband, aber durch die "zweitägige Milcherfassung" hätten die Höfe Spielraum. Der Pressesprecher der Landwirte ist jedenfalls ziemlich sicher, dass andere Themen wie der globale Wettbewerb, der Klimawandel und die Energiepreise den Bauern mehr Sorgen bereiten.

Bahn sieht keine Probleme

"Wir haben keine Schwierigkeiten mit der Zeitumstellung", beteuert Bahn-Pressesprecher Martin Schmolke. In der fehlenden Stunde zwischen zwei und drei sei der Fahrplan so entspannt, dass die Verspätung leicht reingeholt werden könne. Und fundierte Statistiken zu den Unfallzahlen auf der Straße gibt es auch nicht: Da müsste man umfangreiche Recherchen machen und sämtliche anderen Faktoren wie Wetterlage oder Ferienbeginn einbeziehen, sagt Brigitte Wahl von der Landespolizeidirektion Baden-Württemberg. In Estland hat man über drei Jahre hinweg jeweils den Monat vor und nach der Zeitumstellung verglichen und keine signifikanten Unterschiede bei den Verkehrsunfällen festgestellt.

Energiespar-Effekt bleibt aus

Und wie steht es um die Argumente der Befürworter? Bei der Einführung der Sommerzeit 1980 war das erklärte Ziel, das Tageslicht besser auszunutzen und damit Energie zu sparen. Allerdings, berichtete im Oktober 2007 der Verband der Elektrizitätswirtschaft VDEW, stellten die Stromversorger "kaum eine Auswirkung durch den Dreh am Zeiger" fest. Schließlich gibt es längst Energiesparbirnen - und was beim Licht möglicherweise gespart wird, verbrauchen zusätzliche Freizeitaktivitäten am langen Sommerabend. Auch höhere Heizkosten am frühen Morgen sind denkbar.

Abends länger wach, morgens nicht aus dem Bett?

Sicher ist, dass viele Berufstätige vom längeren Sommerabend im Biergarten oder wo immer profitieren. Die Kehrseite: Auch Schulkinder sind kaum ins Bett zu bewegen und morgens nicht ausgeschlafen.

Initiativen gegen Sommerzeit sammeln Unterschriften

Auf solche Probleme weisen auch die verschiedenen Initiativen gegen die Sommerzeit hin, die es unter anderem in Frankreich und Deutschland gibt. "Absurd, gesundheitsschädlich, kostenintensiv" sei die Zeitumstellung, listet "Chronolog - Liga gegen Sommerzeit" auf. "Es ist nicht länger hell, sondern früher spät und schneller kühl", heißt es bei der "Initiative zur Abschaffung der Sommerzeit", die ebenfalls eine ganze Reihe von Argumenten anführt. Und Vera Mong, die Gründerin der "Initiative Sonnenzeit", sieht im staatlich verordneten Zeigerrücken einen unzulässigen Eingriff des Staates ins Privatleben der Bürger.

Bei all diesen und weiteren Initiativen kann man mit der eigenen Unterschrift die Forderung nach Abschaffung der Sommerzeit bekräftigen.

Beim Petitionsausschuss des Bundestages liegen übrigens zwei Eingaben vor: Eine plädiert für durchgehende "Winter-", also Normalzeit. Die andere fürs Gegenteil, die durchgehende Sommerzeit. Letzteres befürwortet auch die FDP-Fraktion in einem Antrag an den Bundestag. Sicher ist aber: Deutschland wird nicht aus dem EU-Kanon ausscheren.

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