
- Hochbegabt - H. Schultz
In Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht behinderter Kinder festgeschrieben, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern eine deutsche Regelschule besuchen zu dürfen. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt in Deutschland seit dem 19. Dezember 2008, ist aber weit davon entfernt, flächendeckend realisiert zu werden. Einige Bundesländer sind auf dem besten Wege dazu, die sogenannte Inklusion in Angriff zu nehmen. Tests laufen bereits in verschiedenen Schulen. Andere Bundesländer wehren sich noch dagegen. Aus gutem Grund. Nicht wenige Eltern haben ihre Bedenken angemeldet.
Höchstmögliche Förderung der individuellen Fähigkeiten
Inklusion verspricht für alle Kinder die gleiche Chance auf Bildung, die Förderung der ganz speziellen individuellen Bedürfnisse und die Nutzung aller Ressourcen, um den bestmöglichsten Bildungsabschluss zu erreichen. Wie soll das gehen? Ein Beispiel einer Grundschule in einer brandenburgischen Kleinstadt: Für etwa 250 Schüler stehen 15 Lehrer zur Verfügung. Das klingt statistisch recht gut und bedeutet, dass ein Lehrer für 17 Schüler zuständig ist. Wenn man jetzt aber berücksichtigt, dass in die 15 Lehrer auch Schulleiter und Stellvertreter eingerechnet werden, die durch umfangreiche leitende Aufgaben nur minimal an der Unterrichtsgebung beteiligt sein können und ein weiterer Lehrer ein Sonderschulpädagoge ist, der eigentlich nicht zur täglichen Unterrichtsgestaltung herangezogen werden sollte, bleiben noch 12 Lehrer, die für jeweils 21 Schüler zuständig sind. Kommt es jetzt noch zu Ausfällen durch Krankheit, ist schnell eine Klassenstärke von 30 Kindern und mehr erreicht. Wenn man nun noch erfährt, dass der Altersdurchschnitt der Lehrer über 50 Jahre liegt, weil seit 20 Jahren keine neuen und vor allem junge Lehrer mehr eingestellt wurden, bekommt man nicht nur als Eltern starke Bedenken.
Inklusion ist langwieriger Prozess
Die Eltern körper- und lernbehinderter Schüler begrüßen die geplante Inklusion. Für sie ist es ein wichtiger Beitrag zur Integration ihrer Kinder in die Gesellschaft. Aber nicht wenige sind auch der Meinung, dass die bisherige Förderung in Sonderschulen voll ihren Ansprüchen genügte. Die gleiche Förderung kann in einer normalen Regelschule nur durch Umsetzung der Sonderpädagogen und damit Schließung der bisher bestehenden Sondereinrichtungen erreicht werden. Aber kaum eine Regelschule hat überhaupt die räumlichen Voraussetzungen für individuelle Unterrichtsgestaltung. Hier muss zuerst angesetzt werden.
Mit dem bisherigen Personalbestand ist eine Inklusion ebenfalls undenkbar. Die Lehrer arbeiten bereits jetzt an ihrer Leistungsgrenze. Neben dem normalen Unterricht hängen ihnen schon heute allerlei Dokumentationsaufgaben an, die nicht nur zeitraubend, sondern auch nervenaufreibend sind. Hinzu kommen in der genannten Brandenburger Grundschule unzählige Unterrichtsvertretungen, da auch für langzeiterkrankte Lehrer aus finanziellen Gründen kein Ersatzpersonal vom zuständigen Schulamt zur Verfügung gestellt wird. Diese Lehrer können sich beim besten Willen nicht vorstellen, jetzt auch noch im Rahmen der Inklusion einen völlig individuellen Unterricht zu gestalten.
Bleiben Hochbegabte auf der Strecke?
In allen Berichten über die Inklusion kommt immer wieder ein Aspekt besonders zum Ausdruck - die Einbeziehung behinderter Kinder und Jugendlicher sowie von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in das gemeinschaftliche Lernen mit Nichtbehinderten in einer gemeinsamen Schule. Selten ist noch von einer anderen förderungsbedürftigen Gruppe die Rede – von den Hochbegabten.
Es ist jedem klar, dass die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Aber man kann sich auch sehr gut vorstellen, dass schon ein normal Begabter Schwierigkeiten damit haben dürfte, sich ständige Stoffwiederholungen anzuhören, nur weil Schüler mit weniger Auffassungsgabe mehr Zeit brauchen, den Unterrichtsstoff zu verstehen. Eltern hochbegabter Kinder haben Angst, dass die Begabung ihres Kindes vielleicht gar nicht erkannt wird, weil es sich aus Langeweile möglicherweise in die falsche Richtung entwickelt.
Dringende Aufklärung über Inklusion nötig
Die Umwandlung einer Regelschule in eine inklusive Schule ist nicht von heute auf morgen möglich. Es ist völlig verständlich, warum Eltern, denen oftmals gar nicht bekannt ist, was sich hinter dem Wort Inklusion verbirgt, neben allen bereits bestehenden schulischen Problemen nun eine weitere Hürde vermuten. Inklusion versteht sich als ein Prozess, der nur über mehrere Jahre in die Praxis eingeführt werden kann. Hierbei heißt es für alle umzudenken. In Zukunft wird nicht mehr der Frontalunterricht die bestimmende Unterrichtsform in den Schulen sein, sondern immer mehr der gruppen- oder projektbezogene Unterricht in den Vordergrund rücken. Dabei denkt man sogar über jahrgangsübergreifende Modelle nach. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die Inklusion Hochbegabter gar nicht mehr so unvorstellbar.
Ein ganz wichtiger Punkt ist auch die Zusammenarbeit der unterschiedlich ausgebildeten Pädagogen vom „normalen“ Lehrer, über den Sonderpädagogen bis hin zum Erzieher mit dem Ziel der Annäherung ihres fachlichen Wissens. Die pädagogische Ausbildung muss komplett reformiert werden. Um eine personelle Aufstockung der Regelschulen wird man nicht mehr herumkommen. Nicht zuletzt ist das Schaffen der nötigen räumlichen Voraussetzungen und der materiellen Ausstattung der Inklusionsschulen eine große Herausforderung. Vor allem hierbei gilt es, die finanziellen Mittel richtig umzuverteilen.
Ob wirklich für jeden Schüler die maximale individuelle Förderung dabei herausspringt, bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass ein reibungsloser Ablauf des Schulbetriebs in einer Inklusionsschule nur in enger Zusammenarbeit von Pädagogen, Schülern und Eltern zu erreichen ist. Dringende Voraussetzung ist es, ständig miteinander im Gespräch zu bleiben. Man sollte so schnell wie möglich damit anfangen.
Quellen:
- www.bildungsverteiler.de
- www.mbjs.brandenburg.de
- www.bildungsklick.de
- www.sovd.de
- Elterngespräche
