Insel Mayotte bei Madagaskar ist Frankreichs 101. Département

Baobabs wie diese auf Madagaskar hat auch Mayotte - Andrea Reidt
Baobabs wie diese auf Madagaskar hat auch Mayotte - Andrea Reidt
Die kleine Komoreninsel Mayotte im Indischen Ozean nordwestlich von Madagaskar gehört zur Europäischen Union. Die Mahonen sind jetzt Franzosen.

Frankreich wird von Deutschen oft mit einem süffisanten Unterton als "Grande Nation" bezeichnet. Franzosen selbst äußern sich manchmal befremdet über die Verwendung dieses aus napoleonischer Zeit stammende historischen Begriffs. Dabei hätte Frankreich durchaus ein Recht auf diese Charakterisierung, sprachlich und auch geografisch. Rund 200 Millionen Menschen leben weltweit in der Frankophonie, das heißt, benutzen Französisch als Mutter- oder Parallelsprache im Alltag, die Mehrheit lebt in Afrika. Zum afrikanischen Kontinent und größten französischen Sprachgebiet zählt auch die Insel Mayotte 339 Kilometer Luftlinie nordwestlich von Madagaskars vorgelagertem Urlaubsparadies Nosy Be. Mayotte ist eine der Komoreninseln, gehört allerdings nicht zur Afrikanischen Union wie die Islamische Republik Komoren im selben Archipel des Indischen Ozeans.

Insel Mayotte im Indischen Ozean ist Euroland

Zum 1. April 2011 bekam Frankreich im Indischen Ozean mit der Komoreninsel Mayotte ein 101. Département. Die Insel genießt damit nicht nur dieselben Rechte wie die anderen Départements, sondern gehört automatisch der Europäischen Union an. Mayotte ist schon seit 2002 Euroland. Grundlage für diese Erweiterung ist ein Gesetz vom 22. Oktober 2010, das wiederum auf Basis einer Verfassungsänderung und eines Überseegesetzes von 2003 erlassen werden konnte. Die Bevölkerung von Mayotte stimmte in der Folge im März 2009 in einem Volksentscheid zu über 95 Prozent für die Zugehörigkeit zu Frankreich.

Frankreich hat fünf Übersee-Départements

Mayotte war seit 1841 genauso französisches Kolonialgebiet wie die komorischen Nachbareilande Grand Comore, Anjouan und Mohli, gehört aber politisch nicht zum Komoren-Staat, sondern spielt seit 1974 eine Sonderrolle. Damals stimmten fast alle Einwohner, nämlich über 98 Prozent, gegen die Unabhängigkeit. Mayotte galt seitdem als französische Körperschaft, während vier andere Überseegebiete bereits 1946 den Status von Départements erhalten hatten: Guadeloupe, Französisch-Guayana und Martinique in der Karibik sowie die zwischen Madagaskar und Mauritius gelegene Insel Réunion. Jetzt gehören die fünf Überseeregionen gleichberechtigt zu Frankreich. Sie werden von den abkürzungsfreudigen Franzosen geradezu stolz und fast liebevoll DOM-ROM (Départements et Régions Outre Mers) genannt, manche nutzen auch noch die alte Bezeichnung DOM-TOM, wobei das T für "Territoires" steht.

Viele Wirtschaftsflüchtlinge und Illegale auf Mayotte

Die vermeintlich unrevolutionäre Antiunabhängigkeits-Haltung der Einwohner Mayottes bei der historischen Abstimmung 1974 erwies sich als wirtschaftlich und sozial klug und weitsichtig, denn die 186.000 Einwohner der 374 Quadratkilometer kleinen Insel (als eindrucksvoller Maßstab wird in deutschen Medien gern die Insel Rügen zum Vergleich herangezogen, deren Fläche doppelt so groß ist wie die von Mayotte) leben zwar oft armselig, aber lange nicht in so großer Armut wie die Menschen der Republik Komoren. Es gibt eine massive Fluchtwelle zu den vergleichsweise reichen Nachbarn, bei der viele Menschen jedes Jahr ertrinken. Angeblich leben 25 Prozent der Einwohner illegal auf den beiden Mayotte-Inseln Grande Terre und Petite Terre. Etwa 24.000 Flüchtlinge aus dem Islamischen Republik Komoren werden jedes Jahr wieder abgeschoben. Werdende Mütter versuchen mit allen Mitteln, ihre Kinder auf mahorischem Territorium zu gebären, wodurch die Babys als Franzosen das Licht der Welt erblicken, angeblich 80 Prozent aller Neugeborenen haben illegale Mütter. Auch auf der Insel Mayotte leben fast ausschließlich muslimische Religionsangehörige.

Republik Komoren und Kapverden gehören zur Afrikanischen Union - Mayotte nicht

Im Einvernehmen mit der Afrikanischen Union, zu der auch andere Archipele vor den Küsten Afrikas wie zum Beispiel der atlantische Neun-Insel-Staat Kapverden westlich von Senegal gehören, protestiert die Komoren-Regierung vehement gegen die Ausweitung der Bindung Mayottes an Frankreich. Obwohl die profranzösische Bewegung auf der Insel sehr stark und fast ohne Opposition ist, wird dies von dort als neue Kolonisierung durch Frankreich bewertet. Der französische Staat profitiert seinerseits wenig von seinem neuen Département: Die sozialen Missstände, die große Armut, die vielen Straßenkinder, deren Eltern bei Razzien verhaftet und abgeschoben worden sind und natürlich die jubelnde Erwartung der Bürger auf Anpassung des Lebensstandards an den ihrer französischen Compatriotes, erfordern hohe Investitionen. 48 Millionen Euro gehen als Soforthilfe aus verschiedenen Regional- und Kulturfonds von Paris in die gut 9.000 Kilometer von Paris entfernte französische Provinz. Mit den kulturellen und sozialen Anpassungsproblemen eines quasi departementalen Entwicklungslandes wird Frankreich noch länger zu kämpfen haben.

Quellen und weitere Informationen: Wochenzeitung Mayotte-Hebdo, Französische Botschaft in Deutschland

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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