Manchmal geschieht es einem Krimiautor, dass seine Figuren immer skurriler werden und ihre Erlebnisse immer haarsträubender. Dass es kaum noch möglich ist, beim Schreiben nicht ständig zu kichern. Dass er nicht weiß, wie er das nun seinem Verlag beibringen soll. Robert Ludlum hat dies Dilemma geschildert im Vorwort seines Romans "Der Gandolfo-Anschlag", dem ersten Abenteuer von General McKenzie Hawkins, genannt "The Hawk". In seinem Fall habe der Verlag reagiert mit den Worten "Aber nicht unter Ihrem Namen!"

Autoren wie Tom Sharpe gehen andere Wege. Während Robert Ludlum bekannt geworden ist durch Thriller wie "Die Bourne-Identität", hat Sharpe neben seinem bekannten "Puppenmord" weitere ebenfalls gut verkaufte Romane geschrieben, und in jedem einzelnen von ihnen überschlagen sich die Ereignisse und geht es haarsträubend zu. Auch Caroline Graham, die Autorin der Inspector-Barnaby-Romane, hat dies Schicksal getroffen. Sie hat - im Gegensatz zu den anderen beiden - ihren Krimi ungerührt und ernsthaft zu Ende geschrieben.

Welten begegnen sich

Der Krimi spielt in einer Landkommune voller Esoteriker, der "Lodge of the Golden Windhorse". Da werden Atlantis-Überlebende auf der Venus besucht und Geistwesen des fünften Levels gechannelt, da wird Müsli aus selbstgetöpferten Schalen gegessen und den ganzen Tag nur positiv gedacht, und es werden "unharmonische Akkumulationen in die interplanetarische Matrix des violetten Lichts" geworfen. In dieser Kommune versteckt sich die Tochter eines berüchtigten Tycoons, und der wurde nun zu ihrem makrobiotischen Geburtstagsdinner eingeladen. Nach Ansicht seiner Tochter ist er "ungefähr so spirituell wie ein angreifendes Rhinozeros", ein Mann "von Gier zerfressen, der - wenn man sich ihm entgegenstellte - einen in Angst und Schrecken" versetzt. Offenbar sieht sie den Herrn Vater ganz richtig.

Zum Geburtstagsdinner gesellt sich dann noch die Ehegattin des Tycoons, eine tief depressive Societylady, süchtig nach allem möglichen, vom besten Maskenbildner der Upper Thousand aufgestylt als Engel des Todes - und das so erfolgreich, dass einige Mitglieder der Kommune spontan vor ihr zu Boden fallen, um sie als Göttin zu verehren. Und damit ist die Besetzung des Romans komplett und die Missverständnisse treiben fröhliche Blüten.

Inspector Barnaby trifft die Esoteriker

Als alle beisammen sind, in einem turbulenten Augenblick, geschieht der Mord, und Detective Chief Inspector Barnaby betritt die Szene. Eigentlich zeichnet er sich ja durch großes Verständnis für die unterschiedlichsten Menschen aus. Aber hier verlässt ihn denn doch gelegentlich der Gleichmut. Seine Aura sei nicht so recht harmonisch, wird ihm gleich zum Willkommen bedeutet, und der Meister habe seine irdische Erscheinungsform zweifellos freiwillig verlassen, um sich in höhere Sphären zu begeben.

Dass die Tochter des Tycoons hier lebt, ruft die Presse auf den Plan. Das Haus wird belagert, für Interviews wird Geld geboten. Die Kampfszene mit einem Fotoreporter auf der großen Buddhastatue käme in der Verfilmung nicht ohne Slapstick-Elemente aus. Glücklicherweise wird rechtzeitig die Botschaft gechannelt, "dass das Wort 'Geld' fest im pinkfarbenen, atomischen Zellularlicht manifester Neutralität eingebettet" sei.

Die Loge des goldenen Windpferds zerbricht

Wenn der Roman zu Ende geht, Inspector Barnaby pflichtgetreu den Mörder gefasst und dazu eine Schlussszene gebraucht hat, die Hercule Poirots würdig wäre, ist die Kommune zerbrochen. Der Prüfstein des Mordes und der polizeilichen Untersuchung hat die Mitglieder im Verlaufe des Romans gezwungen - mehr oder weniger -, Farbe zu bekennen. Tatsächlich handelte es sich bei aller zur Schau getragenen Einmütigkeit um höchst unterschiedliche Menschen:

  • Gewerbsmäßige Betrüger, die das Feld der Esoterik für lukrativ hielten.
  • Aufgeblasene Egos, die neben den anderen auch sich selbst betrügen.
  • Menschen, die hierher flohen, vor ihrer Vergangenheit oder vor sich selbst.
  • Ernsthafte spirituelle Sucher.
  • Menschen mit echter Menschenfreundlichkeit.
  • Echte Heiler.
  • Und natürlich: der oder die Mörder.
Graham, Caroline: Ein böses Ende / Blutige Anfänger. Goldmann TB 2009.

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