Integration: "andere Kulturkreise" und hiesige Versäumnisse

Australier orientieren sich auf den Einzelnen. - Dieter Schütz/pixelio.de
Australier orientieren sich auf den Einzelnen. - Dieter Schütz/pixelio.de
Die Diskussion über die Integration klingt nicht ab. Sie orientiert sich oft auf die Gruppen und verliert die Individuen aus den Augen.

Die Diskussion über die Zuwanderung und Integration, von Sarrazin angestoßen, hält an: Die Anregungen schießen hin und wieder über die Grenzen hinaus. Den waghalsigen Vorschlägen folgt beinahe zwangsläufig die laute Empörung als eine korrekte politische Reaktion. Nachdem der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) den Schluss von der Zuwanderung „aus anderen Kulturkreisen“ verlangte, war der Aufschrei der Entrüstung groß. Die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) schnellte mit der Beruhigung: „Deutschland ist und bleibt ein weltoffenes Land“. Gleichzeitig nahm sie jedoch den „Prügelknaben“ in Schutz – Es sei nur eine auf die Fachkräfte bezogene Bemerkung gewesen.

Verfehlte Integrationspolitik

Wie Seehofer fordern jedoch auch andere Politiker, zuerst im Lande „aufzuräumen“, bevor man die Türe für weitere Zuwanderer aufmache. Damit legen sie die Finger in die Wunde. Die Versäumnisse in der Integrationspolitik haben eine lange Geschichte und lassen sich nicht mehr leugnen. Die Erfolge der letzten Jahre sind dagegen nicht überwältigend und die Aufgaben für die Zukunft enorm. Mit bloßem Auge sind sie landauf landab zu sehen: Es entstanden Parallelgesellschaften; die Fronten verlaufen zwischen Wir und Ihr. Das Herkunftsland der Neuankömmlinge behält seine Wichtigkeit im negativen Sinne und dient zur Segregation nicht nur gegenüber der Einheimischen sondern auch untereinander. Demnach soll es die Integrationsfähigen und -nichtfähigen Migrantengruppen geben.

Insgesamt bilden die Zuwanderer mehrheitlich die Unterschicht. Sie sind die Verlierer: in den Schulen, in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahl der Schulabbrecher unter Migranten ist doppelt so hoch wie unter den deutschen Schülern (13% zu 7%). Auf dem Arbeitsmarkt können sie sich auch nicht durchsetzen: „Die Erwerbsbeteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund bleibt immer noch deutlich hinter jener der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund zurück“, lesen wir in dem letzten Bericht der Bundesbeauftragten für Migration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Als Grund dafür nennt sie die fehlenden oder nicht genutzten beruflichen Abschlüsse und Qualifikationen.

Ohne Rechte und Schutz

In anderen Statistiken liegen Migranten weit vorne: bei der Schwarzarbeit oder Prostitution. Laut Amsterdamer Institus Tampep sind 63% der in Deutschland arbeitenden Huren Ausländerinnen. Sie leiden oft unter der Diskriminierung und Gewalt und werden nicht selten von Kunden, Polizei und den Zuhältern bedroht. 80 Prozent der ausländischen Prostituierten müssen ihr verdientes Geld an Zuhälter abgeben.

Als Schwarzarbeiter sind Migranten meist im Baugewerbe und der Pflege sowie als Haushaltshilfen zu finden. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln schätzte 2005 den gesamten „schwarzen“ Umfang auf 131,6 Milliarden Euro. Die dort beschäftigten Ausländer profitierten nur gering davon. Ohne Rechte und Schutz leisten sie illegal hauptsächlich die schwerste Arbeit und tragen das volle Risiko beim Auffliegen. Der Staat kündigt zwar ein härteres Vorgehen gegen die Schwarzarbeit und die Auftraggeber. Um die Ausbeutung zu unterbinden, braucht man jedoch viel mehr Transparenz wie auch strukturelle Reformen und nicht nur kosmetische Korrekturen.

Integration – ein Zusammenspiel auf australisch?

Die Australier arbeiten schon lange an der Integration und sind darin erfolgreich. Sie guckten sich von den Kanadiern ihr Punktemodell ab und reformierten ihr eigenes System 1999. Die Einwanderer werden getestet, um für die Bedürftigen ein individuelles Lernprogramm zu entwickeln: Jeder solle sich weiterbilden können. Über Anerkennung von Qualifikationen und Abschlüssen entscheiden nicht die Politiker, sondern ein Fachgremium und zwar schnell. Das australische gut funktionierende Modell orientiert sich auf den einzelnen Menschen und bietet ihm die nötige Hilfestellung. Dadurch profitiert dann die ganze Gesellschaft.

Bildnachweis: Dieter Schütz/pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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