Integrieren: Kirche im Sozialismus

Die evangelische Kirche in der DDR

Die Kirche aus dem Leben der DDR-Bürger zur verdrängen, hatte nicht funktioniert. Nun sollte sie nach den Plänen der SED integriert werden.

Die zweite Verfassung der DDR von 1968 konnte davon ausgehen, dass der Einfluss der evangelischen Kirchen in der DDR stark zurückgedrängt worden war. Deshalb widmete sich nur noch ein Artikel (§ 39) der Religionsfrage, der 1974 in die angepasste Verfassung übernommen wurde. Mit der Verfassung von 1968 wurde die Kirche quasi zum Verfassungsbrecher. Denn: Die Kirchen hatten ihre Tätigkeiten „in Übereinstimmung mit den gesetzlichen Bestimmungen" zu treffen, was die Existenz gesamtdeutscher Organisationen ausschloss. Die evangelische Kirche war aber immer noch gesamtdeutsch organisiert, in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Ein weiteres Druckmittel der SED ergab sich daraus, dass die EKD, also auch die ostdeutschen Kirchen, dem Militärseelsorgevertrag mit der Bundeswehr 1957 zugestimmt hatten. Die Kirchen wurden daraufhin von der SED als „Nato-Kirchen" beschimpft. Des Weiteren hatte bereits der Mauerbau 1961 die Zusammenarbeit von ost- und westdeutschen Pfarrern unmöglich gemacht. Die Kirche musste einsehen, dass die DDR keine Übergangslösung war, sondern ein seit 20 Jahren bestehender Staat.

Trennung von der EKD

Die acht ostdeutschen evangelischen Landeskirchen sahen sich gezwungen, sich von der EKD zu trennen. Auch deshalb, weil sie womöglich sonst einzeln gegen den starken Staat (das eigentliche Ziel der SED) gestanden hätten. Deshalb gründeten sie am 10. Juni 1969 den „Bund Evangelischer Kirchen in der DDR" (BEK). In Artikel 4, Absatz 4 erklärten sie jedoch, dass eine „besondere Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland" bestehe. Somit gaben sie die Grundlagen für das Verhältnis zur BRD nicht auf.

1971 akzeptierte die SED den neuen Bund offiziell. Sie machte ihm Angebote auf eine neue Beziehung zueinander, wenn dieser den Staat und den Sozialismus als Teil dieses Staates anerkennt. Die SED sicherte zu, dass sie an einer „Sozialisierung der Kirche" nicht interessiert sei. Die Kirche ging auf diesen Vorschlag ein und bezeichnete sich fortan seit einer Synode 1971 als „Kirche im Sozialismus" und wurde so der speziellen Situation in der DDR gerecht. Sie behielt sich aber das Recht zur kritischen Kommentierung vor.

Gegenseitige Abhängigkeit

Die Beziehung blieb einseitig durch die SED diktiert und angespannt. Allerdings hatte sich die Kirche als Manager mit dem Westen etabliert, insofern war die SED immer mehr auf die Kirche angewiesen. Mit Hilfe der Kirchengeschäfte A wurden aus der BRD ca. 1,5 Milliarden Mark über die Konten der Kirche in die DDR transferiert (1957-90), zum Beispiel wurde Kokskohle in die DDR verkauft, die die westliche Kirche mit Unterstützung der Bundesregierung bezahlte. Den Gegenwert in Ost-Mark bekam die DDR-Kirche gut geschrieben. Die Austausche waren streng geheim. So wie Kirchengeschäft B, mit dem Häftlinge gegen Geld aus der DDR frei gekauft wurden. Die Kirche fungierte hier als diskreter Vermittler.

Der 6. März 1978

Die Treffen mit Pieck, Ulbricht und Honecker waren für die Kirche von großer Bedeutung, denn durch sie ergaben sich die einzigen Regeln, auf die die Kirche bei Konflikten verweisen konnte. Auch die SED war zunehmend an einer Annäherung interessiert.

Bereits 1958 hatte die SED versucht, das Staat-Kirche-Verhältnis neu zu ordnen und war seitdem zu regelmäßigen Gesprächen mit der Kirchenleitung bereit gewesen. Es folgten weitere Gespräche 1961 und 1964.

Am 6. März 1978 vereinbarten Honecker und die evangelische Kirchenleitung erneut Grundsätze ihres Verhältnisses zueinander. Honecker war zu Zugeständnissen im Bereich des Zugangs der Christen zu Bildung und Arbeit bereit und sagte weitere Dialoge zu. Er gab Zusicherungen zum Bau neuer Kirchen, insgesamt 107, und zur Sendezeit in TV und Radio. Weitere Treffen folgten 1983, 1985 und 1988, allerdings wurden besonders heikle Themen wie Bildung und Militär ausgespart.

Der 6. März stellt einen Wendepunkt in der SED-Kirchenpolitik dar, der bis zum Ende der DDR fortbestand. Ulbrichts Kampf gegen die Kirchen wich dem Versuch, die Kirchen für den Sozialismus nutzbar zu machen. Dies bedeutete auch eine Abkehr von der marxistischen Religionskritik und stattdessen die Anerkennung der Kirche als gesellschaftlicher Kraft. Die Kirchenleitung ging auf das Angebot des Staates ein. Dies führte aber auch zu Unmut unter manchen Mitarbeitern, vor allem auf lokaler Ebene. Diese war es auch, auf der sich der immer größer werdende Protest in der Bevölkerung sammeln konnte, der 1989 zum Nährboden für den Mauerfall wurde.

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