
- Interkulturelles Lernen - Stefan Dassler
Der Prozess der Globalisierung hat viele räumliche und zeitliche Schranken für Unternehmen aufgehoben und unterschiedliche Lebensweisen, Werte und Ideale der Mitarbeiter sichtbar und spürbar gemacht. Daher ist es mittlerweile selbstverständlich, dass die Kompetenzen von Berufsschullehrern und Ausbildern sowie von Auszubildenden um die interkulturelle Dimension erweitert werden müssen. Allerdings gibt es noch zu wenige theoretisch fundierte praxisorientierte Hilfen, die Berufsschullehrer und Ausbilder in ihrem Berufsalltag unterstützen können.
Der Begriff „Interkulturelle Kompetenz“
Interkulturelle Kompetenz kann verstanden werden als Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturkreise erfolgreich zu agieren. Dies ist beispielsweise erforderlich, wenn Ausbilder und Berufsschullehrer mit Auszubildenden aus anderen Kulturkreisen umgehen oder wenn Ausbilder und Auszubildende mit Lieferanten und Kunden aus fremden Kulturen kommunizieren/verhandeln. Betroffen sind unter anderem die Ausbildungsberufe Groß- und Außenhandelskaufmann, Fremdsprachenkorrespondent, Hotelfachmann, Kaufmann für Tourismus und Freizeit, Reiseverkehrskaufmann, Speditionskaufmann, Polizeivollzugsbeamter, Bankkaufmann und Film- und Videoeditor,
Kultur (= „von Menschen Geschaffenes“) kann als Orientierungssystem verstanden werden, das innerhalb einer Gruppe eine reibungslose und effektive Kooperation erlaubt. Verschiedene kulturelle Werte können bei Menschen aus anderen Kontinenten oder Ländern, aber auch aus anderen Unternehmen, des anderen Geschlechts oder aus Minderheitsgruppen gelten.
Interkulturelles Lernen entwickelt und fördert die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Menschen aus fremden Kulturen – beispielsweise in der Berufsschule, im Betrieb am Arbeitsplatz oder in speziellen Trainings.
Voraussetzungen für interkulturelle Kompetenz bei Lehrern, Ausbildern und Auszubildenden sind:
- Sensibilität und Selbstvertrauen
- Verständnis anderer Denkmuster und Verhaltensweisen
- Die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt transparent zu vermitteln
- Flexibilität und Bereitschaft zum Dazulernen zu zeigen.
Vorteilhaft sind:
- Kenntnisse über und Erfahrungen mit anderen Kulturen und Nationen (beispielsweise durch Schüleraustausch, teilweises Absolvieren der Berufsausbildung im Ausland, Auslandsurlaube)
- Neugierde, Offenheit und Interesse für andere Kulturen (beispielsweise Besuch multikultureller Sportereignisse, internationale Konzerte)
- Einfühlungsvermögen und Empathie (beispielsweise Brieffreundschaften mit Gleichaltrigen einer anderen Kultur)
- Selbstbewusstsein und Kenntnis eigener Stärken und Schwächen (beispielsweise Bewerbung für ein Auslandspraktikum schreiben)
- Kritischer Umgang und Reflexion von eigenen Vorurteilen (beispielsweise sich mit scheinbar unsympathische Politikern, Unternehmen oder Popstars aus anderen Ländern dennoch auseinandersetzen).
Wie zeigen sich kulturelle Unterschiede?
Kulturelle Unterschiede können sich beispielsweise in unterschiedlicher Wahrnehmung, verschiedenem Verhalten und Gesten sowie in unterschiedlichem Verständnis von Vielreden und Schweigen äußern.
- Wahrnehmung: Ein Auszubildender, der aus einem arabischen Land stammt, nimmt Gerüche häufig differenzierter wahr als ein Europäer. Das Zeitgefühl von asiatischen Kunden/Lieferanten ist eher an der Vergangenheit (Vorfahren, Werte) orientiert. In lateinamerikanischen, afrikanischen und südeuropäischen Ländern ist es eher an der Gegenwart, in Westeuropa und Nordamerika eher an der Zukunft (Ziele erreichen) orientiert.
- Verhalten und Gesten: Ein Auszubildender mit islamischer Abstammung wird einen aufwärtsgerichteten Daumen als unanständiges Zeichen verstehen. Ein Europäer dagegen als Zeichen für „alles in Ordnung“. Osteuropäische und russische Kunden/Lieferanten deuten ein mit Daumen und Zeigefinger gebildetes „O“ als unanständige Geste. In westeuropäischen Ländern wird es hingegen als Zeichen für „alles ok“ verstanden. Wenn ein indischer (bulgarischer, griechischer) Azubi den Kopf schüttelt, bedeutet dies „ja“. Ganz anders ist es in der westeuropäischen Interpretation. Augenkontakt zu vermeiden, ist für einen Auszubildenden mit afrikanischer Abstammung ein Zeichen von Respekt gegenüber dem Ausbilder. In großen Teilen von Europa wird dies jedoch als unangemessene Scheu oder sogar Unehrlichkeit gedeutet.
- Verständnis von Vielreden und Schweigen: Vielrednerischen arabischen und amerikanischen Kunden/Lieferanten stehen oft wortkarge japanische Menschen gegenüber. Ein Auszubildender japanischer Abstammung empfindet Schweigen durchaus als behaglich, während es in Indien, Europa und Nordamerika bald zu Unsicherheit und Verlegenheit führt. Skandinavier fühlen sich in Schweigephasen weniger unbehaglich.
Auf Suite 101 finden Sie auch Artikel zur Medienkompetenz und zur Sozialkompetenz.
Literaturhinweise:
- Bolten, J.: Interkulturelle Kompetenz. Erfurt, 2001.
- Dassler, S.: Schlüsselqualifikationen für Auszubildende. Übungen und Trainingsbeispiele. Igel Verlag, Hamburg 2009.
- Reich, H. u.a. (Hrsg.): Fachdidaktik interkulturell. Ein Handbuch. Opladen, 2000.
