Wer auf der Suche nach dem passenden Internat für seinen Nachwuchs Rat suchend im Internet "googelt" (selbstverständlich gibt es auch andere Suchmaschinen!), ist zunächst einmal verwirrt von der Vielzahl der Angebote. Was die oft höchst professionell inszenierten Internetauftritte der Wohnschulzunft an Superlativen verheißen, steigert die Konfusion allerdings mitunter zusätzlich. Individuellste Betreuung, Persönlichkeitsentwicklung, Charakterbildung, Zucht und Ordnung, Talentförderung und ein exklusives Freizeitangebot, das keine Wünsche offen und keine Langeweile aufkommen lässt, das alles scheint fast jedes Institut zu offerieren – allerdings zu höchst unterschiedlichen Kostensätzen, die leicht einmal um das Zehnfache differieren können.
Wer zahlt für die Beratung?
Und als wäre das Angebot von über 300 Internatsschulen und Schülerheimen allein in Deutschland nicht schon verwirrend genug, präsentiert sich daneben noch ein wahrer Dschungel von Beratungsfirmen und Informationsbüros der Privatschulverbände, die der orientierungslosen Kundschaft die Auswahlentscheidung gern abnehmen, indem sie deren geschätzte Aufmerksamkeit auf eine Vorauswahl der angeblich besten, renommiertesten oder "führenden" Internate lenken, die selbstverständlich exklusiv nur unter den eigenen Vertragspartnern oder Financiers zu finden sind. Und wem das inländische Angebot nicht exotisch genug erscheint, der kann seinen Nachwuchs gleich in ein schweizerisches oder englisches Nobel-Institut oder gar Highschools und Colleges in USA, Kanada oder Neuseeland verfrachten lassen.
Ganz selbstlos sind derartige Entscheidungshilfen allerdings nicht. Und da die Eltern für den Beratungsservice in aller Regel nichts bezahlen, müssen wohl andere für die Kosten nobler Repräsentanzen, Hochglanzprospekte, Beratungstage in Luxushotels oder die freundliche Begleitung bis zum Abschluss des Internatsvertrags aufkommen. Und dieses sind – man ahnt es schon – die von den hilfreichen Experten so fachmännisch empfohlenen Internate selbst. Sobald die Eltern bei einem der Vertragsinstitute des „Beraters“ unterschreiben, wird eine Vermittlungsprovision fällig, die sich an der Höhe der Jahreskosten des Internats bemisst und zumeist bei 10 bis 15 Prozent dieser Summe liegt. Diese Courtage muss nicht selten für jedes Schuljahr neu entrichtet werden, um das der Schüler seinen Aufenthalt in dem betreffenden Privatinstitut verlängert.
Beim Eigenlob ist Prahlhans Küchenmeister
Da die horrenden Provisionen von „Euro-Internatsberatung“, „Töchter & Söhne“, „SIB“ und wie sie alle heißen mögen, manchen Einrichtungen mit der Zeit offenbar zu teuer geworden sind, gründeten sie eigene Agenturen. „LEH Service GmbH“ oder „VDP-Internatsberatung“ zum Beispiel werden direkt von den Mitgliedern bestimmter Internatsverbänden unterhalten. Ihre Aufgabe besteht ausschließlich in organisiertem Eigenlob, wobei die selbst verliehenen Prädikate „besonders renommiert“, „führend“, „Spitzeninternat“ allerdings auf keinerlei Verfahren zur Zertifizierung beruhen. Hier ist Prahlhans Küchenmeister, Wettbewerbsrecht hin oder her.
Kritische Informationen über die „Produkte“ sollte man von solcherlei „Beratern“ oder Beratungseinrichtungen besser nicht erwarten. Denn für Vermittler wie für angestellte Schönredner gilt die altbekannte Lebensmaxime: „Wes’ Brot ich ess’, des Lied ich sing’.“
Um der schlichten Verkaufe wenigstens einen Anschein von Objektivität zu verleihen, werden gern alle möglichen Tests durchgeführt, die das „Begabungsprofil“ des Bewerbers oder „besondere Interessen und Talente“ abklären sollen. Allerdings geht’s offensichtlich auch ohne derartige Gimmicks.
Eltern, die mal schnell eine Internatsempfehlung brauchen, um sich eines Problemkinds zu entledigen, scheinen ohnehin auf tiefschürfende Begutachtungen der missratenen Sprösslinge keinerlei Wert zu legen. Die Mehrzahl der Aufnahmekandidaten nämlich, so fand eine namhafte Illustrierte heraus, bekommt der Internatsvermittler nie zu Gesicht. Die notwendigen Abklärungen erfolgen in solchen Fällen per telefonischer Ferndiagnose.
Nicht nur zufriedene Kunden
Das erklärt vielleicht, warum Internatsberatung nach Art von Reisebüros oder Immobilienmaklern nicht auf ungeteilte Begeisterung stößt.
Ein Chefarzt aus dem Rheinland etwa reiste auf Empfehlung eines Vermittlers quer durch die Republik, um in einem bayrischen Internatsgymnasium zu erfahren, dass seine Tochter dort als Realschülerin leider nicht aufgenommen werden könne.
Eine Unternehmerin aus Rheinland-Pfalz konnte ihren sonderschulbedürftigen Sohn mit Hilfe einer hessischen Agentur zwar zunächst in einem Spitzeninternat der französischen Schweiz unterbringen. Doch nach einem Jahr wurde der mit der Unterrichtssprache Französisch hoffnungslos überforderte Filius wieder nach Hause geschickt.
Kein Problem für den Vermittler: Der wollte den Rückläufer gleich in ein franko-kanadisches Nobelcollege bugsieren. Begründung: Die notwendigen Sprachkenntnisse habe der ja in der Schweiz bereits erworben.
Wer bei der Auswahl des richtigen Internats nicht ohne Unterstützung auskommt, wird vermutlich bei der Auswahl des richtigen Beraters ähnliche Schwierigkeiten haben. Doch wer berät über die richtigen Berater?
Unabhängige Internatsexperten sind rar, aber mit etwas Durchhaltevermögen und Anstrengungsbereitschaft durchaus zu finden.
Der ehemalige Leiter eines evangelischen Internats am Bodensee, Pfarrer und Familientherapeut Peter Giersiepen, bietet Eltern „unabhängige Internatsberatung" an. Hierfür fällt jedoch ein Beratungshonorar von mehreren Hundert Euro an.
Zum Nulltarif macht’s nur die Internatsberatung der AVIB e.V., die sich als Verbraucherberatungsstelle versteht und von einem gemeinnützigen Verein getragen wird.
Wer die Dienste unabhängiger Experten in Anspruch nimmt, sollte realistisch und problembewusst sein. Er muss damit rechnen, in seiner Erwartungshaltung stark verunsichert zu werden. Bequeme Lösungen im Schnellverfahren und ohne dass man wirklich alle Karten auf den Tisch legen müsste, werden hier nicht geboten. Da verliert so mancher neben seinen Illusionen schnell auch die Geduld.
Auch Internate kochen nur mit Wasser
Der beste Schutz gegen falsche Berater ist immer noch gesunder Menschenverstand. Viele Gewissheiten, die unter sogenannten Internatseltern kursieren, fallen bei nüchterner Betrachtung und sachlicher Erörterung nämlich in sich zusammen wie die sprichwörtlichen Kartenhäuser.
Nein, die teuersten Internate sind eben nicht die besten. Sie gehören auch nicht allein schon wegen ihrer sozial exklusiven Preisgestaltung zu den Eliteinternaten. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die Qualität eines Eliteinternats ist vor allem von der Qualität der Schülerauswahl abhängig. Die staatlichen Eliteinternate, deren Kostensätze so hoch subventioniert werden, dass sie für nahezu alle Einkommensschichten erschwinglich sind, haben in dieser Hinsicht daher eindeutig die Nase vorn.
Auch die kleineren Klassen, mit denen Privatinstitute gerne werben, führen entgegen landläufiger Ansicht nicht zu höheren Schülerleistungen, insbesondere dann nicht, wenn die Internatsschüler überwiegend Schulversager sind. Und die individuelle Betreuung, nicht zuletzt die Aufarbeitung schulischer Defizite und die Unterstützung bei den Hausaufgaben, lassen in vielen Instituten doch eher zu wünschen übrig.
Mit "Zucht und Ordnung" ist es häufig ebenfalls nicht weit her. Gerade auf diesem Gebiet wird die pädagogische Wirkung eines Internatsaufenthalts ohnehin weit überschätzt. Alkotester oder stichprobenartige Urintests können den Drogenkonsum der Internatschüler nicht unterbinden. Und selbst die schönste Freizeitanimation am Nachmittag verhindert nicht, dass Internatler nachts aussteigen oder anderweitigen gefährlichen Unsinn veranstalten.
Internate bieten eben nicht die „heile Welt“. Auch dort kochen die Pädagogen nur mit Wasser. Und als Internatsschüler muss man mancherlei Widrigkeiten ertragen und Kompromisse eingehen.
