Interpretation: ,,Willkommen und Abschied" von J.W. Goethe

Interpretation des Gedichts ,,Willkommen und Abschied" aus der Sturm und Drang-Phase des jungen Goethe

In Johann Wolfgang von Goethes Liebesgedicht ,,Willkommen und Abschied“ geht es um das Treffen zweier Liebenden bzw. um den Weg des männlichen lyrischen Ich zur Geliebten. Geschrieben wurde das Gedicht 1771 in der Sturm und Drang-Phase des jungen Goethe und gehört zur Sesenheimer Lyrik.

Form und Aufbau des Gedichts "Willkommen und Abschied"

Das Gedicht besteht aus 4 Strophen mit jeweils 8 Versen. Das Methrum ist ein 4-häbiger Jambus mit wechselnder männlicher und weiblicher Kadenz und ist wahrscheinlich dem Rhythmus des Hufgetrappels eines galoppierenden Pferdes nachempfunden, was den Ritt des lyrischen Ichs verdeutlichen soll. Das Reimschema in den ersten beiden Strophen ist sehr gleichmäßig, es besteht aus jeweils 2 Kreuzreimen und soll das gleichmäßige Tempo des Pferdes verdeutlichen. Ab der 3. Strophe, also dem eigentlichen Treffen wird dieses Reimschema unterbrochen bzw. die Reime sind nicht mehr so weich wie zuvor (Z. 17 ,,Freude“ Z. 18 ,,Seite“) Der Klang des Gedichts wird unterbrochen und soll den Leser zusätzlich auf die neue Situation aufmerksam machen.

Sprachliche Mittel

Beim durchlesen des Gedichts fällt auf, dass es mit eines Exklamation beginnt und endet, was einen gewissen Kreislauf erzeugt wie auch der Titel des Gedichts an sich. Dem Leser wird sofort klar gemacht, dass hier nicht nur die stürmische Begeisterung auf das bevorstehende Treffen beschrieben wird (Z. 2 ,,wild wie ein Held zur Schlacht“), sondern auch der Schmerz des Abschieds (Z. 18 ,,Welcher Schmerz“). Goethe zeigt auf, dass alles Mal zu Ende geht, aber wo ein Ende ist, ist auch ein neuer Anfang. Dies kann man wiederum gut auf den Lebenslauf des Dichters beziehen, da er als dies Gedicht entstanden ist mit der Sesenheimer Pfarrerstochter Friderike Brion verlobt war, diese jedoch verließ, um seine ,,geistige Entwicklung“ zu retten. Für Goethe stellte also diese Trennung, dieser Abschied den Anfang eines neuen Kapitels dar. Im Verlauf des Gedichts bedient sich Goethe vieler Metaphern und Symbole (z.B. Z. 4 ,,Nebelkleid“). Diese rufen gerade in den ersten beiden Strophen eine gespenstische, ja fast schon beängstigende Stimmung hervor. Diese Stimmung wird noch durch Hyperbeln wie ,,hundert schwarze Augen“ (Z.8) oder ,,tausend Ungeheuer“ (Z. 13) verstärkt. Durchdrungen wird diese Dunkelheit einzig und allein vom ,,verzehrend Feuer“ (Z. 15) des lyrischen Ichs, das sich dank seines ,,tausendfachen Mutes“ (Z. 14), hervorgerufen durch die Freude auf das Treffen, sich wie ein ,,Held“ (Z. 2) der Nacht und der von ihr geschaffenen ,,Ungeheuer“ (Z. 13) stellt. Goethe verwendet hier also Symbole, die man nicht unbedingt mit dem Thema Leibe in Verbindung bringt. Es wird jedoch klarer wenn man sich vor Augen führt, dass Goethe in jeder Strophe das Herz, also das Symbol für die Liebe schlechthin, verwendet. So wird einem klar, dass der Autor diese Stimmung nutzt, um die Macht oder auch beflügelnde Kraft der Liebe zu unterstreichen, die das lyrische Ich durch alle Gefahren trägt.

In Strophe 3 kommt es dann endlich zum Treffen. Während die Stimmung zuvor ängstlich war, schlägt sie nun komplett ins Gegenteil um. Dies kommt zu Stande in dem Goethe verstärkt mit ,,hellen“ Symbolen wie zum Beispiel ,,rosafarbenes Frühlingswetter“ (Z. 21) arbeitet, im krassen Gegensatz zur Nacht und ihrem Nebelkleid steht. Auch die Gemütslage des lyrischen Ichs wechselt: War sie vorher noch dominiert von Mut, ist es nun das Glück, das überwiegt (siehe Z. 31-32). Das nächste Bemerkenswerte an den letzten beiden Strophen ist das ,,Stimmungsgefälle“ zwischen dem lyrischen Ich und seiner Geliebten. Während sein Herz in Glut zerfließt (Z. 16), empfindet sie gerade einmal ,,milde Freude“ (Z. 17). Inder letzten Strophe kippt das Gefälle ins Gegenteil, nun ist es die Geliebte die leidet (Z. 18 ,,welcher Schmerz“), während das lyrische ich ihr nur einen ,,nassen Blick“ (Z. 30) nach schickt. Das Feuer scheint erloschen, die Glut erkaltet zu sein. Auch dies kann man wieder auf Goethes Biographie beziehen. Zuerst warb er mit vollen Eifer um Brion, dann lässt er sie einfach sitzen. Aus diesem Blickwinkel erscheinen die letzten beiden Zeilen fast höhnisch da Goethe die Leibe als eine Art Himmelsmacht bezeichnet, selbst aber ,,schweren Herzens“ darauf verzichtet, nur um weiterhin über sie schreiben zu können.

Quelle: Johnn Wolfgang von Goethe, Werke (Hamburger Ausgabe), Bd. 1, München, 1998