Interview: Armin Steigenberger über das Stottern

Lesungen geben trotz Stottern – das geht und nicht nur das

Armin Steigenberger ist Lyriker und Radiomoderator - Privat Armin Steigenberger
Armin Steigenberger ist Lyriker und Radiomoderator - Privat Armin Steigenberger
Stotterer ziehen sich eher zurück, gehen selten in die Offensive. Öffentlichkeit und Medien meiden sie. Nicht so der Lyriker und Radiomoderator Armin Steigenberger.

Es gibt Menschen, die sind anders als der Durchschnitt und verstecken dies oder gar sich selbst. Andere gehen es offensiv an. So wie Armin Steigenberger. Seit frühester Kindheit stottert er und war doch sehr bald der Literatur verfallen. Vielleicht sogar – so denkt Armin Steigenberger selbst – weil er sich mit dem Stottern auseinandersetzen musste. Nach einem Architekturstudium und sechsjähriger Berufserfahrung hat er sich mehr und mehr im Literaturbereich engagiert. Zwei Jahre lang war er Vorsitzender des Münchner Literaturbüros, ist Mitherausgeber der Münchner Literaturzeitschrift außer.dem und Initiator von zahlreichen Literaturgruppen und Schreibseminaren. Seit 2007 ist er auch im Radio zu hören. „Schöner Stottern“ ist eine Sendung, die über das Stottern berichtet und gleichzeitig eine Plattform für Betroffene schaffen will.

Ist nicht gerade das Radio ein extrem schwieriges Medium für einen Stotterer?

Armin Steigenberger: Genau darum geht es: Stotternde Menschen neigen dazu, sich zurückzuziehen, gerade Öffentlichkeit und Medien widerstreben ihnen. Damit umzugehen fällt nicht leicht. Ich habe schon ganz schön mit mir gerungen, bis ich mich ans Mikro getraut habe, zumal die Radiosituation ja auch etwas unheimlich ist: man hat seine Kopfhörer auf und hat keine Ahnung, wie viele einem "da draußen" zuhören. Aber nach zwei Jahren fällt es meinem Partner Enrico Strathausen und mir immer leichter und wir sind ja nun fast schon etabliert.

Seit wann stottern Sie?

Armin Steigenberger: Von früher Kindheit an. Allerdings heißt das nicht, dass jedes Kind, das stottert, das ein Leben lang tun wird. Es gibt bei manchen Kindern ein Entwicklungsstottern, das sich nach kurzer Zeit wieder gibt. Bei Bedenken sollten Eltern immer einen Logopäden aufsuchen, da Stottern auch im Kleinkindalter schon chronisch werden kann.

Gab es einen erkennbaren Auslöser oder ein traumatisches Ereignis?

Armin Steigenberger: Die Frage, wo das Stottern herkommt, ist so ähnlich wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass das Stottern auf einen Schock, auf ein Trauma o. ä. zurückgeht, weshalb auch eine Zeit lang (vor allem als 1841 das Experimentieren mit Elektrizität gerade in Mode kam) versucht wurde, Stottern mittels Elektroschocks oder Elektrostimulationen heilen. Diese unangenehme Methode wird Gott sei Dank schon lange nicht mehr angewandt. Neueste Untersuchungen zeigen, dass es auch neurologische Zusammenhänge geben könnte, vielleicht vereinfacht darstellbar als eine Art "Übertragungsschwäche" vom Sprachzentrum zu den Sprechorganen, die besonders in Stresssituationen die Kommunikation blockiert. Es kommen sicherlich viele Faktoren zusammen, d.h. die biologische Disposition trifft möglicherweise zusätzlich auf eine psychologische Konstellation, die das Auftreten des Stotterns weiter begünstigt. Es geht da wahrscheinlich bei den meisten Betroffenen um etwas Komplexes und Multifaktorielles. Interessant ist, dass Stottern bei den Allermeisten nur in Gesellschaft auftritt. Kaum ein Stotternder stottert, wenn er alleine zu Hause vor sich hinspricht. Es geht viel mehr um Kommunikation als um Sprechen und Artikulieren. Deshalb ist Stottern auch eher eine Kommunikations- als eine Sprechstörung.

Wenn Sie Geschichten oder Gedichte vorlesen, stottern Sie so gut wie nie. Wie kommt das?

Armin Steigenberger: Das Bühnen-Syndrom. Wobei es nicht ganz stimmt. Ich konnte eine Zeit lang in der Schreibwerkstatt keine eigenen dort verfassten Texte vorlesen, habe meist nach ein paar flüssig gelesenen Sätzen kein Wort mehr herausgebracht. In der Regel aber fällt mir das Vortragen von Texten relativ leicht. Das ist vielleicht damit erklärbar, dass ich mir in der spontanen Sprechsituation immer von Neuem das Wort "erobern" muss. In der Bühnensituation ist es klar, dass ich jetzt dran bin und rede. Das Podium ist meins und alle lauschen gespannt. Das ist viel einfach als wenn in einem Gespräch fünf Leute reden und jeder voller Ungeduld etwas Wichtiges einbringen will. Zudem muss man auch frei formulieren. Es gibt aber auch Stotternde, die genau das nicht können, einen fertig verfassten Text vorzutragen, da sie davon nicht abweichen können. Sie sind absolut auf den Text festgelegt und das fällt ihnen schwer.

Passiert es Ihnen manchmal, dass Sie bei einem anderen Stotterer Unruhe verspüren?

Armin Steigenberger: Natürlich. Der Umgang unter Stotternden ist auch nicht viel anders als bei Nichtstotternden; da gibt es dieselben Mechanismen: man will zu Wort kommen, man ist ungeduldig und unterbricht den anderen. Nur im geschützten Raum (Therapie / Selbsthilfegruppe / Training, Workshop, Seminar o. ä.) fallen diese normalen und menschlichen Züge wie Ungeduld vielleicht mal unter den Tisch. Wenn jemand eine starke Symptomatik oder gerade eine schwere Phase hat, ist das für mich sicherlich genauso anstrengend wie für jemanden, der nicht stottert. Was bei mir als Zuhörer ausgelöst wird, ist ja unabhängig davon, ob ich selbst stottere. Allerdings weiß ich etwas, was der Nichtstotternde eventuell nicht weiß: Kein Stotternder stottert immer gleich. Einmal stottere ich sehr stark, oft situationsabhängig, im nächsten Moment ist es wie weggeblasen. Deshalb sprechen wir lieber von "Stotternden", weil sie vor allem wenn sie kommunizieren, stottern. Beim „Stotterer“ wäre dessen Stottern als starre, immer gleiche und unveränderbare Tatsache festgeschrieben. Was ja nicht so ist.

Ist es für einen Stotternden angenehmer, wenn er angeschaut wird beim Stottern oder wenn der Zuhörende eher wegschaut?

Armin Steigenberger: Ganz klar: Bitte anschauen und Blickkontakt halten. Wenn die Blockade da ist, ist es viel schwieriger den Satz zu Ende zu bringen, wenn der Zuhörer wegschaut.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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