Charles Schumann, Chef des legendären 1982 in München eröffneten Schumann’s, nach eigenen Angaben im letzten Drittel seines Lebens beheimatet, ist „das“ Baldessarini-Model, Autor mehrerer Bücher über die Kunst des Cocktail-Mixens und wohl bekanntester Barkeeper Deutschlands. Im Laufe seines Lebens hat er die Kenner erlesener Drinks mit so einigen Erfindungen entzückt – die bekannteste: der „Swimmingpool“. 4cl Wodka, 2cl Blue Curaçao, 2cl Sahne, 10cl Ananassaft, 2cl Cream of Coconut. Im Mixer mit Crushed Ice zur Pina-Colada-ähnlichen Textur verarbeitet und anschließend mit Blue Curaçao zur Lagune verfeinert.
Mit Sicherheit ist „Charles“ an Lässigkeit nicht zu überbieten. In Haltung, Stil und Äußerung. Wer seine geradlinigen Ehrlichkeiten in kurzen und knappen Lauten nicht verträgt, garniert mit einem eher unfreundlichen Gesichtsausdruck, sollte sein Umfeld nicht suchen, dennoch entgingen einem jeden dabei lukullische Spezialitäten ebenso wie auf den Punkt gemixte Drinks und Wohltemperiertes. Charles Schumann: Elke Bauer sprach für Suite 101 mit ihm über Würdeloses und Würdevolles im täglichen Bar-Dasein.
Suite 101: „Würde, ein Begriff über den heute nicht mehr viel diskutiert wird. Oder was denken Sie?“
Charles Schumann: „Eigentlich braucht man über Würde gar nicht mehr viel diskutieren, finde ich. Sie sollte selbstverständlich sein, ja, so einige Dinge sollten wirklich selbstverständlich sein. Ich glaube, dass die jungen Leute da wieder hinfinden. Bei uns gab es mal eine Zeit, wo man über alles hinweggegangen ist, aber das wird sicher wieder besser werden.“
Suite 101: „Sind sie ein stiller Zeuge von kleinen Unwürdigkeiten des Alltags, vielleicht meist bedingt durch das Gläschen zu viel?“
Charles Schumann: „Nein, die Menschen trinken leider nicht mehr sehr viel. Das ist ganz schlimm, dass sich die Trinkgewohnheiten so verändert haben. Die richtig großen, manchmal nicht würdevollen Trinker, die sind entweder tot oder der Arzt hat ihnen so lange eingeredet, es sei nicht gut für sie, bis sie aufgehört haben. Aber ich finde, Trinken ist schon enorm wichtig für eine Bar. Denn viele haben auch ein Teil ihres Lebens durch das Trinken mehr genossen.“
Suite 101: „Hat das vielleicht etwas mit Stress zu tun, dass weniger getrunken wird, um körperlich fit zu bleiben?“
Charles Schumann: „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur selber, dass man sich hier im Schumann’s mittags nur noch sehr selten ein Glas Wein genehmigt. Viele bestellen für vier Leute eine Flasche Mineralwasser, also…“ (Achselzucken)
Suite 101: „Wie ist denn Ihr Rezept „im Kleinen“, um das Miteinander würdevoll zu gestalten?“
Charles Schumann: „Auch daran muss man ständig arbeiten. Ich meine, man muss die Menschen darauf hinweisen und man muss auch mal einschreiten. Da gehört schon etwas Zivilcourage dazu, zu sagen: Leute so nicht! Und ich würde es auch sofort tun. Wenn ich sehe, dass die Würde des Menschen missachtet wird und ich bin dabei, dann schreite ich ein. Ich habe zum Beispiel bei mir in der Bar niemanden an der Tür. Ich finde es einfach unmöglich, Leute nicht hereinzulassen. An der Tür stehen und auf die Schuhe gucken und mal den Anzug anschauen… und Du nicht, weil du schlecht angezogen bist oder weil Du nicht in unser Bild passt, das finde ich würdelos. Wobei ich mir manchmal vorstellen könnte, dass Menschen sich ein bisschen besser anziehen, wenn sie ausgehen. Heute gibt’s viele Leute, die vermögend geworden sind, aber nicht damit umgehen können. Sie haben es nie gelernt.“
Suite 101: „Das sagt der Dressmann der Hugo-Boss-Linie Baldessarini...“
Charles Schumann: „Das mache ich ja schon ewig. Für Boss arbeite ich schon seit zehn Jahren. Ich überlege mir allerdings ab und zu, ob ich es noch weiter tun soll.“
Suite 101: „Kostet das so viel Überwindung?“
Charles Schumann: „Ich bin nicht einer von denen, der glaubt, wir Älteren müssten jetzt noch auf den Laufsteg gehen und der neuen Generation zeigen, dass wir auch noch ordentlich aussehen, bei günstiger Beleuchtung. Das mache ich aus Freundschaft zu Baldessarini. Geld krieg’ ich sowieso nicht dafür, das ist ja bekannt. Anzüge habe ich auch genug, mittlerweile. Das heißt nicht, dass es anstrengend ist, es langweilt mich einfach. Wenn man nachts nach Hause geht und weiß, dass der Tag wirklich Spuren hinterlassen hat, dann muss man auch nicht vor einem Shooting zwei Stunden vor dem Spiegel sitzen um sich die Haut bügeln zu lassen – das braucht man wirklich nicht.“
Suite 101: „Finden Sie modisch zu sein oberflächlich oder eher auch ein Art Grundbedürfnis?“
Charles Schumann: „Eigentlich eher ein Grundbedürfnis. Menschen ziehen sich doch gern an und es gibt dann Sachen, in denen man sich einfach wohl fühlt. Das heißt, ich ziehe manchmal die ganze Woche den gleichen Anzug an, und wenn ich dann schlecht drauf bin, fühle ich mich darin richtig wohl. Ich nenne ihn dann Wohnanzug.“
Suite 101: „Was macht denn Ihren kontinuierlichen Erfolg aus, Freundlichkeit?“
Charles Schumann: „Freundlich? (Er lacht). Nein, freundlich bin ich nicht, dafür bin ich ja auch bekannt. Na ja, vielleicht ein bisschen freundlicher als früher. Wenn man so viele Jahre etwas durchsteht, mit so vielen verschiedenen Menschen, dann kann man es nicht nur mit Nichtfreundlichkeit schaffen. Man sollte immer ein gutes Verhältnis zu seinen Gästen haben. Permanenter Einsatz ist gefordert, immer wieder Dinge überdenken – ist das gut oder daneben. Ich überlege mir, was ich verändern kann, ohne das bestehende Niveau zu verlieren. Ich gebe mir wirklich jeden Tag Mühe.“
Suite 101: „Sie haben ja nur männliche Bedienungen, warum?“
Charles Schumann: „Generell hat man mit Frauen in einer Bar nur Ärger, es ist zu schwierig und es ist richtig hart. Ich meine, wenn ich ein Hotel hätte, dann wäre es klar, aber in einer Bar, bis nachts um drei Uhr, ich bin es ja selbst nicht mehr so gewöhnt, wäre es zu viel. Mein Tag beginnt um neun Uhr und geht bis Mitternacht und das ist lange genug. Aber wenn Frauen hier wären – das wollte ich denen nicht zumuten. Es ist ja auch keine normale Bar, ab und zu geht es hier schon mal zu wie in einer Bahnhofshalle.“
Suite 101: „So garantieren Sie einen guten Service, der trotz Gedränge nichts zu wünschen übrig lässt?“
Charles Schumann: „Wo haben sie das gelesen? Also, wir waren früher schon dafür bekannt, dass wir unfreundlich sind, doch auch das habe ich versucht zu verändern. Das war nicht immer einfach. Wenn Menschen hier zwanzig Jahre arbeiten, werden sie nicht nur zum Menschenfreund...“
Suite 101: „Privatleben haben Sie keins, das ist auch bekannt...“
Charles Schumann: „Wenig. Wenig... Manchmal frage ich mich, ob ich das hier bis zu meinem Lebensende machen soll. Ich bin ja auch schon im letzten Drittel des Lebens. Würde ich aufhören, in der Bar zu arbeiten, würde ich zwei- bis dreimal in der Woche irgendetwas anderes tun. Also, so gar nichts mehr zu tun haben, dass kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Also, nur vom Sport oder einem anderen Rentnerdasein leben zu müssen, das wäre für mich nicht vorstellbar, oh nein.“
Vielen Dank, Charles Schumann, für das Gespräch.
