Interview mit Juliette Binoche: "Ich will bescheiden bleiben"

Die französische Oscarpreisträgerin in Berlin - Caroline Stern
Die französische Oscarpreisträgerin in Berlin - Caroline Stern
Die französische Schauspielerin hat längst einen Oscar und ist weltberühmt. Zu ihrer Premiere von "Die Liebesfälscher" in Berlin erschien sie gut gelaunt.

Umringt von Journalisten und Autogrammjägern, belebte Oscarpreisträgerin Juliette Binoche in der Nacht des 29. September den Kurfürstendamm mit ihrer authentischen Art. Im Cinema Paris fand die Deutschlandpremiere ihres neuen Films "Die Liebesfälscher" statt, der am 13. Oktober in die Kinos kommt. Für die beste weibliche Hauptrolle erhielt sie bereits die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes 2010.

Vielseitige Charakterdarstellerin

Die meisten kennen Binoche aus "Chocolat" mit Johnny Depp oder aus "Der englische Patient". Doch Cineasten spielte sie sich bereits 1991 mit dem Film "Die Liebenden von Pont-Neuf" in die Herzen. Juliette Binoche ist eine vielseitige Charakterdarstellerin mit Tiefe ("Drei Farben: Blau") und Humor ("Paris, je t'aime") und eine der bekanntesten europäischen Schauspielerinnen überhaupt. Sie live zu erleben hat etwas von einer Jeannie in a Bottle-Erfahrung. Nun war sie da in der deutschen Hauptstadt, die sie "kaum genießen kann wegen all der Interviews". Doch sie kennt Berlin, denn sie hat hier bereits gedreht.

"Die Liebesfälscher" - kunstvolles Verführungsspiel

Juliette Binoches neuer Film "Die Liebesfälscher" handelt von Wahrheit und Lüge. Es geht um einen englischen Autor und eine französische Kunstexpertin, die sich in der Toskana begegnen. Sie umkreisen sich, nähern sich an - ein kunstvolles Verführungsspiel entwickelt sich. Der Raum um sie herum wird immer kleiner. Sie kommen von einer belebten Stadt aufs Land, in ein Dorf und landen schließlich in einem kleinen Hotelzimmer. Auch die Sprache verändert sich. Der Film fängt auf Englisch an und wird immer französischer und intimer. Nach und nach wird klar: Die beiden kennen sich doch. Und sie kennen sich schon lange, sie sind sogar verheiratet. Sie spielen nur ein Neu-Kennenlernen.

Binoche: "Geschichten von Paaren sind automatisch Komödien"

"Es geht nicht um das Werk, sondern um den Blick des Betrachters", heißt es im Film, der ein kunstvolles Plädoyer für die lange Liebe ist auf eine humorvolle Art im tieferen Sinne. In der männlichen Hauptrolle sieht man den englischen Opernsänger William Shimell überzeugend in seinem Kinodebüt. Das Ende des Films bleibt offen. "Ich mag es, wenn Filme keine Antwort geben, sondern Fragen überlassen. Dann kann man darüber nachdenken", äußerte Binoche. Beim Dreh hätten sie außerdem viel gelacht. "Die Geschichten von Paaren sind automatisch Komödien", fügte die Schauspielerin am Donnerstagabend vergnügt hinzu.

Ein Film des preisgekrönten iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami

"Die Liebesfälscher" ist ein Film des preisgekrönten iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami ("Der Geschmack der Kirsche"). "Er ist meine Ikone", so Juliette Binoche bei der Premiere. Sie wollte schon immer einmal mit ihm zusammenarbeiten. Mit Genuss erzählte die Schauspielerin dem Publikum vorm Film, wie es zu "Die Liebesfälscher" kam. "Ich rief Abbas Kiarostami an und fragte: Wann drehen wir endlich einen Film zusammen? Er meinte: Dann komm zu mir in den Iran. Ich antwortete: Ich soll in den Iran kommen, wo man mir den Kopf abschlägt? Er beschwichtigte: Nein, ist gar nicht so schlimm. Also bin ich nach Teheran geflogen. Dann ist er mit mir ausgegangen und hat mir eine Geschichte über ein Paar in der Toskana erzählt, das er kannte. Während dieser 45 Minuten, die ich ihm zuhörte, sind meine Augen immer größer geworden. Er am Ende: Glaubst du mir die Geschichte? Ich: Natürlich glaube ich sie dir! Er: Sie ist aber nicht wahr. Liebes Publikum, sie sehen jetzt also die Geschichte, die nicht wahr ist." Das Publikum war begeistert von dieser Geschichte und dem Film.

Kurzes Interview mit Juliette Binoche

Wenn sich der französische Filmstar schon in dieselbe Kinoreihe setzt, lädt das ja geradewegs zu einem Interview ein.

Frau Binoche, haben Sie bereits ähnliche Erfahrungen gemacht wie die Frau in ihrem aktuellen Film?

Ich? (lacht) Sie meinen, einen Mann in ein Dorf gefahren? Nein, im Ernst, ich denke nicht. Solche Erfahrungen noch nicht.

Kennen Sie einen guten deutschen Film?

(überlegt länger) Da gab es doch einen großartigen Regisseur bei Euch, der hieß Fassbinder.

Sind Sie schon mal mit Sophie Marceau um die Häuser gezogen?

Nein.

Sie sind eine der wichtigsten europäischen Schauspielerinnen, haben bereits einen Oscar erhalten und jetzt eine Goldene Palme in Cannes für Ihre Rolle in "Die Liebesfälscher". Wie fühlt sich das an, so gelobt zu werden?

Ich mag es lieber, wenn man bescheiden bleibt. Weil all diese vielen Komplimente, die man bekommt, wenn man vor einer Kamera steht, da kann man sich fast ein wenig für schämen. Aber ich freue mich natürlich trotzdem. Es ist immer so ein kleiner Widerspruch, weil man auf der großen Leinwand etwas darstellt, eine Figur spielt, die sich zum Beispiel ein Regisseur ausgedacht hat. Und dann liest man in den Kritiken darüber, was für eine großartige Interpretation, was für eine großartige Darstellung man geboten hat. Aber dafür macht man es ja nicht. Man macht es, weil man sich gerne verwandelt.

Danke, Juliette Binoche.

(Die Fragen stellte Caroline Stern)

Fazit zum Film: "Die Liebesfälscher" ist ein gelungenes Porträt einer langen Beziehung, die davon lebt, das man den Blick füreinander nicht verliert. Sehr zu empfehlen.

Kurzes humorvolles Video-Statement von Juliette Binoche

Trailer zu "Die Liebesfälscher"

Besetzung: Juliette Binoche, William Shimell

Regie und Drehbuch: Abbas Kiarostami

Dauer: 106 Minuten

Kinostart: 13. Oktober 2011

Im Verleih von Alamode Film.

Caroline Stern, (c)

Caroline Stern - Veröffentlichungen u. a. in: People Management, Time Out London und auf: morgenpost.de, stern.de, welt.de. Aufgewachsen in Plauen ...

rss