Interview mit Juri Sachno, Pianist aus Leidenschaft

Juri Sachno 1, Pianist - Yasmin Maierhofer
Juri Sachno 1, Pianist - Yasmin Maierhofer
Juri Sachno, in der Tradition der jüdisch-russischen Klavierschule verankert, erzählt von seinem Werden und dem Weg zu einer schlüssigen Interpretation.

Juri Sachno, 1966 in Taganrog geboren, studierte in Rostov am Don bei Eugen Surin. Seit 2003 konzertiert er regelmäßig in Österreich und Deutschland, zuletzt gemeinsam mit dem Medienkünstlerduo 1nOut. Zur Zeit gastiert er beim Festival „Vienna Summer Classic“.

FCR: Herr Sachno, wie haben Sie zur Musik gefunden?

JS: Es war eigentlich das Verdienst meiner Mutter. Sie liebte es, mir vorzuspielen, aber sie hat es bald bereut, denn ich war nicht mehr vom Klavier wegzubringen und versuchte hartnäckig, alles, was sie spielte, nachzuspielen. Das nervte meine Eltern so sehr, dass sie eine Nachbarin baten, mich zu unterrichten. So war Ruhe und Frieden bei uns wieder hergestellt, denn ich wurde immer besser und quälte das Klavier nicht mehr. Mit sieben bin ich dann in die von Anton Tschechow gegründete Musikschule von Taganrog gekommen, dem „Musikcollege“, und an dem ich selbst nun unterrichte.

FCR: Ich habe gelesen, dass Sie als 15-Jähriger an der russischen Mathematik-Olympiade teilgenommen haben …

JS: … ja, und ich habe den zweiten Platz belegt. Und das, obwohl ich mit der Mathematik erst über Kreuz gewesen bin. Meine Eltern sind Techniker und haben im Flugzeugbau gearbeitet, insofern wäre mir Mathematik nicht so ferne gewesen. Man soll ja nicht alles auf den Lehrer schieben, aber mit dem Lehrer in der alten Schule … ging es nicht. In der neuen Schule hatte ich dann einen Lehrer, der mich sehr motiviert hat. Man hat mir dann nahe gelegt, mich intensiver mit Mathematik zu beschäftigen, aber die Musik war mir dann doch näher.

FCR: Wie stellt sich für sie die Verwandtschaft zwischen Musik und Mathematik dar?

JS: Die Verbindung zwischen Mathematik und Musik ist eigentlich die Harmonie. Harmonie ist in Musik umgesetzte Mathematik, die von den Wiener Klassikern systematisiert wurde, von Mozart, von Haydn, zum Teil auch von Beethoven.

FCR: Wie passt diese „mathematische“ Harmonie zu Ihrer Vorliebe zur Musik von Rachmaninow?

JS: Das Wort Harmonie hat die verschiedensten Bedeutungen. Zum Beispiel „Wohlklang“. Aber man sollte die Harmonie der Seele nicht vergessen, die ebenfalls im Wort „Harmonie“ mitschwingt. Die Harmonie der Seele, die Harmonie im Gefühlsleben. An sich suggeriert „Harmonie“ einen ruhigen und entspannten Zustand. Dennoch gibt es auch einen, ja, aufgeregten Zustand, der sehr harmonisch sein kann. Und: man kann sehr entspannt sein, und sich trotzdem a-harmonisch fühlen.

FCR: Das versteh ich nicht. Ist das „slawisch“?

JS (lacht): Also ein Beispiel. Beethoven, 2. Klaviersonate, 2.Satz: Largo appassionato. Dieser Satz hört sich an, als wäre er sehr ruhig. Aber am Ende, nach dieser Ruhe kommt eine solche Panik auf, dass man den Eindruck hat, man muss sofort etwas tun, sonst geht die Welt unter. Ich will sagen: der äußere Anschein von Musik muss nicht unbedingt den analogen emotionalen Zustand in der Seele des Menschen auslösen. Nehmen wir das zweite Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow, das ist zwar eine sehr emotionale, sehr aufgeregte und lebendige Musik, ich bin nach dem Finale ganz ausgeglichen und entspannt …

FCR: Jeder Mensch erlebt Musik anders …

JS: Ja, das ist für jeden unterschiedlich. Als ich im Musikcollege war, hatte ich einen Freund, der um ein Jahr älter war als ich, reifer. Er hat mir eine Art Leitmotiv für mein Leben gegeben: „Es gibt keine schlechte Musik. Es gibt Musik, für die ein Mensch einfach noch nicht bereit ist. Und es gibt Musik, die ein Mensch schon hinter sich hat. Und dann gibt es noch parallel existierende Musik, mit der jener Mensch niemals irgendetwas zu tun haben wird.“

FCR: Wie gehen sie vor, um diese emotionalen Werte, etwa die Panik im Largo Appassionato im Beethovenschen 2. Satz von op. 2 herauszufinden?

JS: Das ist sehr schwierig. Ich weiß es nicht. Das kommt von selbst. Es passiert.

FCR: Offensichtlich ist es für einen selber … oder auch nicht?

JS: Manchmal leide ich kreative Qualen: Es kann sein, dass ich spiele, und irgendwie ist es so, all wären alle Töne richtig, aber es ist nicht „Das Richtige“. Und das bedeutet dann viel Arbeit, bis ich diesen emotionalen Zustand finde, diese Harmonie zwischen mir und dem, was ich spiele. Aber auch das ist nicht zu erklären, warum das passiert. Es ist so.

FCR: Um bei ihrem „Leitmotiv“ anzuknüpfen: Welche Musik liegt vor und welche hinter Ihnen?

JS: Wenn ich das ehrlich beantworte, dann werde ich mir wahrscheinlich den Zorn vieler Österreicher zuziehen.

FCR: Wieso?

JS: Ich kann mit Mozart nichts anfangen. Mozart liegt hinter mir.

FCR: Nun, das ist halt so. Und welche Musik liegt vor Ihnen?

JS: Johann Sebastian Bach. Meiner Meinung nach bin ich für vieles von Bach noch nicht so weit. Da ist so viel Philosophie in seiner Musik, in vielen seiner Werke. Und ich muss zugeben, dass ich noch nicht so viel Lebenserfahrung habe, um das spielen zu können. Und außerdem liegt auch die moderne, zeitgenössische Musik vor mir, worüber ich sehr froh bin. Diese Musik, zu der ich früher keinen Zugang hatte, wird für mich immer interessanter. Schnittke, oder Schönberg …

FCR: Ich habe gesehen, Sie spielen sehr viel auf Fazioli. Was mögen Sie an diesem Instrument?

JS: Schon in der Musikschule haben meine Lehrer festgestellt, dass ich ein sehr großes Spektrum an Klangfarben in meinem Spiel habe. Ich bin dankbar, dass es Fazioli gibt. Kein anderes Klavier – und ich habe auf sehr vielen verschiedenen Instrumenten gespielt – bietet so viele Möglichkeiten, eine solche Vielfalt des Timbres und der Klangfarben.

FCR: Suchen Sie auch nach dem Originalklang? Spielen Sie auf dem Hammerklavier?

JS: Die Zeit der Hammerklaviere ist vorbei. Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit, im Beethovenhaus in Bonn auf einem Klavier aus der Zeit Beethovens zu spielen. Das war eine Gelegenheit für mich, mich wieder einmal von der Genialität Beethovens zu überzeugen. Denn das, was Beethoven ausdrückt, was er komponiert hat, und was wir in der Interpretation versuchen zu erreichen, das ist auf einem Hammerklavier unmöglich wieder zugeben.

FCR: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

(Das Gespräch wurde am 14. 8.2010 in Wien geführt, Mag. Eva Tauber hat übersetzt)

Friederike C. Raderer, Hannes Czischek

Friederike C. Raderer - Friederike C. Raderer Autorin, Moderatorin, Redakteurin freie Mitarbeiterin bei Ö1 / ORF Hauptinteressensgebiete: Musik, ...

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