Gemeinsam präsentierten Starregisseur David Cronenberg und Hollywoodstar Robert Pattinson („Twilight“) dem Berliner Publikum Ende Mai 2012 ihren Wall-Street-Film „Cosmopolis“. Der Roman über das Ende von Kapitalismus von John DeLillo erschien bereits 2003 und ist aktueller denn je. Das Gekreische war groß, als „Robsessed“-Fans, die bereits eine Nacht vor der Deutschland-Premiere am Kino International campierten, ihren Vampir aus „Twilight“ vor dem roten Teppich begrüßten. Robert Pattinson nahm sich erklecklich viel Zeit für Fan-Fotos und Autogramme, bekam sogar Bücher von seinen Fans geschenkt. Starregisseur Cronenberg („Eine dunkle Begierde“) filmt Pattinson als Eric Packer, den emotionslosen, reichen und rigorosen Finanzjongleur, der in seiner High-Tech-Stretchlimo zu einem Friseurtermin durch die 47. Straße Manhattans fährt. Die 24stündige Odyssee verändert sein Leben.

Suite101-Autor Martin Döringer traf einen taktvollen, bedachtsamen und aufnahmebereiten David Cronenberg in Berlin für ein Interview im Hotel De Rome.

Juliette Binoche, die Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ und „Jurrasic Parc“ ablehnte („nicht feministisch genug“), spielt in „Cosmopolis“ eine Nebenrolle als Hure

„Es war nicht schwierig, Juliette Binoche für die Rolle der Prostituierten zu besetzen. Wir sprachen oft darüber, miteinander zu arbeiten. „Cosmopolis“ ist eine Kanadisch-Französische Co-Produktion; der Produzent Paulo Branco kannte Juliette und sagte, er glaube, sie würde es lieben, in diesem Film dabei zu sein und so sah ich eine Rolle, die sie spielen kann.“

Die asymmetrische Prostata Eric Packers ist Sinnbild für Abnormität des menschlichen Seins

„Eric Packer ist ein zutiefst gespaltener Charakter. Abgeschnitten von der Außenwelt sitzt er in dieser schallisolierten Stretch-Limo, in der ihn der Stadt-Lärm nicht erreicht. Jeden Tag checkt ihn ein Arzt durch, der ihm somit beinahe bestätigen muss, dass sein Körper überhaupt existiert. Er kann mit seinem Körper nicht umgehen, hat keinerlei Verbindung zu ihm, kann sich mit ihm nicht identifizieren. Ebenso hat er auch keine Verbindung zu dem Körper seiner Frau. Eric Packer lebt sein Leben in einer abstrakten Finanzwelt, umgeben von Zahlen, virtuellen Investitionen und digitalen Datenströmen, die ihn vom Mensch sein und von der Wirklichkeit abschneidet. In „eXistenZ“ sind die Figuren auch virtuell miteinander verbunden, in einer Welt des Spielens, wo die Grenzen zwischen momentaner und virtueller Realiät spürbar verschwimmen.“

Cronenberg-Filme werden nicht auf To-Do-Liste abgehakt und enthalten keine Wunsch-Themen

„Als ich „Cosmopolis“ drehte, dachte ich nicht daran, dass Spekulanten nichts weiter als Spieler sind, doch Eric Packer ist auch einer. Bei „Cosmopolis“ dachte ich eher daran, welche Linse ich benutze und wie ich sie einsetze – traditionelle filmische Kategorien – und welchen Einfluss das auf den Dialog nimmt. Was mir nicht dabei hilft, sind abstrakte Konzepte. Die Frage, was andere Leute von meinem Film erwarten können, hilft mir auch nicht. Es ist bei jedem meiner neuen Filme so, als hätte ich vorher noch nie einen anderen Film gemacht. Jeder Film bietet die Chance, eine neue Geschichte zu erzählen. Es gibt keine To-Do-Liste für Themen, die ich unbedingt im Film konferieren will und dann diffizil abhake. Ich weiß es nicht, weshalb mich manche Dinge mehr faszinieren und andere weniger. An „Cosmopolis“ faszinierte mich der Dialog und ich wollte die Worte ausgesprochen hören.“

Wenn Menschen keinen Ausgleich haben, verfallen sie in Gier, Exzess und Gewalt

„Das ist eine sehr spannende Frage, was nach dem Zusammenbruch der Finanzwelt passiert. Geld ist eine Erfindung der Menschen. Es ist keine Technologie und kein Science-Fiction. Einige Länder – wie auch mein Heimatland Kanada – hatten eine Art sozialistischen Kapitalismus. Exzess, Gewalt und Gier sind Dinge, zu denen Menschen fähig sind, wenn sie keinen Ausgleich haben, deshalb geht es im Grunde stets darum, ein Gleichgewicht mit dem Menschen zu schaffen. Von Wirtschaft habe ich generell keine Ahnung. Das Buch, „Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama, in dem wie bei Karl Marx oder Hegel Geschichts-Entwicklung beschrieben wird - es heißt darin, wir sind nun am Ende der Geschichte angelangt, an dem das Wunder des Kapitalismus steht. Da wir Heute sehen, dass das nicht richtig war, finde ich, wir brauchen eine Art mitfühlenden Kapitalismus – auch wenn sich das jetzt ziemlich kanadisch anhört. In Amerika gehst du unter, wenn du kein Geld machen kannst, dann hast du Pech gehabt. In Kanada tut uns Steuern zahlen nicht weh und wir haben immerhin noch das gute Gefühl, dass wir uns um unsere Gesellschaft kümmern. Kein Land dieser Welt steht nur für sich selbst, das ist das Gute, was ich in der Finanz- und Eurokrise sehe. Wir hängen da alle mit drin, es gibt kein glückliches, reiches Land und andere sind unglücklich und arm. Das stimmt mich optimistisch – eine weitere sehr kanadische Eigenschaft.“

Eric Packer verliert in "Cosmopolis" seine Kontrolle, sie hält ihn gefangen, er gibt sie auf

Meine Filme sind schwer finanzierbar. Das hat einen egoistischen Klang, aber leider ist es so, denn ein ungewöhnlicher Film mit Kanten, der sich abseits von Mainstream bewegt, wird kaum noch finanziert, weil die amerikanische Independent-Industrie schier verschwunden ist. Für solche Produktionen gibt es einfach keine Abnehmer mehr. Du kannst in Amerika keinen Film mehr verkaufen, bevor er fertiggestellt ist. Heute genügt es nicht mehr, einen Film mit Star, Regisseur oder Skript zu werben. Ich bin dankbar für Filme wie „Twilight“ und „Herr der Ringe“, denn vor „Herr der Ringe“ hätte ich Viggo Mortensen wohl niemals als Hauptfigur für „Eastern Promises“ gecastet. Robert Pattinson ist in „Cosmopolis“ in jeder Szene, der Film erzählt die Geschichte aus Erics Sicht. New York, das wir in Toronto drehten, sieht man nur aus dem Auto. Am Schluss verliert er die Kontrolle schließlich ganz, weil sie ihn gefangen hält, will er sie aufgeben.“

  • „Cosmopolis“ startet bundesweit am 05. Juli 2012 im Verleih der Falcom Media Group