
- Gustave Caillebotte - Jochen Littkemann, Berlin
In über 150 Exponaten vermittelt die Ausstellung einen umfassenden Eindruck über die Wahrnehmung des Badens durch die Augen Kunstschaffender. Die Ausstellungsstücke reichen vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart. Der zeitlich weit gesetzte Rahmen bietet die Möglichkeit, Baden als Manifestierung kultureller Alltagstätigkeit in der Kunst durch die Epochen hinweg zu verfolgen und zu vergleichen.
Der profan anmutende Akt des Badens, der Körperpflege und -reinigung, wirkt sich auf diverse kulturelle Bereiche aus. Ebenso spiegeln sich kulturelle Werte, Normen, Vorstellungen und Ideale im Akt des Badens und seiner künstlerischen Wiedergabe: Interpretationen vom Badeakt transportieren Vorstellungen durch die Zeit und konservieren sie gleichzeitig für die Nachwelt. Kunst bildet gängige, zeitgenössischen Meinungen über das Baden ab und reflektiert bildlich oder schriftlich über die kulturellen Werte, die sich im Badeakt bündeln: Schönheitsideale der Zeit, Hierarchien und Status, Vorstellungen von Schamgefühl, Umgang mit Nacktheit, die Frage nach Sauberkeit und Hygiene, Körperwahrnehmung und –pflege, Religion, Sexualität und eben… Intimacy. Martina Padberg, Kuratorin der Ausstellung zu dem Titel: „Wir haben den Titel ganz bewusst gewählt, weil wir denken, dass es auch heute ein ganz wichtiges Thema ist: Der Wunsch nach Privatheit, nach Intimität. Das Bedürfnis nach Rückzug in einen ganz privaten Raum und des Alleinseins mit sich selber.“
Bad/en – Ort und Akt. KünstlerInnen reflektieren
Baden ist menschliches Urbedürfnis, ist Luxus oder Notwendigkeit, Lust oder Zwang zur geforderten Sauberkeit. Das Bad kann Ort der Ruhe und Entspannung, der Freizeit, der Lust sein aber auch ein Ort des Verbrechens, des Selbsthasses, des verbotenen Hinschauens, der Scham und des Ekels. Die Sonderausstellung zeigt Reflexionen über den Akt des Badens von 90 Künstlerinnen und Künstlern, u.a. von Albrecht Dürer, Norbert Tadeusz, Joseph Beuys, Fernando Botero, Mary Kelly, Ernst Ludwig Kirchner, Édouard Manet, Louise Bourgeois, um nur einige wenige zu nennen. Die Werke aus verschiedenen Epochen und geographischen Lagen, bedienen sich unterschiedlicher Ausdrucksformen: Ölgemälde, Zeichnungen, Drucke, Skulpturen, Fotographien, Videos und Installationen. Ziel der Ausstellung: Die Suche nach Motiven und Themen, die sich fadengleich durch die verschiedenen Werke ziehen.
Nacktheit und Körperlichkeit im Bad
Der Umgang mit Nacktheit ist abhängig von historischen, kulturellen und sozialen Kontexten. Der Blick auf die Nacktheit durch die Augen einer Person im Kunstwerk gebannt, bietet den folgenden Generationen die Möglichkeit genannten Faktoren nachzuspüren. Künstlerische Werke transportieren individuell gebündelte Vorstellungen von und Einstellungen zur Nacktheit. Die Kunst war bisweilen eine der wenigen Möglichkeiten, Nacktheit zu thematisieren – Albrecht Dürer bediente sich dieser Freiheit. Die Bade-Kunst bietet einen voyeuristisch anmutenden Blick auf Körperlichkeit. „Der Künstler schaut auf etwas, was er nicht anschauen darf, nämlich den nackten Menschen, den er dabei auch ein Stück weit erforscht und erkennt.“, erklärt Martina Padberg.
Schönheit und Erneuerung
Was ist schön? Das Empfinden für Schönheit ist variabel. Je nach Zeit und Kultur gelten verschiedene Schönheitsideale, die in der Kunst festgehalten und durch die Kunst verbreitet werden. Der Badeakt gilt häufig der Erneuerung und Stärkung des Körpers. Bis heute hält sich der Glaube an heilkräftige Quellen und verjüngende Bäder. Quer durch die Kulturen verweist Badekultur auf Schönheitsideale und trägt die Hoffnung auf Jugend, Kraft und Energie mit sich. Saunakultur in Skandinavien, heiße Quellen in Norwegen, Eisbaden als Symbol für Stärke und Tapferkeit, Onsen-Bäder in Japan mit ihren detailliert festgelegten Reinigungsritualen. Allen ländertypischen Ausprägungen der Badekultur ist eines gemein: Der Wunsch nach Reinheit, Kraft, Schönheit.
Nicht nur die äußere Reinheit wird angestrebt. In religiösen und spirituellen Zusammenhängen dient der Akt des Badens dem Versuch, sich innerer Klarheit anzunähern und Körper wie Geist zu erleichtern. Der Bezug zum Wasser als Weg zur Leichtigkeit ist kein Zufall: Hebt doch das Wasser die Schwere des Körpers auf – der Mensch verliert Bodenhaftung und kann sich kurzzeitig schwebend entspannen. Rituelle Waschungen befreien den Körper symbolisch von Schmutz und Schuld.
Intimität und Durchbrechung der Intimität
Unbeobachtet und selbstbezogen vollzieht sich im Bad der Reinigungsakt. Geschützte Intimsphäre löst die Schamgrenzen auf, die Beschäftigung mit dem Körper kann zwanglos und ungehemmt erfolgen. Der Künstler als Voyeur intimer Badeszenen, als unsichtbarer Beobachter, gibt diese künstlerisch umgestaltet wieder. Er durchbricht die Intimität – im Werk zeigt sich seine Interpretation eines Badeaktes. Intimität wird der Öffentlichkeit preisgegeben und befriedigt voyeuristische Bedürfnisse damals wie heute. Schutzlosigkeit, Grenzüberschreitungen, Tabubrüche. Martina Padberg bestätigt: „Oft geht es um das Hinschauen auf etwas, was ich eigentlich nicht sehen darf, weil es sich in einem intimen Raum abspielt, in einer Sphäre der Privatheit. Der Blick ist sozusagen das, was eindringt in den privaten Raum. Dieses Motiv zieht sich bis in die heutige Kunst. Das Moment des Voyeurismus ist immer noch ganz aktuell.“
Die enorme Bandbreite der Kunstwerke deckt auf, wie Alltagskulturen, hier: die Badekultur, gesamtkulturelle Vorstellungen, Werte und Normen widerzuspiegeln in der Lage ist. Die Ausstellung bietet einen neuen Blick auf den Akt des Badens durch die Kunst. Sie zeigt: Baden ist ein zivilisatorischer Akt.
