Irakische Rhapsodie – Roman von Sinan Antoon

Über das Leben und Überleben in einem totalitären Regime

Antoon: Irakische Rhapsodie - Lenos
Antoon: Irakische Rhapsodie - Lenos
Sinan Antoons Irakische Rhapsodie hat es in sich. Leben und Überleben in Saddam Husseins Diktatur des Schreckens.

Der christlich geprägte Anglistikstudent Furât lebt mit seiner Großmutter im Bagdad der 1980er Jahre, ist zwar kein Freund des Regimes, geht aber auch nicht erklärtermaßen in offensive Opposition. Dies wäre auch lebensgefährlich. Trotzdem wird Furât verhaftet und gefoltert. Ein Mithäftling steckt ihm Papier zu, und der junge Mann beginnt zu schreiben. Über die Misshandlungen, die gespielten Freundlichkeiten der Wärter, die Träume fast schlafloser Nächte aber auch über ein fast unbeschwertes früheres Studentenleben, in dem sich Absurditäten und Zwang der Tyrannei ertragen lassen, in dem man sich verlieben kann und lieben darf. So entsteht auf nur knapp 115 Seiten ein eindringliches Plädoyer für Humanität und Kultur. Das handschriftliche Manuskript wird nach Furâts Haftentlassung gefunden und im Auftrag der Direktion für Staatssicherheit lesbar gemacht.

Verdächtige Schriften

Und die Schriften sind mehr als verdächtig. "Wie konnte ich nur vergessen, dass wir unter der Aufsicht der baathistischen Absurditätspartei seit Jahrzehnten ein Fest der Dauerabsurdität durchleben", schreibt der mysteriöse Fremde und kann von Glück sagen, dass die Partei rätselt, welcher der Häftlinge dies geschrieben hat. Da wird dann auch die vorgegaukelte Demokratie zur "Demordkratie"und der Verteidigungsminister zum "Beleidigungsminister". Furât erinnert sich, wie "freie" Wahlen zur Studentenvertretung abgehalten werden, zumindest eine Gelegenheit, den öden Vorlesungenzu entkommen. "Im Jahr zuvor hatte ich 'Micky Maus' gewählt. Sowieso las niemand diese Papierschnipsel."

Schreiben über das Regime Husseins

Und wie zum Hohn wird eine Aussage Saddam Husseins dem Buch vorangestellt: "Schreibt ohne Furcht, ohne Zittern und Zagen, unbekümmert darum, ob es dem Staat gefällt oder nicht."

Man kann annehmen, dass der Autor sich mit seiner Figur Furât in höchstem Maße identifiziert, sowohl das Schreiben des Helden im Roman als auch das Schreiben des Autors am Roman Therapie und Abrechnung ist. "War nicht die Freiheit das schönste Gefühl im Leben. (…) Die triviale, simple, alltägliche Freiheit."

Der Autor Sinan Antoon

Sinan Antoon wurde 1967 in Bagdad als Sohn eines irakischen Vaters und einer amerikanischen Mutter geboren. Nach Studien der arabischen und englischen Literatur lebt er seit 1991 in den Vereinigten Staaten. Er veröffentlichte Gedichte und Essays auf Arabisch und Englisch. 2003 hielt Sinan Antoon in einem Dokumentarfilm fest, was in seiner Heimatstadt der Diktatur und dann der amerikanischen Invasion zum Opfer gefallen war. “Irakische Rhapsodie“ ist sein Debütroman und wurde 2009 in deutscher Sprache veröffentlicht. Er ist Übersetzer und Dokumentarfilmer, sowie als Assistenzprofessor an der New York University tätig.

Hinweise zur irakischen Rhapsodie

Es ist dem ambitionierten Schweizer Lenos Verlag sowie den Übersetzern Hartmut Fähndrich und Jinan Fierz zu danken, dass dieses wichtige Buch ins Deutsche übersetzt wurde. Auch wird in der Vorbemerkung der Übersetzer auf Eigenheiten der arabischen Schriftkultur hingewiesen, die Doppeldeutigkeiten und ein Spiel mit den Worten begünstigen. Gelungen.

Sinan Antoon: Irakische Rhapsodie. Lenos 2009. Gebunden, 133 Seiten. Euro 17,50.

A.P.Schlöglmeier, Michael Stoifl

A.P. Schlöglmeier - A.P. (Andreas Pankraz) Schlöglmeier wurde 1970 unter anderem Namen geboren, ist Gastronom, Maler und Schriftsteller. Lebhaft zur ...

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