
- Die Flagge von Irland zeigt bewusst keine Symbole - shutterstock / public demain pictures
Am 16 Juni 1922 wurde der Irische Freistaat offiziell unabhängig und, nach jahrhundertelangem Freiheitskampf, die heutige Republik irland Wirklichkeit. An diesem Tag wurde die Trikolore in Grün, Weiß und Orange erstmals als Nationalflagge gehisst. Viele Iren mochten sich mit diesem dreifarbigen Tuch nicht so recht anfreunden – doch der Verzicht auf irgendwelche Symbole ist durchaus beabsichtigt.
Kleeblatt, Harfe, Kreuz: Religiöse Symbole aus dem Bürgerkrieg
Irische Flaggen sind (als Feldzeichen) so alt wie die endlosen Kämpfe auf der Grünen Insel – und jede der unzähligen Kriegsparteien hatte eigene Symbole. Das Klischee „Irische Katholiken gegen britische Protestanten“ ist historisch unkorrekt, zumal es Protestanten bekanntlich erst seit Luther und Heinrich VIII gibt, also seit dem 16. Jahrhundert. Es gab durchaus Katholiken, die für Irlands Verbleib im Empire fochten, und fanatisch anglophobe Protestanten. Hinzu kamen (wie eigentlich in jedem Bürgerkrieg) lokale und regionale Eifersüchteleien.
Ein populäres Symbol der katholischen Iren ist zum Beispiel das Kleeblatt („Shamrock“): Anhand dieser kleinen und weitverbreiteten Pflanze soll dereinst der griechische Mönch Patricius den Iren die Dreifaltigkeit erklärt haben. Patricius ist heute als „Saint Patrick“ der Schutzpatron Irlands. Viele Parteien und Verbände führen das Kleeblatt als Signet, etwa der Irische Fußballverband FAI. Sogar im deutschen Ruhrgebiet führen Städte und Vereine das dreiblättrige irische Kleeblatt als Erinnerung an die Bergwerke der irischen Hibernia AG.
Ebenfalls religiöse Bedeutung hat die Harfe: Sie war in vorchristlicher Zeit das Hauptinstrument der keltischen Barden. Viele Tausend Kilometer südöstlich, im heutigen Israel, soll der biblische König David (jawohl, der Bezwinger Goliaths) ebenfalls sehr gern auf der Harfe gespielt haben, weshalb er ihn die katholischen Kirche zum Schutzheiligen aller Musiker und Poeten ernannt hat. Die Harfe als Symbol erleichterte seinerzeit sicherlich den Übergang zum Christentum. – Die sowohl auf dem Blauen Feld des Staatswappens als auch auf den Euromünzen dargestellte Harfe ist übrigens einem Instrument im Trinity College, Dublin nachempfunden. Die Goldene Harfe auf grünem Tuch, lange als Flagge für Irland im Gespräch, weht heute immerhin noch über der Provinz „Leinster“, also dem Südosten Irlands mit der Hauptstadt Dublin.
Der bereits erwähnte Saint Patrick ist Namensgeber des Patricks-Kreuz („Saint Patrick´s Cross“), einem roten Schrägkreuz auf weißem Grund. Wir finden es heute vor allem im Union Jack, der Flagge Großbritanniens. Deshalb, und weil es sehr an das englische Georgskreuz erinnert, ist es vor allem bei den irischen Protestanten populärer als bei den Katholiken.
Die Trikolore: Flagge der Sinn Fein
Ihren ersten Auftritt hatte die Grün-Weiß-Orange Trikolore im Jahre 1908, und zwar auf einer Briefmarke der patriotischen Bewegung Sinn Féin („Wir selbst“). Diese sog. Fenier-Bewegung forcierte den politischen Kampf auch im Untergrund, strebte aber eine politische Bewegung an mit dem Ziel, die Grüne Insel als eigenständigen Staat von England bzw. Großbritannien zu lösen. Dies war aber nur unter tätiger Mithilfe aller Iren möglich – Katholiken und Protestanten. Die uralte Feindschaft sollte endlich ruhen, wenn es um die Selbstbestimmung („Home Rule“) Irlands ging.
Deshalb tauchte Grün-Weiß-Orange erstmals 1914 in Fahnen irischer Freiwilligen-Regimenter des Erstens Weltkrieges auf. Als es 1916 zum sog. Oster-Aufstand („Easter Rising“) kam, wehte die Trikolore einige Stunden lang vor dem eroberten Postgebäude in Dublin. Der Osteraufstand, eine reichlich dilettantisch durchgeführte Orgie der Gewalt, wurde im Nachhinein zum irischen Mythos und die Trikolore dadurch erst richtig beliebt.
Die Bedeutung von Grün, Weiß und Orange
Orange ist die Farbe der Protestanten, seit Wilhelm III, der 1690 die sog. Jakobiten am Fluss Boyne besiegte und damit die protestantische Herrschaft Englands über die katholische Insel besiegelte. Hintergrund des Gemetzels war übrigens ein eher englisch-schottischer Konflikt: Wilhelm III stammte eigentlich aus dem Niederländischen Königshaus Oranien (daher: Orange) und war vom englischen Parlament als König berufen worden. Die englisch/schottische Königsdynastie der „Stuart“, noch immer katholisch und in Schottland zuhause, wollte sich nicht einfach ausbooten lassen, ließ einen veritablen Bürgerkrieg vom Stapel und wollte diesen mit seinen irischen Vasallen gewinnen – und dies ging gründlich daneben.
Grün ist die Farbe der Katholiken – erstens wegen der Patrick-Kleeblatt-Episode, weitens weil sie sich als wahre Besitzer der „Grünen Insel“ betrachten. Außerdem ist Grün die Farbe der Hoffnung und wird auf der ganzen Welt spontan mit Irland assoziiert.
Der Weiße Streifen symbolisiert den erstrebten Frieden und Einklang zwischen beiden Religionen. Zyniker und Böse Zungen nennen ihn auch gern den „trennenden Graben“. Im Nordirland-Konflikt zwischen 1969 und 1989 wünschten sich viele Menschen einen weißen Strich: „Sollen doch die Katholiken auf die eine Seite und die Protestanten auf die andere...!“
Literatur: Karl-Heinz HESMER: „Flaggen und Wappen der Welt“, Gütersloh 1992;
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