
- Islam und Erziehung zum Individualismus - Angelika Parszyk/pixelio.de
Die Grundbedingung der Homogenität beziehungsweise Homogenisierung der Persönlichkeit durch gegenseitige Anerkennung und Wechselwirkung der Institutionalisierungsebenen, ist in der deutschen, multikulturellen Gesellschaft nicht mehr für alle Personen in gleicher Weise gegeben.
Kinder von muslimischen Migranten
Bei einer Betrachtung der Lebenssituation von Migrantenkindern tritt die Inhomogenität der Einflüsse in ihrer Sozialisation besonders deutlich hervor. Dabei ist einerseits die Einschätzung zu beachten, dass die Stabilisierung der Persönlichkeit sich jeweils schwieriger gestaltet, je breiter sich das Spektrum der unterschiedlichsten Einflussnahme darstellt. Zum Anderen muss bedacht werden, dass innerhalb der entwicklungspsychologischen, auf die Moderne bezogenen, Konzepte, ganz selbstverständlich das Ziel der stark individualisierten Persönlichkeit als Ziel angenommen wird. Dieses Ziel gilt innerhalb einer modernen, industrialisierten Gesellschaft als notwendig und selbstverständlich. In anderen Gesellschaftsformen kann sie jedoch nicht als selbstverständlich angenommen werden.
Persönlichkeitsentwicklung bei Muslimen
Das Leben und die Persönlichkeitsentwicklung muslimischer Kinder in der Bundesrepublik werden durch vielschichtige psychische, soziale und psychosoziale Aspekte beeinflusst. Dabei tritt die Diskrepanz zwischen den modernen und dem islamischen Werte- und Normensystem deutlich hervor.
Trotz der Veränderungen in der Türkei können die Werte und Normen des Islam immer noch als Basis der türkischen Familie gewertet werden, wobei sich die Hinwendung zur Religion in der Situation der Migration häufig noch vertieft. „Die psychologische Situation des permanenten Lebens als kulturelle und religiöse Minderheit in der Migration, das Leben in der Diaspora, verstärkt die Hinwendung der Muslime zum Islam in der Bundesrepublik Deutschland. Hinzu kommt das Gefühl, von der Mehrheit aufgrund kultureller Andersartigkeit abgelehnt zu werden. So können selbst Menschen, die in der Türkei weniger religiös waren, in Deutschland eine stärkere Verbindung zu ihrer Religion entwickeln. Mit den zunehmenden Verbleibabsichten der Mehrzahl der türkisch-muslimischen Minderheit hat sich auch bei vielen, vor allem der älteren Generation, auch der Wunsch verstärkt, die Religion als Teil der eigenen Identität stärker zu leben.“[1]
Die Bindung an den Islam
Die Bindung an den Islam erscheint vielen muslimischen Migranten als ein wesentlicher Aspekt eigener Identität[2]. Empirische Ergebnisse einer Vielzahl von Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Erziehungsvorstellungen muslimischer Eltern, auch in den veränderten Lebensbedingungen der Bundesrepublik, auf eine traditionell orientierte Rollen- und Autoritätsstruktur der Familie gerichtet sind[3]. Aus diesem Grund erscheinen muslimische Familien für die Sozialisation des Kindes, mit dem Ziel der Eingliederung in die moderne Gesellschaft, wenig förderlich wenn nicht gar hinderlich[4].
Diese Bewertung der Erziehung in muslimischen Migrantenfamilien erscheint sinnvoll, da die Erziehung mehr auf die Eingliederung in die Familie als auf eine individuelle Persönlichkeitsentwicklung des Kindes gerichtet ist[5]. Dabei ist zu betonen, dass die türkische Kernfamilie, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, nicht in gleicher Weise unabhängig erscheint, wie die Kernfamilie der modernen Industriegesellschaft. Es bestehen vielmehr enge Verbindungen zur Verwandtschaft, so dass von verwandtschaftlichen Stützungssystemen gesprochen wird.
Eingliederung in familiäre Strukturen
Die familiäre Erziehung zur Eingliederung in familiale Strukturen muss dabei im Bezug zum Islam gesehen werden. Die traditionelle Familienstruktur beziehungsweise die moderne Kernfamilie im Kontext der Stützungssysteme, ist „Grundmodell und Urtyp“ der islamischen Gemeinschaft, die als „beste Gemeinschaft im Göttlichen Schöpfungs- und Heilsplan“ gewertet wird[6]. Das erzieherische Bemühen innerhalb der Familie richtet sich auf eine wachsende Identifikation mit dem Islam beziehungsweise darauf, den „heranwachsenden Menschen zum ‘Moslem’ heranzubilden“[7], was mit einer Integration in die Gemeinschaft der Muslime gleichbedeutend ist. Da der Mensch über Vernunft und eigenen Willen verfügt, bedarf er der religiösen Erziehung, welche ihm - im Falle des Islam - letztlich „Gott und seine Transzendenz als den eigentlichen ‘Erzieher’“[8] gegenüberstellt. Bis diese Erkenntnis gereift ist, erweist sich der Koran als „Nachschlagewerk“ angemessener Verhaltensmuster, wobei sich das darin enthaltene „Ordnungsdenken“ in der Familie beispielhaft widerspiegelt[9].
Wandel muslimischer Haltungen
Diese Einschätzung orientiert sich am Idealtyp einer stark muslimisch geprägten Familie. Diese starke Prägung kann heute nicht mehr für alle Muslime angenommen werden. Auch im Islam verbreitet sich eine eher westliche Haltung zur Religiosität, welche die Religion als Teilbereich der Identität begreift und nicht mehr als allumfassendes System. Hierdurch kann sich auch das westliche Modell der starken Individualisierung trotz muslimischen Glaubens entwickeln.
Bildnachweis: Angelika Parszyk / pixelio.de
[1] Zenrtum für Türkeistudien: Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, Opladen 1994: S. 101
[2] Vgl. z.B. Heitmeyer W.; Dollase, R. (Hrsg.): Die bedrängte Toleranz. Ethnisch-kulturelle Konflikte, religiöse Differenzen und die Gefahren politisierter Gewalt, Frankfurt/M. der unter den Jugendlichen eine „breite Verankerung persönlicher Religiosität in der muslimischen Gemeinschaft“ ( 1997, S. 144) empirisch nachweisen konnte.
[3] Vgl. Schrader A.; Nikles, B.; Griese, H.M.: Die zweite Generation. Sozialisation und Akkulturation ausländischer Kinder in der Bundesrepublik, Kronberg/Ts, 1976
[4] Boos-Nünning U.; Hohmann, M. (Hrsg.): Ausländische Kinder. Gesellschaft und Schule im Herkunftsland, Düsseldorf 1976, S. 98: „Festgehalten werden kann, daß die ausländischen Familien die Funktion der Sozialsiation der Kinder in die Gesellschaft unter Einbeziehung eines stabilen Selbstbildes nicht leisten kann.“
[5] vgl. Neumann , U.: Türkei, in: Boos-Nünning, U.; Hohmann, M. (Hrsg.): Ausländische Kinder. Gesellschaft und Schule im Herkunftsland, Düsseldorf 1977, S. 233-283 1977, S.254-156; dies. S. 256: „Für die Söhne wird Leistungsbereitschaft und sozialer Aufstieg angestrebt, Selbständigkeit und Verantwortung, soweit sie seine Rolle als zukünftiger Familienvater betreffen und nicht in Konflikt mit der Autorität des Vaters kommen, werden gefördert.“
[6] vgl. Köster F.: Religiöse Erziehung in den Weltreligionen. Hinduismus, Buddhismus, Islam, Darmstadt 1986, S. 192 sowie ders. S. 193
[7] ders. S. 186
[8] ders. S. 186
[9] ders. S. 187
