Islandreise mit Islandkrimi von Arnaldur Indridason – Kälteschlaf

Islandkrimi
Islandkrimi "Kälteschlaf" - Bastei Lübbe
Kennen Sie Erlendur? Der schwermütige isländische Kommissar löst knifflige Fälle mit Hartnäckigkeit und Feinsinn. Eine Reise nach Island mit Islandkrimi.

Erlendur ist ein kauziger, etwas verschrobener Typ, ein Einzelgänger, voller Selbstzweifel und inneren Kämpfe, hochmoralisch – und zäh. Geduldig empfängt der Kommissar noch nach dreißig Jahren den alten Vater eines vermissten jungen Mannes, dessen Verschwinden nie aufgeklärt werden konnte. Die alten Fälle lassen Erlendur nicht los, immer wieder holt er die Akten hervor und recherchiert aufs Neue, belächelt von seinen Kollegen, die diese Leidenschaft nicht nachvollziehen können. Manchmal taucht ein neues Detail auf, ein Mensch, der nie befragt wurde, ein Erinnerungsfetzen, dem man früher keine Bedeutung beigemessen hatte, ein bislang unbeachtetes Accessoire aus der Reservatenkammer. Schließlich finden Taucher in einem der zahlreichen Seen bei Reykjavik einen alten gelben Mini, dessen Insassen dort seit drei Jahrzehnten in der Kälte schlummern. Erlendur hatte mal wieder Recht.

"Kälteschlaf" ist ein spannender Islandkrimi

Die Krimis von Arnaldur Indriðason, Bestseller allesamt, sind nicht einfach nur spannend, unterhaltsam und klug. Sie sind außerdem lebensphilosophisch und psychologisch tiefgründig. Die Handlung fließt als langer, ruhiger, geradezu langweiliger Fluss dahin. Man fragt sich, warum diese undramatisch konstruierten Romane so packend sind, dass man sie nicht aus der Hand legen möchte. Der hier geschilderte "alte" Fall läuft nur als Nebenhandlung mit, eigentlich stapft Erlendur einer aktuellen Geschichte nach, den Hintergründen des vermeintlichen Selbstmords einer jungen Frau, den die anderen Polizisten längst als aufgeklärt abgehakt haben.

Kindheitstrauma Schneesturm in den Bergen

Dann ist da noch Erlendurs äußerlich ausgesprochen ödes Privatleben, allerdings brodelt es in Erlendurs Kindheitserinnerungen, auch ein alter Fall, der Verlust seines Bruders, den er nie verwunden hat und dessen Geschichte in jedem neuen Islandkrimi von Indriðason wieder aufgerollt wird. Und oft, wenn Erlendur allein zuhause in seiner ungemütlichen Klause ein wenig Ruhe sucht, taucht eins seiner Kinder auf und macht ihm Vorwürfe, auch das ein wiederholtes Motiv. Genau wie Erlendur selbst immer wieder geradezu manisch zu dem Buch greift, das den Schneesturm und Bergunfall seiner Kindheit schildert, genauso möchten die Leserinnen und Leser immer wieder neu mit Erlendur auf Spurensuche gehen – eigenartig, unerklärbar, unsinnig schön.

Selbstmord in Ferienhaus am See von Þingvellir

Dabei wird am Ende des Buches noch nicht mal klar, ob die Schuldigen überhaupt bestraft werden können. Entscheidend scheint es dem Autor, dass ein unmoralisches, zutiefst verwerfliches Verhalten als Verbrechen offengelegt wird. Was passiert in diesem Roman also? In einem Ferienhaus am See von Þingvellir hat sich die junge Maria erhängt, keine Spuren von Fremdeinwirkung. Dennoch ist Erlendur misstrauisch, etwas an der ganzen Sache gefällt ihm nicht, er verbohrt sich in Details, verknüpft unwichtige Kleinigkeiten miteinander, gräbt in der Vergangenheit – und lüftet ein Familiengeheimnis. Da ist er wieder, der alte Fall.

Island Ehrengast Frankfurter Buchmesse 2011

2011 erscheinen besonders viele isländische Bücher in deutscher Sprache. Dies hat einen Grund: Als erstes skandinavisches Land präsentiert sich Island 2011 als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Das dünnstbesiedelte Land Europas, in dem statistisch betrachtet die meisten Kinder zur Welt kommen und dessen Lebenserwartung die höchste der Welt ist (Frauen 81,3 Jahre, Männer 79,4 Jahre), noch dazu eine an Naturschönheiten prächtige Vulkaninsel, hat außerdem eine lange und reiche literarische Tradition und eine kreative Gegenwartsliteratur, die sich auch in den erfolgreichen Islandkrimis manifestiert. Wer die Bücher von Arnaldur Indriðason (erfolgreichster Autor von Island) liest, bekommt schnell Lust, die Schauplätze der Handlung persönlich kennen zu lernen, beispielsweise einmal selbst an den Þingvellir-See zu fahren.

Arnaldur Indriðason: Kälteschlaf. Islandkrimi. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling. Bastei Lübbe Verlag 2011. Taschenbuch kartoniert. 380 Seiten. 8,99 Euro. Gebundene Ausgabe Lübbe 2009. 18,95 Euro. Hörbuch Lübbe Audio 2009. 4 CDs. Vorgelesen von Walter Kreye. 307 Minuten. 9,99 Euro

Von Arnaldur Indridason gibt es (inklusive aller Auslieferungen bis September 2011) 48 lieferbare deutsche Titel als Hardcover, Taschenbuch und Hörbuch auf CD oder MP3-Download.

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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