In Island ticken die Uhren einfach anders. 2010 brachte der Vulkan Eyjafjallajökull Europas Flugverkehr zum Erliegen, 2008 erklärte die größte Vulkaninsel der Welt die Zahlungsunfähigkeit, Sängerin Björk verweigert sich jeglicher musikalischer Zuordnung – und 2009 veröffentlichte Regisseur Júlíus Kemp mit „Reykjavik Whale Watching Massacre“ den ersten Horrorfilm „made in Iceland“. Unabhängig von dessen Qualität ein bemerkenswertes Ereignis, wird doch das Genre selbst in weitaus größeren und einflussreicheren Kulturländern wie Deutschland verschämt unter den Teppich gekehrt.
Hingegen wurde Kemps Slasher-Movie durchaus selbstbewusst auf Festivals eingereicht und erntete auf diese Weise seine Meriten. 2010 schließlich fand der Film seinen Weg in hiesige blu-ray-Player und verweigerte sich erfolgreich der üblichen Titel-Eindeutschung. Schade eigentlich, hätten sich doch genügend dümmliche Titel angeboten, wie: „Im Fjord hört dich niemand schreien!“, „Ich weiß, wen du letzten Sommer harpuniert hast“ oder „Wer keinen Wal hat, hat die Qual“ …
Wenn japanische Touristen als Sushi enden
Nach dem Verbot des Walfangs sattelten viele Schiffsbesitzer auf Wal-Beobachtungen für zahlungskräftige Touristen um. So auch der gutmütige Kapitän Pétur (Gunnar Hansen), der eine bunte Schar Reiselustiger an Bord seines Kutters begrüßen darf. Doch nicht alle Eigentümer meerestüchtiger Untersätze schließen sich dem geschäftsträchtigen Wirtschaftszweig an und trauern den guten, alten Zeiten des Harpunierens nach, wie sich schon rasch erweisen soll.
Denn nachdem der ständig besoffene Franzose Jean (Aymen Hamdouchi) unbeabsichtigerweise Pétur tödlich verletzt hat, nimmt dessen Steuermann im einzigen Rettungsboot Reißaus und lässt die Touristen im Stich. Hilfe erhoffen sich die von der Zivilisation verwöhnten Globetrotter ausgerechnet von der Besatzung eines ehemaligen Walfängers. Und diese Crew ist alles andere als gut auf Touristen zu sprechen. Nach etwas frostigem Empfang an Bord des Walfängers wird nicht das Eis, sondern der Kopf einer Touristin gebrochen. Die Folge: Heillose Panik unter den Reisenden! Sehr zum Vergnügen der dreiköpfigen Crew, die ihre Gäste der Reihe nach abzumurksen trachtet …
„The Texas Chainsaw Massacre" auf Isländisch
Welcher Film für „Reykjavik Whale Watching Massacre“ Pate stand, ist unschwer zu erraten und verbirgt sich bereits im Titel. Tobe Hoopers Kultklassiker „The Texas Chainsaw Massacre" inspirierte sichtlich zu dem isländischen Horrorthriller. Eine besondere Note verleiht dem Film der – leider allzu kurze – Auftritt von Gunnar Hansen. Genrefans ist Hansen nämlich besser als „Leatherface“ aus „The Texas Chainsaw Massacre" bekannt! Freilich liegen zwischen den beiden Filmen 35 Jahre, weshalb es inzwischen nur noch für die Rolle des gemütlichen, an Käpt'n Iglo erinnernden Pétur reichte.
Irgendwelche originellen Akzente vermag „Reykjavik Whale Watching Massacre“ allerdings nicht zu setzen. Der Plot folgt den längst ausgetretenen Pfaden der Horrorfilmarchitektur. Zunächst werden die Protagonisten dank absurder Zufälle und kruder Logik in Psychopathen-Terrain versetzt. Dem unvermeidlichen Gemetzel entkommen nur die jüngeren und attraktiven Darsteller. Aber welcher der Charaktere überlebt, ist ohnehin sekundär. Im Vordergrund stehen möglichst blutige Szenen und befremdliche Witzeleien über fremde Kulturen. Insbesondere die drei japanischen Charaktere zeichnen sich durch geradezu schmerzhaft klischeebeladene Verhaltensweisen aus. Nicht viel besser ergeht es dem einzigen Franzosen des Films: Dieser ist ein unfreundlicher Chauvinist und zudem Angsthase par excellence.
Der Pottwal drückt den Plot schmal
Völlig einfallslos präsentiert sich der dürftige Plot und schlägt gegen Ende hin sogar noch eine unnötige (und verwirrende) Wendung ein. Doch der vermeintlich clevere Twist erweist sich als unstimmig und nur bedingt ironisch. Regisseur Kemp zeigt mit seinem Horrordebüt eklatante Schwächen vor allem in puncto Spannungsaufbau und Charakterisierung. Trotz Absenz jeglicher Spannungskurven oder ausgeklügelter Storyelemente hatte Kemp sichtlich Mühe, wenigstens auf die obligatorischen 90 Minuten Filmlänge zu kommen.
Unwohlbefinden erzeugen einzig und allein die dokumentarischen Aufnahmen realer Waljagden vergangener Jahrzehnte, was wiederum eines beweist: Keine Fiktion kann es mit dem Grauen der Wirklichkeit aufnehmen.
„Reykjavik Whale Watching Massacre“ ist durchschnittliche Horrorkost
Erweist sich „Reykjavik Whale Watching Massacre“ als gnadenlos schlechter Film? Nein: Die Kameraarbeit kann ebenso wie die Spezialeffekte durchaus überzeugen. Angesichts des vorhandenen Potenzials verwundert es, wie wenig Kemp herauszuholen imstande war. Alleine die wahnsinnige Walfängersippe hätte Gelegenheit für gesellschaftskritische oder zumindest satirische Untertöne geboten. Stattdessen serviert der Film durchschnittliche Horrorkost mit schwachem Abgang.
Fazit: Fans des Genres kommen dank der guten Spezialeffekte auf ihre Kosten. Wer sich von „Reykjavik Whale Watching Massacre“ einen Leckerbissen erwartet, wird hingegen bitter enttäuscht. Positives gibt es dann doch zu vermelden: Bei den Dreharbeiten kamen keine Wale zu Schaden …
Originaltitel: „Reykjavik Whale Watching Massacre“
Regie: Júlíus Kemp
Produktionsland und -jahr: Island, 2009
Filmlänge: ca. 90 Minuten
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Verleih: Telepool
Deutscher Kinostart: 19.8.2010
Veröffentlichung auf DVD und blu-ray: 19. Oktober 2010
