
- Frau contra Mann - wer wertet Aggression richtig? - Konflikt , Fotograf Rico Kühnel - pixelio.de
Nach Forschungsergebnissen der Entwicklungspsychologin Prof. Anne Campbell bewerten Frauen aggressives Verhalten eher emotional. Wer aggressiv wird, ist aus weiblicher Sicht schlichtweg überfordert und verliert die Kontrolle über sein Handeln. Männer betrachten in der Mehrheit Aggression als zielgerichtetes Mittel, um Machtpositionen zu erreichen und Kontrolle über andere zu gewinnen. Für beide Sichtweisen gibt es wissenschaftliche Übereinstimmungen.
Aggression als Mangel an Selbstbeherrschung
Die Mehrzahl der Frauen teilt diese Auffassung mit vielen Pädagogen und Psychologen. Selbst der Menschenkenner Sigmund Freud (1856-1939) interpretierte Aggression neben Sexualität als in der Natur des Menschen angelegten Trieb. Dieser Trieb drängt auf Entladung und bedarf der ständigen Kontrolle durch das reife und verantwortungsbewusste Ich. Der Tiefenpsychologe Freud betonte die Funktion der Erziehung, welche diese Triebe unter die Herrschaft der Vernunft zwingen solle. Die frühkindlichen Erziehung kann somit Strafangst zur Gewissensangst entwickeln. So würde der zivilisierte Mensch nicht wegen der zu erwartenden Bestrafung, sondern aufgrund verinnerlichter Wertvorstellungen auf die Freisetzung seines Aggressionstriebes verzichten. Aus dieser Perspektive kann jede aggressive Handlung nur als Verlust der Selbstbeherrschung verstanden werden.
Aggression als zielgerichtete Verhaltensform
Psychologische Lerntheorien unterstützen die eher männliche Sichtweise. Triebe, Gefühle und die Möglichkeiten der Beherrschung stehen nicht im Mittelpunkt des Interesses. So gilt hier Aggression als Verhaltensweise wie alle anderen auch. Hat aggressives Verhalten Erfolg und führt zum Ziel, wird es häufiger verwendet. Verursacht dieses Verhalten deutliche Nachteile und Strafe, wird es unterlassen. Aus dieser Sicht wirkt Aggression gegen einen Überlegenen unverzeihlich dumm. Aggression gegen einen Schwächeren wäre jedoch kein moralisches Problem. Tut dieser anschließend, was man von ihm will, hat man sein Ziel erreicht. Aggression wird nicht als Gefühl der Wut empfunden oder um Dampf abzulassen. Sie dient nach dieser Perspektive nur dem Ziel, das Verhalten anderer Menschen zu kontrollieren. Je emotionsloser Aggression verwendet wird, um so effektiver kann sie ihr Ziel erreichen. Sie wird strategisch wie ein Instrument benutzt, um Angst auszulösen und Macht zu gewinnen.
Interpretationsansätze der Aggression
Man kann das Verhalten eines Menschen vielschichtig beurteilen. In der Psychologie gibt es mehrere Aggressionstheorien, die Erklärungsversuche anbieten. Beispielsweise von “innen” als Einfühlung in den Betreffenden. So empfindet man seine Entwicklung unter Berücksichtigung seiner Lebensumstände nach. Oder durch Wertungen von “außen” anhand der Taten und den Konsequenzen seines Verhaltens für andere. So bleibt nur zu berücksichtigen, was sich als Ergebnis aggressiver Verhaltensweisen zeigt. Die Innensicht lässt viele Grauzonen in die Bewertung von Aggressionen einfließen und kann das Verstehen übertreiben. Spätestens vor einem Strafgericht zeigt sich der moralische Widerspruch, wenn in einem für Betroffene kaum fassbaren Umfang psychologische Beweggründe, Werdegang und Kindheitsbelastungen des Täters Beachtung finden. Die französische Philosophin Simone de Beauvoir (1909-1986) schrieb dazu: “Von außen gesehen scheinen die Bösen böse und die Guten absolut gut zu sein. Je näher wir den einzelnen betrachten, um so mehr löst sich dieses eindeutige Bild auf...die Totalität seines Verstricktseins in der Welt müsste berücksichtigt werden: Dann ließe sich sein Verhalten ganz sicher erklären; man kann selbst Hitler erklären, wenn man ihn gut genug gekannt hat. Doch erklären heißt bereits verstehen, heißt bereits: hinnehmen”.
Beurteilung der Aggression durch Einfühlung
Der modernen Gesellschaft geht es auch um Verständnis für den Anwender aggressiver Verhaltensweisen - den Täter. So wird nicht nur die aggressive Tat und der entstandene Schaden für Mitmenschen, sondern gleichfalls der Werdegang eines Täters beachtet. Das geht oft sehr weit, so dass häufig das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung nicht mithalten kann. Man spricht in diesem Zusammenhang häufig von Triebtätern. Diese Bezeichnung entlastet den Täter schnell als Opfer seines triebgesteuerten Kontrollverlustes. Tatumstände lassen jedoch häufig deutlich werden, dass Täter keineswegs immer Bündel aus unbeherrschbaren Emotionen sind. Somit ist die gesellschaftliche Bewertung aggressiver Verhaltensweisen, die zu Straftaten führen, eine schwierige Gratwanderung. Beispielsweise suchen sich Sexualstraftäter oft sehr gezielt ihre Opfer und warten kontrolliert auf eine Möglichkeit der Annäherung. Viele Gewalttaten und aggressive Handlungen werden berechnend und kaltblütig begangen. Bewertet man aggressive Taten überwiegend mit der Innensicht, wird die Verantwortung des Täters verdrängt.
Die Psychologin Dr. Claudia Szczesny-Friedmann vertritt in ihrem Buch die Meinung, das Menschenfreundlichkeit und Verständnis keine angemessene Form der Gegenwehr gegenüber Aggressionen darstellen würde. Sie beschreibt, wie überwiegend Frauen auf aggressives Verhalten nicht nur mit stillschweigender Duldung reagieren, sondern sogar mit verstärkter Aufmerksamkeit und Fürsorge. Die weibliche Sicht würde Aggressivität zu einseitig mit psychischer Überforderung entschuldigen. Grenzen werden dadurch nicht gesetzt, wo sie nötig wären. Dr. Claudia Szczesny-Friedmann fordert ihre Leser auf, kritisch zu prüfen, ob selbst von sehr nahestehenden Menschen ausgehende Aggression, Jähzorn oder Psychoterror nicht nur verwendetes Mittel zum Zweck sein könnte. Als einfache und effektive Methode, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, seine Ziele zu erreichen und Machtpositionen zu festigen.
Literaturquellen: Du machst mich verrückt, Psychoterror in Beziehungen, Claudia Szczesny-Friedmann, 1999, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 207 Seiten, ISBN 3 499 60646 1
Zornige Frauen, wütende Männer. Geschlecht und Aggression, Anne Campbell, 1995, Frankfurt/Main, Fischer-Taschenbuch-Verlag, 252 Seiten, ISBN 9783596123810
Bildquelle: Fotograf Rico Kühnel, Konflikt zwischen Mann und Frau - pixelio.de
