
- Anch - Hieroglyphe der Unsterblichkeit - Katharina Wieland Müller, pixelio.de
Ist das Bewusstsein, sind geistige Prozesse nur eine Begleiterscheinung bioelektrischer Vorgänge im Gehirn, vergleichbar mit dem Flackern von Leuchtdioden bei Computeraktivitäten? Oder: Ist das Bewusstsein die treibende Kraft, die das Zentralnervensystem steuert?
Geist steuert Materie
Die naturwissenschaftliche Wahrnehmungspsychologie unterstützt die Vermutung, dass der Geist den Körper, dass das Bewusstsein das Gehirn dominiert. Zum Beispiel stellt die bewusste optische Wahrnehmung die physikalische Abbildung im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf. Astronauten, die durch die Fenster der Weltraumstation auf die Erde schauen, sind desorientiert, weil sich die Südhalbkugel oben befindet. Dies versuchen sie mit einer Drehung des Kopfes auszugleichen. Nach wenigen Tagen ist diese Korrektur nicht mehr notwendig, die Welt ist wieder in Ordnung. Dies entspricht den Wahrnehmungsexperimenten des österreichischen Psychologen Ivo Kohler mit der Umkehrbrille, bei denen der irritierende Umkehreffekt nach einer Eingewöhnungszeit verschwindet. Der deutsche Psychologe Wolfgang Metzger konnte nachweisen, dass entfernte Objekte größer und nahe Objekte kleiner als das physikalisch reale Bild wahrgenommen werden. Die Psyche verändert die physische Realität im Gehirn, um erfolgreich mit der äußeren Realität zu kommunizieren. Bildlich: Der Fotoapparat (Gehirn) erzeugt ein Bild, das von der Bildbearbeitungs-Software (Bewusstsein) manipuliert wird.
What the bleep do we know!?
Im Doku-Spielfilm „What the bleep do we know!?“ freunden sich namhafte Physiker, Psychologen und Philosophen mit einem zunächst schwer nachvollziehbaren Gedanken an: Geist schafft Realität. Dies widerspricht unserer täglichen Erfahrung, bei der uns die Realität unnachgiebig gängelt, gemäß der materialistischen These von Karl Marx „Das Sein prägt das Bewusstsein“. Im Hinblick auf die wahrnehmungspsychologischen Erkenntnisse kann man aber die Aussage von Marx kurzerhand auf den Kopf stellen: „Das Bewusstsein prägt das Sein“. What the bleep is reality!?
Die „Welt zwei“ jenseits des Körpers
Der australische Hirnforscher und Nobelpreisträger Sir John C. Eccles kam im Laufe seiner langen Forschertätigkeit zur Auffassung, dass „der sich selbst bewusste Geist“ das physische Gehirn kontrolliert. Diese steuernde Instanz entstammt, so Eccles sinngemäß, einer außerkörperlichen Dimension, die er „Welt zwei“ nennt. Was geschieht, wenn der Geist plötzlich kein Kontrollobjekt mehr vorfindet? Ist der physische Tod auch das Ende der geistigen Existenz?
Das seltsame Altgedächtnis bei Alzheimer und seniler Demenz
Unabhängig von der Vermutung Eccles' weist ein neurophysiologisches Paradoxon in die gleiche gedankliche Richtung. Menschen mit Demenzerkrankungen verlieren die Orientierung in der Gegenwart, aber die Erinnerung an die ferne Vergangenheit bleibt detailgetreu erhalten. Die Mutter erkennt ihren Sohn nicht mehr, wohl aber seine Kinderfotos. Diese Dominanz des Altgedächtnisses ist neurophysiologisch unmöglich, findet aber statt. Erfahrungen werden durch Verdickung von Synapsen (Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen) in Erregungsmustern gespeichert. Dominant, also robust gespeichert, sind die synaptischen Speicherungen des Neugedächtnisses, während das nur noch filigran gespeicherte Altgedächtnis mangels häufiger Reaktivierung verblasst.
Seltsamerweise verschwindet das stabile Neugedächtnis bei seniler Demenz und Alzheimer zuerst, das Altgedächtnis aber bleibt weitgehend erhalten. Es ist nicht abwegig, zu vermuten, dass sich bei fortgeschrittener Demenz der Kern der biographischen Identität bereits in einer zeitlosen, außerkörperlichen Dimension befindet – vielleicht in der „Welt zwei“ des John C. Eccles. Die Rückkehr in die physische "Welt eins" ist nicht mehr möglich, weil das Zentralnervensystem einem Abbauprozess unterworfen ist.
Sir John C. Eccles stellt die finale Frage
Der Gedanke, dass der nicht materielle "sich selbst bewusste Geist" nach dem Tod des physischen Gehirns weiter existieren könnte, bringt den Naturwissenschaftler Eccles, der sich ausdrücklich von religiösen Vorstellungen distanziert, in arge Verlegenheit, denn er kann die Idee der Unsterblichkeit nicht als pures Produkt menschlicher Wunschphantasie disqualifizieren. "Ich glaube, dass es da ein unbegreifliches Geheimnis gibt...Ist es nun wirklich so, dass dieses unser Leben einfach nur eine kurze Bewusstseinsperiode zwischen zwei Vergessenheitsperioden ist, oder gibt es irgendeine weiterreichende, transzendente Erfahrung, von der wir nichts wissen können, bevor sie uns zuteil wird?“ John C. Eccles starb am 2. Mai 1997 in Locarno.
Literatur: John C. Eccles, Hans Zeier "Gehirn und Geist", Kindler Verlag, München, 1980
