Salvatore Nocera verdankt seine Erziehung fortschrittlichen Lehrern und hilfsbereiten Mitschülern. Denn der Rentner ist seit seinem siebten Lebensjahr blind und Sonderschulen gab es in seinem kleinen Heimatdorf in Sizilien nicht. Daher war er auf die Hilfe seiner Umwelt angewiesen. Mittlerweile hat sich einiges getan in Italien. Es gibt zwar immer noch architektonische Barrieren und auf dem Behindertenparkplatz parken leider immer mehr Nichtbehinderte. Doch Sonderschulen gibt es seit 30 Jahren nicht mehr. Denn in Italien wurde 1977 ein Gesetz verabschiedet, das alle staatlichen Schulen verpflichtet, behinderte Kinder aufzunehmen. Nur zehn Jahr später, im Jahre 1987, wurde dieses Recht auch auf den Kindergarten und das Gymnasium ausgeweitet. Zusätzlich ist eine so genannte Stützlehrerin für die behinderten Kinder vorgesehen. Diese Erzieherin hat eine besondere Ausbildung und Funktion innerhalb der Klasse. „Die Stützlehrer sind nicht nur für die behinderten Schüler da. Sie sollen die Klassenlehrer in ihrem Unterricht unterstützen", erklärt Renato Anoè vom italienischen Ministerium für Bildung und Erziehung. "Während die Klasse dem üblichen Lernstoff folgt, haben die Stützlehrer die Aufgabe, mit speziellen Techniken und Hilfen, den behinderten Kindern beim Lernen dieses Stoffes zu helfen."

Theorie gut, Praxis schlecht?

Laut Gesetz darf die Anzahl der Schüler nicht 20 überschreiten, wenn in einer Klasse ein bis zwei behinderte Kinder integriert werden. Zusätzlich ist ein Stützlehrer vorgesehen. "Leider sieht es in der Praxis anders aus", erklärt Silvana Recchi. Die Kunstlehrerin arbeitet seit fast 30 Jahren mit behinderten und nichtbehinderten Kindern. Eine Zusatzausbildung als Sonderschullehrerin hat sie nicht, eine Stützlehrerin als Hilfe auch nicht. Alleine meistert sie die Integration von zwei behinderten Kindern in einer Klasse von über 25 Kindern. Alles Handwerkliche hat sie gut im Griff. Es gelingt ihr sehr gut, keine Unterschiede zu machen. "Ich habe einen Jungen mit Down-Syndrom in der Klasse und er ist bestens integriert. Ich sage zum Beispiel allen Schülern, sie sollen ein Viereck zeichnen. Da er aber das Winkelmaß nicht benutzen kann, helfe ich ihm, oder noch besser, ich bitte seine Mitschüler, ihm zu helfen." Eine Integration ist also möglich. Leider aber nicht bei allen Kindern. In ihrer Schule gibt es auch ein Kind, das im Rollstuhl sitzt. Es kann nicht sprechen und es kann sich nicht bewegen.

Integration: weniger Quantität, mehr Qualität

Dass die Gesetze oft rein theoretisch sind und nicht unbedingt auch in der Praxis hervorragend funktionieren, weiß auch Salvatore Nocera. Während seine Vereinigung in den 80er und 90er Jahren für die Rechte behinderter Menschen gekämpft hat, werden heute andere wichtige Punkte in Angriff genommen, nämlich die Qualität der Integration. Zur Zeit versuchen Nocera und seine Mitstreiter Indikatoren zu ermitteln, die helfen, diese Qualität zu messen. Wer bereits einmal in Italien war, weiß, wovon Nocera spricht. Denn in Italien herrscht ein Nord-Süd-Gefälle. "Während es im Norden zum Beispiel viele behindertengerechte Gebäude gibt, sieht es im Süden zur Zeit noch schlecht aus", erklärt Nocera. Doch das soll sich nun ändern.