
- Oma und Kind - www.pixelio.de
"Die Rolle der Frau in Italien hat sich nur unwesentlich verbessert. Manchmal hat man das Gefühl, man lebt im Mittelalter." Harte Wort, aber Laura ist nur eine von vielen Frauen, die die traditionellen Wertvorstellungen der Gesellschaft kritisieren. Die 48-jährige ist eine Karrierefrau. Die Römerin sitzt in ihrer Firma an den wichtigen Entscheidungshebeln. Sie ist eine Spezies, die in Italien noch relativ rar ist. Und warum? Für Laura liegt klar auf der Hand: Schuld ist das traditionelle Denken, das in der italienischen Gesellschaft noch tief verwurzelt ist. Und auch die Präsenz des Vatikans und die ständigen Interferenzen seitens des Papstes in das tägliche Leben. "Alle EU-Länder haben sich weiterentwickelt, sogar das erzkatholische Spanien, doch Italien hinkt hinterher", fügt Laura hinzu. Wie weit Italien hinterherhinke zeige eine kürzlich erschiene Zeitungsmeldung, die Politiker und Bürger in zwei Teile spaltete. Was war geschehen? In Neapel hat sich eine Mutter auf Anraten der Ärzte zur Abtreibung ihres Fötus entschieden. Eine Abtreibung wegen Mißbildung und schwerer Krankheit ist in Italien bis zum 180. Tag der Schwangerschaft gesetzlich möglich. Die Mutter hat also nichts Illegales getan. Scheinbar doch: Denn einem anonymen Anruf folgend hat die Polizei das Krankenhaus gestürmt, um die eben operierte Mutter ins Kreuzverhör zu nehmen.
Alleinerziehende Mütter noch ein Schandfleck
"Das sagt doch alles über unsere mittelalterliche Situation aus: In der ein anonymer Anruf mehr zählt als die ärztlichen Gutachter." Nicht nur Laura ist aufgebracht. Ein Streitgespräch im Fernsehen kam nicht zu Stande, da sich der Gründer der neuen Partei "Pro Life" nicht mit dem radikalen Abgeordneten Marco Pannella über das Thema Abtreibung streiten wollte. Für Pannella von der kommunistischen Partei Rifondazione Comunista eine Schande, da die Frauen Italiens jahrelang kämpfen mussten für die Legalität der Abtreibung. Doch Giuliano Ferrara von "Pro Life" sieht das anders. Abtreibung ist und bleibt in Italien ein heikles Thema. Die Frau sei immer unter Beschuss, so Laura. "Falls sie abtreibt, wird sie schlecht angesehen. Wenn sie es behält und es alleine erzieht, wird sie schief angeschaut. Wenn sie es behält, heiratet und Karriere macht, ist das auch nicht ok."
Geburtenrückgang und fehlende staatliche Unterstützung
Neben dem fehlenden Verständnis seitens der Gesellschaft mangelt es auch an staatlicher Unterstützung. Es gibt nicht genügend Kindergrippen-Plätze. "Die Frauen von heute überlegen sich also zweimal, ob sie ein Kind kriegen möchten oder nicht", erklärt Giuseppe Gesano vom italienischen Forschungsinstitut CNR. Karriere und Kind ist also noch Zukunftsmusik. Nicht so für Laura: Als junges Mädchen hat sie immer hören müssen, dass sie in die Kirche gehen muss, gut kochen und Kinder kriegen soll. Obwohl sie alles genau befolgt hat, sieht heute alle anders aus: Sie ist eine alleinerziehende Mutter, kann gut kochen und in die Kirche geht sie seit langem nicht mehr. "Kinder und Karriere ist möglich, doch du musst genügend verdienen, um dein Kind auf ein Privatkindergarten zu schicken", so die Römerin. "Vor allem muss die Frau mit den Blicken der Nachbarn umgehen können, die eine alleinerziehende Mutter und Karrierefrau nur schwerlich akzeptieren können."
