
- Edler Roter - Pixelio
„Italien bittet zu Tisch“. Die freundliche Aufforderung hatte über lange Jahre hinweg einen guten Klang, doch nun hat sie bei vielen einen makabren Beigeschmack erhalten. Denn die Lebensmittelskandale in Italien haben in diesem Frühjahr 2008 einen bislang nicht für möglich erachteten Höhepunkt erreicht: Edle Weine sind mit fremden Trauben verschnitten, Tafelweine mit „Cocktails“ aus Zucker, Wasser und Chemikalien gepanscht, minderwertiges tunesisches Olivenöl wird als italienisches „Olio extra vergine“ angeboten, feiner Essig aus Modena (Aceto di Modena) wird in dem kleinen Ort Afragola zwischen Caserta und Napoli gefertigt, Parmesankäse (Parmigiano reggiano) kommt aus China oder Argentinien und, last but not least, der Mozzarella di bufala zeigt Dioxinspuren.
Produktionskosten bis zu 90 Prozent reduziert
Dabei geht es natürlich um die Sorge, Panschereien, Betrügereien in solch großem Stil, wie sie jetzt von den Staatsanwaltschaften verfolgt werden, hätten gesundheitsgefährende Folgen. So, wie es 1986 war, als mit Methanol gemixter Wein 19 Menschen das Leben kostete und weitere 15 das Augenlicht verloren. So sollen 70 Millionen Liter italienischer Wein, die zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 auf den Markt gekommen sind, Düngemittel und Spuren von Salzsäure enthalten. Gegen 20 Winzer in verschiedenen Regionen wird ermittelt. Nach Auskunft von Experten können mit Hilfe solcher Substanzen die Produktionskosten um bis zu 90 Prozent reduziert werden. Kein Wunder: Der Anteil an Traubenmost soll lediglich zwischen 20 und 40 Prozent gelegen haben.
Große volkswirtschaftliche Schäden
Die volkswirtschaftlichen Schäden sind ebenso gravierend. Die groß angelegten Betrügereien zerstören den Ruf traditionsreicher italienischer landwirtschaftlicher Produkte. So hat nun der italienische Staat für die Weinsorten Brunello und Rosso di Montalcino für verschiedene Lieferanten einen Exportstopp erlassen.
Für den US-Markt "geschmeidig" gemacht?
Der Brunello, ein edler Wein, für dessen Herstellung nur die raren Sangiovese-Trauben erlaubt sind. Ausgerechnet die beiden führenden Winzereien in Montalcino stehen unter dem Verdacht der Staatsanwaltschaft von Siena, in großem Stil gepanscht zu haben: Mit anderen Traubensorten aus Apulien und Kampanien, mit Merlot-Trauben aus dem Chianti-Gebiet. Das ist zwar nicht gesundheitsgefährdend, mindert aber den Wert des Brunello beträchtlich, denn er ist ein sogenannter „Hochpreiswein“. Die Staatsanwaltschaften haben besonders den Jahrgang 2003 unter die Lupe genommen, 600.000 Flaschen wurden beschlagnahmt. Solcher Verschnitt bringt natürlich mehr Quantität – und eine Geschmacksveränderung. Es heißt, gerade für den hochinteressanten amerikanischen Markt habe der Brunello milder, geschmeidiger gemacht werden sollen. Also eine „verkaufsfördernde Maßnahme“.
Es war ein "makelloser Roter von extremer Eleganz"
Angesicht solcher Machenschaften, solcher Verfälschungen eines edlen Weines klingt es wie Hohn , was noch vor wenigen Jahren in dem führenden Weinführer Italiens über den Brunello di Montalcino der beschuldigten Winzereien bewertend zu lesen ist: „Der dunkle und dichte Riserva mit seinen üppigen und umfangreichen ‚exotischen’ Vanille- und Graphitnoten sowie dem pflanzlichen Einschlag auf dem duftigen Untergrund von roten Früchten bietet zudem einen eleganten und überdurchschnittlich kräftigen Geschmack“. Eine Ode auf einen Wein, der jetzt im Verdacht steht, gepanscht worden zu sein. Und über den Marktführer in Montalcino hieß es bislang knapp und bündig, der Betrieb habe sich seine Rolle „in Jahren ernsthafter und vetrauenswürdiger Arbeit erobert“. Sein Brunello sei ein „technisch makelloser Roter von extremer Eleganz“.
