Italien und Migration: Gestern und heute

Italien und Migration: Austellung in Lucca - Gisela Dürselen
Italien und Migration: Austellung in Lucca - Gisela Dürselen
Migration prägt Italien. Bei der Debatte um Flüchtlinge wird jedoch eines leicht vergessen: Italien war einst selbst ein wichtiges Auswanderungsland.

Zirka 6.000 Flüchtlinge sind in den vergangenen zwei Monaten in Italien angekommen. Die meisten kamen aus Tunesien und landeten auf Lampedusa. Die Insel rief wieder einmal den Notstand aus, weil das auf 850 Bettplätze beschränkte Auffanglager hoffnungslos überfüllt ist. Mittlerweile bringt der italienische Staat die Flüchtlinge via Flugzeug in weitere Lager in Süditalien, und Lampedusa wurde mit einem Sonderetat von 800 Millionen Euro zur Bewältigung der humanitären Krise ausgestattet. Italiens Innenminister spricht von einer zu erwartenden "Flüchtlingswelle" von mindestens einer Million Menschen und bittet die EU um Hilfe.

Albaner und Chinesen in Italien

Einwanderer gibt es nicht erst seit gestern in Italien: In den 1990er Jahren erlebte das Land eine bis dato nicht gesehene Massenankunft von Albanern, und in fast jeder größeren italienischen Stadt gibt es eine Chinatown. Das größte Chinesenviertel befindet sich in Prato, wo die asiatischen Einwanderer inzwischen eine starke Konkurrenz für die italienische Textilindustrie sind. Die ersten Albaner aber kamen schon viel früher: In Kalabrien gibt es Dörfer, in denen seit Jahrhunderten albanisch gesprochen wird.

Europäische Auswanderung im 19. Jahrhundert

Was bei der öffentlichen Diskussion um die Ankunft der Bootsflüchtlinge nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass Italien 100 Jahre lang, von 1871 bis 1971, eines der wichtigsten Auswanderungsländer Europas war - und dass zu jener Zeit die wichtigsten weltweiten Wanderungsbewegungen allesamt von Europa aus in andere Erdteile gingen.

Italienische Migration

"Im Kielwasser der Schiffsschraube - Geschichten von Migranten gestern und heute" titelt eine Ausstellung, die derzeit im Palazzo Ducale in der toskanischen Stadt Lucca zu sehen ist. Mit Exponaten zur italienischen Auswanderungsgeschichte und einem didaktischen Begleitprogramm will die Stadt Lucca der grassierenden Fremdenfeindlichkeit im Land begegnen. Die Bilder der Migration von gestern und heute gleichen sich: Zu sehen sind überfüllte Boote auf gefährlichem Wasser und die von Strapazen leeren Blicke der Menschen. Die Ausstellung in Lucca dokumentiert auch die Diskriminierung, die italienische Auswanderer in ihren Ankunftsländern zu erleiden hatten: Sie waren die "bats" (Fledermäuse) in den USA, die "locuste" (Räuber) in Australien und in allen angelsächsischen Ländern die "dagos" (Leute mit den Stiletten).

Und die Menschen auf Lampedusa?

Auf Lampedusa soll inzwischen zur Bewältigung der humanitären Katastrophe das Militär eingesetzt werden. Einige Inselbewohner sorgen sich bereits wegen der bevorstehenden Sommersaison und befürchten, dass die Touristen ausbleiben könnten. Die Mehrheit der Lampeduser indes hat Mitgefühl mit den Flüchtlingen und solidarisiert sich. Zu ihnen gehört die Gruppe "Everyone", deren Credo lautet: "Wir wollen uns nicht in die Politik einmischen und auch keine Sympathien erheischen von Medien oder den Mächtigen. Wir wollen einfach menschliche Leben und Schwache vor Verfolgung retten."

Die Dokumentationen von "Everyone" zeigen auf, dass die Gründe für Migration damals wie heute gar nicht so unterschiedlich sind: "Unser Leben war unerträglich", zitiert "Everyone" einen Tunesier - und ein anderer Flüchtling sagt: "Einige von uns betraten das Boot mit einer Flasche Benzin: Für den Fall, dass wir gestoppt würden. Dann würden wir lieber sterben als zurück nach Tunesien geschickt zu werden."

Gisela Dürselen Suite101-Autorin, (Foto: Christine Vincon)

Gisela Dürselen - Ausbildung und berufliche Meilensteine: Journalistin, Friedensfachkraft, Trainerin für emotionale und soziale KompetenzStudium ...

rss