Italien verlegt Regierungsstellen von Rom nach Monza

Wappen - Monza
Wappen - Monza
Teilerfolg der separatistischen Lega Nord. Die Diskussion um den Einheitsstaat nimmt an Schärfe zu.

Zwei Ereignisse an unterschiedlichem Ort, allesamt aber in der norditalienischen Region Lombardei, sorgten am letzten Julisonntag 2011 für einiges Aufsehen: Im Örtchen Osteno am oberen Ende des Luganer Sees formierten sich Bürger nach dem Vorbild des Volkshelden Garibaldi demonstrativ zu einem Zug zum Ehrenmal, um für die Einheit Italiens zu demonstrieren. So, wie es dieser Volksheld 1861 mit seinem „Zug der 1.000“ vorgelebt und so die Voraussetzung für die Schaffung des Einheitsstaates geschaffen hatte. Fast zeitgleich sammelten sich Demonstranten vor dem ehemaligen Königspalast in der Motodrom-Stadt Monza und forderten die Räumung des dem Staate gehörenden noblen Anwesens von „unerbetenen Eindringlingen“. Was war geschehen? Umberto Bossi, Chef der separatistischen Lega Nord und Koalitionspartner von Silvio Berlusconi in Rom, hatte durchgesetzt, dass Kopfstellen der von seiner Partei geführten Ministerien von der Metropole in Rom abgezogen und nach Monza verlagert wurden. Ein symbolischer Akt – weg von „Roma ladrona“, dem „diebischen Rom“.

Machtwort von Staatspräsident Napolitano

In Italien hat sich im Sommer 2011 die Auseinandersetzung um einen verstärkten Föderalismus verschärft; der Einheitsstaat ist stärker denn je in Gefahr geraten. Umberto Bossi, dessen Markenzeichen es ist, bei offiziellen Anlässen und dem Absingen der Nationalhymne den Stinkefinger zu zeigen, drängt mit Macht auf größere Souveränität der nördlichen Landesteile. Er wird nicht umsonst die „immerwährende Opposition in der Koalition“ genannt. Zunächst hatte er durchzusetzen versucht, dass „seine“ Ministerien – das sind die für Reformen (Umberto Bossi), Vereinfachung in der Gesetzgebung ( Roberto Calderoli) sowie Wirtschaft und Finanzen (Giulio Tremonti) zur Gänze in Richtung Norden abwandern; und zwar nach Mailand. Bei diesem Plan gab es zwei Hindernisse. Zunächst ging die norditalienische Metropole bei den jüngsten Kommunalwahlen an einen sozialdemokratischen Bürgermeister, der zum Hemmschuh hätte werden können. Und dann schaltete sich Staatspräsident Giorgio Napolitano ein, mit einem Machtwort: Rom sei und bleibe die Hauptstadt des Einheitsstaates.

Spiel mit den Gefühlen der Italiener

So hat Bossi – notgedrungen vom abhängigen Berlusconi unterstützt – jetzt mit der Verlagerung von Kopfstellen nach Monza nördlich von Mailand einen Kompromiss akzeptiert – aber immerhin einen Fuß in der Tür behalten. Der Oppositionsführer Antonio di Pietro, Vorsitzender der Partei „Italien der Werte“, verurteilte sogleich das Vorgehen des Lega-Chefs und der Regierung scharf. So werde „mit den Gefühlen der Italiener im Norden gegenüber denen im Süden ein böses Spiel getrieben“. Und außerdem sei es nachgerade ein „krimineller Akt“, in Zeiten italienischer Finanzkrise den Regierungsapparat weiter aufzublähen.

Symbol für Befreiung von Fremdherrschaft

Die Einrichtung der Ministeriums-Ableger hat derzeit nicht viel mehr als deklamatorischen Charakter. Im ehemaligen Königspalast sind ein paar Zimmer frei geräumt worden. Es gibt Schreibtische und Wandregale – aber in den ersten Augusttagen weder Telefon- noch Internet-Anschlüsse. Doch die Wände sind geschmückt mit einem Konterfei von Umberto Bossi und einem Foto des Staatspräsidenten. Wichtiger jedoch: Auf jedem Schreibtisch steht eine Miniaturausgabe der Statue von Alberto da Giussano. Sie zeigt den Führer des Lombardenbundes aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, kämpferisch mit hoch gestrecktem Schwert. Er gilt in der Lombardei als ein Symbol der Befreiung von Fremdherrschaft. Die Lega Nord hat diesen Helden in ihrem Wappen.

Weiterführende Informationen: La Repubblica (in italienischer Sprache)

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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