
- Ivo Andri?: Das Fräulein - Suhrkamp Verlag
Hinter dem literarischen Welterfolg des Romans „Die Brücke über die Drina“ tritt der dritte Teil der Trilogie des bosnischen Literaturnobelpreisträgers Ivo Andric(1892-1975) immer etwas in den Hintergrund der Aufmerksamkeit, wobei der erste Teil „Wesire und Konsuln“ in deutscher Übersetzung derzeit gar nicht als neuere Ausgabe vorliegt.
Historischer Roman über Bosnien zwischen 1900 und 1935
Der historische Roman „Das Fräulein“ hat besondere Beachtung verdient. In der Trilogie steht er für sich und kann als spannender, in sich stimmiger psychologischer Roman über die Pervertierung des Geizes und als Charakterbild über das menschliche Scheitern und Zugrundegehens eines Geizhalses gelesen werden. Aber es ist auch ein politischer Roman, der die Veränderungen und die Entwicklung des krisen- und kriegsgebeutelten Bosnien zwischen Jahrhundertwende und 1935 schildert. Wer das heutige Land Bosnien-Herzegowina, jahrzehntelang jugoslawische Teilrepublik, kennen lernen, verstehen und bereisen möchte, sollte diesen Roman im Reisegepäck haben. Die Geschichte spielt in Belgrad (der heutigen Hauptstadt Serbiens) und Sarajevo (Hauptstadt des heutigen Bosnien-Herzegowina).
Geizhälse in der Literatur – Grimmelshausen, Molière, Balzac,
Über Geiz und Geizhälse gibt es viele Beispiele in Essayistik, Fabeln, Dramen, Prosa und musikalischen Werken von der Antike bis zum Geiz-ist-geil-Zeitgeist der Gegenwart. Zu den bekannteren Beispielen zählen die Komödie „L’Avare“ (Der Geizige) von Molière (1622-73), der realistische Roman „Eugénie Grandet“ als Teil des „Comédie humaine“-Zyklus von Balzac (1799-1850). Auch in Grimmelshausens „Abenteurlichem Simplicissimus Teutsch“ (1668) gibt es einen „Wettstreit zwischen der Verschwendung und dem Geiz“, und die verschiedenen europäischen Nationalliteraturen weisen eine Fülle an Erzählungen zu diesem Motiv auf. Selten allerdings wählt ein Schriftsteller eine Frau als Hauptfigur des Geizkragens – in der deutschen Sprache gibt es noch nicht einmal eine weibliche Form dafür.
Gospodjica – Das geschäftstüchtige Fräulein von Sarajevo
Die Geschichte erzählt das Leben der Gospodjica Rajka Radakovic, die in vermögendem Hause aufwächst und am Sterbebett des Vaters von diesem einen Lebensauftrag als Hypothek erhält, den zu erfüllen sie sich bemüht und dabei weit übers Ziel hinausschießt. Der Vater sagt: „Du musst gegen dich und andere unbarmherzig sein. Denn es genügt nicht, an deinen Wünschen und Bedürfnissen zu sparen.“ Man müsse „für immer in sich all jene sogenannten höheren Rücksichten töten, die noblen Gewohnheiten der inneren Vornehmheit, des Großmuts und des Mitleids.“ Hintergrund dieses Vermächtnisses ist die Bankrotterklärung des in Sarajevo wegen seiner Großzügigkeit und Freigebigkeit beliebten Kaufmanns, an dessen moralischer Integrität kein Zweifel besteht, der aber schuldlos in finanzielle Bedrängnis gerät, vor Kummer und Scham krank wird und stirbt.
Traum von der ersten Million
Rajka wird daraufhin sparsüchtig, scheut noch nicht mal davor zurück, mit ihrem extremen Geiz und ihrer Hartherzigkeit auch die nicht sehr lebenstüchtige und von den Erträgen der Tochter abhängige Mutter und sich selbst mit strengster Askese zu kasteien und an Körper, Geist und Seele zu schaden. Sie will dem Vater postum Genugtuung verschaffen, indem sie sein Vermögen wieder erwirtschaftet, ja steigert. Statt wie andere junge Mädchen und Frauen jener Zeit und ihres Standes auf Bälle zu gehen und nach einem passenden Ehemann Ausschau zu halten, bildet sich Rajka zur Spekulantin und Wucherin aus und jagt fanatisch, menschlich rücksichtslos und auch in Kriegszeiten politisch nicht wählerisch Geld und Gold nach. „Der Traum war mit der Zeit gewachsen, … er hieß: die Million.“ Rajkas Ziel ist es, die erste Million zu erarbeiten und diese anschließend zu vervielfachen.
1914 – Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo
Ivo Andric benutzt das Motiv einer starken gesellschaftlichen Abweichung seiner Heldin, um dem Leser die politischen Ereignisse, das Elend und die Protestbewegung der bosnischen Bevölkerung zwischen der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo und dem Jahr 1935 zu schildern. Es ist interessant, dass Ivo Andric die Geschichte zu dem Zeitpunkt enden lässt, als er selbst zum Leiter der politischen Abteilung im Belgrader Außenministerium ernannt wird.
Kriegsgewinnlerin verliebt sich in Hochstapler
Mit psychologischer Raffinesse lässt der Erzähler seine Heldin, deren unsoziales und unpatriotisches, als Kriegsgewinnlerin hochgradig unmoralisches Verhalten er pseudoneutral, durchaus mitleidig und nachsichtig, gegen Ende in traurigem Ton schildert, in ihr Verderben rennen. Die Kapitel über die einzige emotionale Verführung durch einen lebensfrohen Hochstapler, in Rajkas Augen eine unverzeihliche Entgleisung, gehören zu den genialsten dieses feinen, lesenswerten bosnischen Romans.
Ivo Andric: Das Fräulein. Roman. Aus dem Serbokroatischen von Edmund Schneeweis. Suhrkamp Taschenbuch 2003. Kartoniert. 286 Seiten. 10 Euro
Ivo Andric: Die Brücke über die Drina. Eine Chronik aus Višegrad. Aus dem Serbokroatischen von Ernst E. Jonas. Überarbeitet von Katharina Wolf-Grießhaber. Mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauß. Paul Zsolnay Verlag 2011. Gebunden. 494 Seiten. 25,90 Euro
Ivo Andric: Wesire und Konsuln (auch als „Travniker Chronik“ bekannt). Derzeit nicht in deutscher Übersetzung vom Buchmarkt lieferbar
