J.-E. Berendt untersuchte die Spätwerke verschiedener Komponisten

Hinübergehen - Das Wunder des Spätwerks Berendt    - Network Zweitausendeins
Hinübergehen - Das Wunder des Spätwerks Berendt - Network Zweitausendeins
Der Musikjournalist entdeckte das Besondere, das sie gemeinsam haben und veröffentlichte es in seinem Buch "Hinübergehen - Das Wunder des Spätwerkes"

In seinem Buch "Hinübergehen – Das Wunder des Spätwerkes" untersucht der Musikjournalist, Joachim-Ernst Berendt, die letzten Werke verschiedener Komponisten aus unterschiedlichen Epochen. Er trifft auf Gemeinsamkeiten, die eine Besonderheit in sich bergen, mit denen er sich näher befasst.

Musik ist genauer als Sprache

Zahlreiche Komponisten aus früheren Jahrhunderten lebten oftmals nur an die dreißig Jahre und schufen in dieser kurzen Zeitspanne musikalische Wunderwerke.

Mendelson Bartholdy war der Meinung, dass Musik genauer ist als Sprache. Diese Aussage befürwortend stellt Joachim Ernst Berendt anheim, dass alle letzten Werke der Komponisten, ein mit Worten nicht zu beschreibendes Wunder in sich bergen. Es gleiche der Faszination eines Sonnenaufganges. Die Spät- oder Letztwerke gingen über die üblichen Schlusssätze hinaus. Sie gehen weiter und lediglich für das Hörvermögen der irdischen Ohren erlische die Musik. Besonders mit Streichquartetten sei dieses Hinübergehen auszudrücken, da sich mit ihnen jede Unvollkommenheit entlarve.

Das Herausragende in den letzten Kompositionen

Nicht zuletzt komponierte Bach Stücke, deren Klänge für Instrumente ausgelegt waren, die es zu dieser Zeit noch nicht gegeben hat. Mendelsohn Bartholdy schuf mit dem Requiem an seine Schwester Fanny, nach deren Tod er ihr wenige Wochen später folgte, ein Werk für ein Streichquartett, das den Charakter eines Sinfonieorchesters aufwies.

Beethovens, der üblicherweise Jahre an seinen Sinfonien schrieb, vollendete die 9. innerhalb von drei Wochen.

Viele Komponisten machten sich mit ihrem letzten Werk bewusst bereit, zu gehen. Auch auf das Gehen im wörtlichen und übertragenen Sinne geht der Musikforscher ein. Bruckner widmete seine 9. Sinfonie Gott. Neun Jahre lang arbeitete er an ihr und vollendete sie an seinem Sterbetag. Der Mensch sterbe dann, wenn er sterben will.

Existentielle Krisen in romantischer Musik

In seinem Buch zitiert Berendt den Geiger Christoph Poppe, der sich in diesem Zusammenhang über die mangelnde Gefühlsbereitschaft äußert: "Romantische Musik ist eine Musik des Leidens, der unstillbaren Sehnsucht, sie berührt ständig die Grenze zwischen Leben und Tod. Die Romantik ist uns heutigen Menschen viel fremder als Barock oder Klassik, denn wir leben in einer unromantischen Zeit, haben das Bedürfnis, die Seele zu verstecken. Der gegenwärtige Trend zu Barockmusik und historischer Aufführungspraxis entspringe dieser mangelnden Gefühlsbereitschaft. Mit alter Musik riskiert man ja nichts, während die romantische Musik ständig existentielle Krisen ausdrückt..."

Phänomen der letzten Werke von Gustav Mahler

Mahler habe mit seinem letzten Werk, im Neuntonklang, zum einen die Vorstufe zum Gesamtklang der modernen Konzertmusik geliefert und zum anderen eines der schönsten überirdischen Werke geschrieben, so der Hörforscher Joachim Ernst Berendt.

Spätestens nach dem im letzten Drittel des Werkes befindliche Choral sei nichts mehr in der gleichen Form wie vorher. Es sei, als offenbare sich die gesamte Schönheit anders.

Berendt beleuchtet auch den zeitlichen Aspekt. Mahlers Musik erlangte den Durchbruch bei seinen Hörern als sich der Psychoanalytiker Freud der Betrachtung der Seele in der Weise annäherte, wie es im Osten bereits seit tausenden von Jahren war und ist.

Laut Leonard Bernstein wohne der Musik Mahlers das gesamte Ying- und Yangverzeichnis inne. Berendt umschreibt das folgendermaßen: „Seine Pausen sind wie erschütterndes Stillschweigen, seine Auftakte wie vulkanische Vorbereitungen für einen tödlichen Schlag, seine Märsche wie Herzattacken und seine Choräle hören sich an, als sei die gesamte Christenheit verrückt geworden.

Verdi und Garibaldi, Messiaen und von Assisi

Verdis Thema war sein Leben lang die Befreiung. Auch dass er im Befreiungskampf in Italien unmittelbar neben Garbibaldi stand, dessen spricht man keinen Zufall zu.

Olivier Messiaen hat sein letztes Werk, die Oper Saint Francois d´Assise, dem heiligen Franziskus gewidmet. Die Liebe zu den Vögeln und deren Gesang sind beiden gemein. Messiaen bereiste zahlreiche Länder um die Gesänge der auch außerhalb von Italien lebenden Vögeln aufzuzeichnen. In der berühmten Vogelpredigt sprechen Franziskus und die Vögel miteinander, in der Oper spricht auch der Komponist mit.

Quelle: „Hinübergehen – Das Wunder des Spätwerks“ Joachim-Ernst Berendt, Network bei Zweitausendeins

Christine Rödel, Christine Rödel

Christine Rödel - Ich bin in Thüringen geboren und aufgewachsen. Mitte der achtziger Jahre genügte der sich immer mehr verengende Radius nicht ...

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