J Mascis' Solo-Album "Several Shades Of Why"

J Mascis 1987 - Jens Jürgensen
J Mascis 1987 - Jens Jürgensen
Der Kopf von Dinosaur jr. liefert im Alleingang ohne Schlagzeug ein ergreifendes Dokument menschlicher Misere.

Der Mann ist unglaublich mundfaul und in Interviews notorisch indisponiert. Man ist unwillkürlich geneigt, seinen raunzigen Gesangsstil auf die Zumutung zurückzuführen, überhaupt singen zu müssen. Ins Bild eines lethargischen, zugekifften Hippies passt nur nicht die Tatsache, dass die Rock-Geschichte dem lang- und weißmähnigen, gut gepolsterten J Mascis aus Amherst, Massachusets, eine ihrer explosivsten Gitarren verdankt.

Mit Dinosaur jr. Wegbereiter des Grunge

Als Sänger, Songschreiber und eben Gitarrist von Dinosaur jr. war Mascis in der zweiten Hälfte der 80er Jahre ein Wegbereiter des Grunge, indem er mit seinen Begleitern Lou Barlow (Bass) und Murph (Schlagzeug) virtuos auf hohem Energie-Level eine am Punk geschulte Intensität, metallische Härte und Folk-affine Melodien zu eindringlichen Songs verdichtete. Allerdings waren Dinosaur jr. stets ein sensibler Organismus, da sich Mascis und Barlow nicht leiden konnten. 1989 entfernte Mascis den Bassisten mit einem gemeinen Trick aus der Band: Er und Schlagzeuger Murph erklärten ihm, Dinosaur jr. seien aufgelöst, dabei hatten sie bereits eine Australien-Tour gebucht (den Bass bedienten zunächst wechselnde Aushilfskräfte, ab 1991 Mike Johnson).

2005 Dinosaur jr.-Reunion mit einem als Solisten profilierten Lou Barlow

1997, nach dem Album „Hand It Over“, wurde die Band dann tatsächlich stillgelegt und Mascis wandte zahlreichen Projekten mit verschiedenen Formationen zu. 2005 reformierten sich Dinosaur jr. – mit Lou Barlow. Das überraschte nicht nur angesichts alter Animositäten, sondern auch weil sich Barlow in der Zwischenzeit als Solist bzw. mit seinen Ensembles Sebadoh und Folk Implosion als vorzüglicher Singer/Songwriter profiliert und etabliert hatte.

Nicht unlogisch, bekam Barlow auf den beiden seither erschienenen Alben „Beyond“ (2007) und „Farm“ (2009), die beide problemlos den Standard früherer Großtaten wie „Bug“ halten konnten und deren letzteres einen beachtlichen Platz 29 in den Billboard 200 erreichte, Anteile am Songwriting eingeräumt.

Ohne lautes PR-Getrommel erschien Mascis’ Solo-Album „Several Shades Of Why“

Und nun kommt – ein wenig wie aus dem Nichts, weil ohne vorauseilendes Promotiongetrommel – J Mascis mit einem Solo-Album. Es ist im strengsten Sinne nicht sein erstes – das war das akustische, mit Dinosaur jr.-Songs und Cover-Versionen von den Wipers, Smiths und anderen bestückte Live-Album „Martin + Me“ von 1996 –, aber jedenfalls sein erstes echtes. Unterstützt haben ihn bei „Several Shades Of Why“ unter anderem Kurt Vile, Pall Jenkis von Black Heart Procession und Kevin Drew, Kopf der Broken Social Scene.

Die Defizite geben der Platte Charakter

„Several Shades Of Why“ ist ein Akustik-Album ohne Schlagzeug, dafür mit sporadischen Geigen-Einsätzen und wirkt anfangs entsprechend langweilig. Aber schon ab dem zweiten Track, dem Titelsong, entfacht diese Musik eine seltsame Sog-Wirkung. Es sind die vermeintlichen Defizite, die der Platte Charakter und, ja doch, Charisma geben: Die Langsamkeit, Schüchternheit der Musik, die qequälte Stimme, die trostlose Eindimensionalität der Texte.

Alles andere als ein großer Poet, scheint Mascis schwer um Ausdruck zu ringen

Mascis ist alles eher denn ein großer Poet; er kennt kaum andere Themen als (unglückliche) Beziehungen und selbst dafür scheint er schwer um Ausdruck ringen zu müssen. Aber das verbale Elend deckt sich mit dem inhaltlichen und potenziert sich mit dem leisen, klagenden Gestus der Musik zu einem ergreifenden Dokument menschlicher Misere.

In der zweiten Album-Hälfte wird Mascis offensiver, setzt die Gitarre unter Strom und infiltriert „Where Are You“ mit einem alarmierenden Lauf. „Can I“ wiederum weckt wohlige Erinnerungen an Neil Youngs große, leicht bluesige Ballade „Driveby“ von dessen Album „Sleep With Angels“. Nach dem letzten Song „What Happened“ war es Liebe auf den ersten Blick bzw. auf den ersten Takt.

J Mascis - „Several Shades Of Why“ (Sub Pop/Cargo Records) erschien am 18. März 2011.

Bruno Jaschke, Tamara Starl

Bruno Jaschke - Ich bin freier Journalist und Autor und lebe in Wien. Aktuelle journalistische Tätigkeit neben suite101.de in Wiener Zeitung, Die ...

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