Jaak Sapas: Tänzer und Choreograph

Wenn Elefanten küssen..., Tanzperformance in Tallinn/Estland

Tänzer und Choreograph - François Maher Presley
Tänzer und Choreograph - François Maher Presley
Junge Künstler haben es schwer in der etablierten Kunstszene, Tänzer noch ein Stück mehr, der Moderne Tanz jedoch ist eine Nischengattung, wenngleich sehr ausdrucksstark.

Menschen auf der Suche, ein Reisender, der das Leben durchstreift, um den richtigen Weg zu finden. Ein verheirateter Mann, der nach Aufbau, nach der Erziehung seiner Kinder, dem seine Ehe fremd geworden, hinausgeht, um zu sortieren, neue Möglichkeiten zu entdecken. Eine Frau nicht auf der Suche, eher schauend, aufnehmend, Neues erlebend. Menschen beim Umhergehen im „Raum“ - Leben. Alle ohne Ziel, dennoch mit dem Ziel „Selbstfindung“.

Bühnenbild und Rahmen

„Wenn Elefanten küssen“ erscheint wie eine absurde Situation, weil Elefanten große Wesen sind, unbeholfen wirken, niedlich, ebenso wie Leute, die sich unbeobachtet fühlen und entsprechend verhalten, Laute von sich geben oder Bewegungen ohne Kontext. So erscheint es dem Zuschauer. Sie bewegen sich im „Raum“ Leben, die Scheinwerfer wie die Wächter darüber, sich so bewegend, dass die Lichtkegel langsam die Bühne verlassen – die Lebensuhr.

Eine unmöblierte Bühne, im Hintergrund eine eben diese abdeckende Leinwand, einige Scheinwerfer und der „die sich unterwegs Befindlichen“ darstellende Jaak Sapas. Das Bühnenbild wird von einem Dia dominiert, auf dem der Ausschnitt eines Raumes zu sehen ist, schlicht, in blassen Tönen, eine dominante Tischlampe, als wäre sie in der Situation eines Leuchtturms auf einer Insel, beim genauen Hinsehen wird ihr die Bedeutung dieses zweiten Teils des Tanzarrangements durch eine Tür genommen, die in den gleichen Farbtönen des Raumausschnittes nur durch ihre Schattierungen an Rahmen und Griff kenntlich wird. Eine Öffnung nach außen, vorerst aber um hineinzufinden, zu finden, wieder ein Hinweis zur Selbstfindung.

Die Größe des Raumes ist vorgegeben, die Größe der Welt, in die man sich hinauswagt. Die Möglichkeiten, sich in einer Gesellschaft zu entwickeln, auseinanderzusetzen mit sich oder der Umgebung sind vorgegeben. Der innere Teil des Individuums ist nicht nur durch seine körperliche Dimension, sondern auch durch die geistige vorgegeben.

Inhalt und Sinn

In diesem Raum der Auseinandersetzung finden sich alle in einem Leben „Umherlaufenden“. Manche werden unerwartet konfrontiert und überstehen das nicht. Anderen sind die gebotenen Möglichkeiten zu umfassend, wieder andere sind in der Lage zu erfassen, aber nicht umzusetzen. Wenige verstehen, noch weniger können gestalten und Widerstand leisten gegen eine sinnbildliche Decke, gegen ebensolche Wände in Form z.B. der eigenen Kindheit, der Selbsterkenntnis, eines rigiden Gesellschaftssystems oder einfach nur der Angst vor Ich-Erleben. Jaak Sapas, dessen klassische Ausbildung immer wieder deutlich wird, stellt diese Bewegung durch mögliche Reaktionen dar, durch Abwehr, durch Strecken, durch den Versuch, zu entkommen.

„Wenn Elefanten küssen, dann müssen, müssen, müssen sie ganz, ganz fein behutsam sein.“ Begegnung - selbst mit einem selbst - will behutsam angepackt werden. Erkenntnis kann einen friedlich stimmen. Sie ist aber häufig auch Basis für Aggressionen, die sich zuerst gegen einen selbst, gegen die eigene Sozialisation richten, zum Ausdruck aber in Abwehrhaltung und – durch Verletzbarkeit bedingt -, Verletzungen der Anderen unbedingt in Kauf nimmt, eine Art Selbsterhaltungsmechanismus - fehlgeleitet.

Tänzer und Choreograph

Immer der eigene Lebensweg inspiriert einen jungen künstlerisch begabten Menschen zuerst. Der Autor schreibt in Gedichten über sein Wehleid. Der Maler zeigt uns seine Sichtweise, seine Kindheit, seine Jugend, die erste Liebe. Der Komponist will uns hören lassen, was in ihm vorgeht. Kunst gebärt sich vielfach in Leid, oft Aufarbeitung, öfter noch Kompensation. So geht es bei dieser Performance Jaak Sapas´ auch. Er bildet keine Ausnahme. Sein Stilmittel ist der moderne Tanz, bei dessen Ausübung das klassische Können von Nöten ist, aber mehr Beachtung der Fantasie des Darstellers und des körperlichen Ausdrucks gewidmet werden muss.

Diese Ausdrucksmöglichkeit sind Jaak Sapas gegeben, wenn er sie auch nicht nachhaltig nutzt, wenn er seinen Gefühlen auch nicht völlig freien Lauf lässt. Dennoch waren weite Teile der Darbietung eine bewegende Wiedergabe seiner Gefühls- und Erlebniswelt. Alles an dieser Inszenierung erscheint vorsichtig geraten. Ebenso vorsichtig, wie die Elefanten sein müssen, die einander finden oder jeder sich im Anderen findet und nun „ganz, ganz fein behutsam“ sind, er, weil seine Selbstfindung gerade beginnt und in seiner Profession zum ersten Mal ihren Ausdruck sucht.

Hier aber sind auch die Mängel des guten und fantasievollen Stückes zu sehen. Von der Komplexität dessen, was Sapas ausdrücken wollte, wurde der Betrachter von Vernebelungen abgelenkt. Dass das Bühnenbild ersetzende Dia war schwach und wenig aussagekräftig, die Tischlampe zu dominant, dagegen die gewählten Musikstücke teilweise in der Lage, auf die richtige Spur zu bringen, ging es im letzten Stück um das Kindsein, ein Kinderlied, das er selbst als Zweieinhalbjähriger gesungen hatte und lässt die Stimme des Vaters im Hintergrund ertönen. Die Stücke dazwischen waren eher irritierend und ablenkend. Bedarf es nämlich der Musik, dann bedarf es auch ihrer Aussage. Bedarf es der Musik nicht, ist sie einfach wegzulassen. Tanz und Ausdruck kann genügen. Sapas wählte auch hier einen Mittelweg, doch mehr Konsequenz bringen die Jahre der Auseinandersetzung und der Kenntnisnahme von Wertigkeit von Reduktion.

Zuletzt fiel die Nervosität auf, wenn auch authentisch: Ein junger Mensch, auf der Suche, nicht auf der Zielgeraden, aber mit der Aussicht, seinen künstlerischen Weg und seine Ausdrucksform zu finden.

François Maher Presley, Foto: David Eschrich, Fançois Maher Presley

Francois Maher Presley - François Maher Presley kam in Kuwait/pers. Golf zur Welt und lebte seit seinem sechsten Lebensjahr in Hamburg. Der Autor und ...

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