
- Whistler-Statue in London, Chelsea - www.flickr.com/londonconstant
Im Paris des 19. Jahrhunderts galt James McNeill Whistler als ebenso schillernde wie schwierige Persönlichkeit. Er beherrschte die Kunst, sich selbst perfekt zu vermarkten und hielt mit seiner Meinung niemals hinter dem Berg. Sein umfangreiches Werk zeigt viele Einflüsse, die es unmöglich machen, ihn einer künstlerischen Strömung zuzuordnen.
James Abbott McNeill Whistler - künstlerische Anfänge
Der 1834 in Lowell, Massachusetts, geborene Künstler verbrachte seine Kindheit und Jugend in St. Petersburg, wo er auch Zeichenunterricht an der Kaiserlichen Kunstakademie erhielt. 1849 kehrte Whistler in die USA zurück, eine Ausbildung an der US Military Academy scheiterte an mangelnder Disiziplin. Er fand Arbeit beim Vermessungsamt, wo er lernte Radierungen anzufertigen.
1855 verließ der Künstler die USA und kehrte nie wieder zurück. Seine neue Heimat wurde Paris. Er trat in das Atelier von Charles Gleyre ein, begann sich der Malerei zu widmen und genoss das Bohème-Leben in vollen Zügen.
Vier Jahre später zog er nach London, wo er Joanna Hifferman kennenlernte, die ihm Modell stand und seine Geliebte wurde. Zusammen mit Manets Skandalbild Frühstück im Grünen präsentierte Whistler sein Gemälde The White Girl 1861 im Pariser Salon des Refusés. Von Besuchern und Kunstkritikern wurde es nur geringfügig besser aufgenommen als Manets Bild.
James McNeill Whistler und die Einflüsse auf sein Werk
In Paris lernte Whistler Gustave Courbet kennen, mit dem ihn bald eine Freundschaft verband. Zusammen malten sie am Strand von Trouville. Doch bereits zwei Jahre später schloss Whistler sein Kapitel "Freilichtmalerei".
Dante Gabriel Rossetti, ein Nachbar von Whistler in London, brachte ihn mit der Malerei der Präraffaeliten in Berührung, was nicht ohne Auswirkung auf Whistlers Frauendarstellungen blieb, wie auch The White Girl zeigt.
Durch Rossettis Bruder lernte Whistler die asiatische Kunst kennen. Bald hatte auch ihn die Japanmode erfasst, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa um sich griff. Einige seiner Frauenporträts wie Purpur und Rosa: Die Lange Leizen der sechs Marken (1864) und Capriccio in Purpur und Gold (1864) sind Zeugnis dafür.
In seinem grafischen Werk zeigt sich der Einfluss des japanischen Farbholzschnittes in einer Verflachung des Bildraums, steilen Perspektiven und der Betonung der Umrisse.
Im Zuge seiner Asienbegeisterung entwickelte Whistler auch seine berühmte Schmetterlingssignatur.
James McNeill Whistler – ein Impressionist?
Whistlers Malweise wurde in den 1870er Jahren zunehmend temporeicher und flüchtiger, was John Ruskin zu der Kritik veranlasste, Whistler schleudere dem Publikum einen Farbtopf ins Gesicht.* Konkret bezog sich Ruskins vernichtender Kommentar auf das Bild Nocturne in Schwarz und Gold: Die fallende Rakete (1875). Whistler wehrte sich, brachte den Kritiker wegen Verleumdung vor Gericht und verteidigte sich mit den Worten, der Wert von Kunst könne nicht daran gemessen werden, wie viele Stunden man vor der Staffelei verbracht habe. Whistler gewann den Prozess.
Doch – obwohl flüchtig – unterscheidet sich Whistlers Malweise von der der Impressionisten. Sehr deutlich wird dies, wenn man das Leitbild des Impressionismus Impression, soleil levant von Claude Monet (1872/73) Whistlers Nocturne, Blau und Gold (1872) gegenüberstellt. Beide Bilder zeigen den Hafen mit roter Sonne. Bei Monet sind die einzelnen Pinselstriche noch deutlich zu erkennen, beleben und akzentuieren – manchmal in kontrastreichen Farben – die Darstellung. Whistlers Nocturne hingegen verschleiert den Farbauftrag, variiert kaum den Grundton, bleibt nahezu monochrom. Viel wichtiger ist allerdings der Unterschied, dass Monet sein Bild unter freiem Himmel schuf, während Whistlers im Atelier entstanden war.
Was Whistler mit den Impressionisten teilte, war der Wunsch, das Atmosphärische einzufangen, Lichtwirkung und Sinneseindrücke wiederzugeben. Dennoch lehnte Whistler es ab, gemeinsam mit den Impressionisten auszustellen.
Das Werk von James McNeill Whistler
Zu den bekanntesten Werken Whistlers zählen seine großformatigen Frauenporträts. Anders als seinem Malerkollegen John Singer Sargent, dem beliebtesten Porträtmaler seiner Zeit, ging es Whistler weniger darum, die Persönlichkeit einzufangen, als vielmehr der Schönheit der Frau zu huldigen. Eine Ausnahme ist das berühmte großformatige Porträt seiner Mutter von 1872, in dem die Gottesfürchtigkeit und Bescheidenheit der damals 67-jährigen Anna McNeill Whistler durch die monochrome Farbgebung noch betont werden.
Über dreißig sogenannte Nocturne, nächtliche Ansichten der Themse, entstanden in den 1870er Jahren. Diese Bilder sind in einer der Aquarelltechnik ähnlichen Malweise angefertigt: Whistler trug sehr flüssige Farbe zügig auf und schuf damit einen einheitliche Oberflächeneffekt. In seinem Gesamtwerk sind die Nocturnes die innovativsten Bilder. Sie entstanden alle im Atelier.
Für Frederick Leyland gestaltete Whistler 1876/77 ein neues Esszimmer, das er ganz nach seinen eigenen Vorstellungen in blau mit Pfauenfedermotiven ausstattete. Leyland war entsetzt als er das Ergebnis sah und wollte die Arbeit am Peacock Room, die er so nicht beauftragt hatte, nicht bezahlen.
1879 ging Whistler für vierzehn Monate nach Venedig, wo eine Fülle von Pastellen und Radierungen der Lagunenstadt entstanden, die er, als er zurück nach London kam, sehr gut verkaufen konnte.
Seine Ten O´Clock Vorlesung, eine Hymne auf das Credo "L’art pour l‘art", erschien 1885 als Buch. Whistler wehrte sich darin gegen den Anspruch, Kunst solle eine moralische oder soziale Funktion erfüllen.
Als Whistler am 17. Juli 1903 in London starb, hinterließ er rund 400 Ölgemälde, 200 Aquarelle, 300 Pastelle und fast 650 Radierungen und Lithografien.
Quellen:
- Impressionismus und Japanmode, Degas- Whistler, Überlingen 2009
- *Debra N. Mancoff: 50 amerikanische Künstler, die man kennen sollte, München 2009, S. 38/39.
