James Camerons Sanctum 3D: packende Optik, flaches Drehbuch

Plakat zu James Camerons Sanctum 3D - Constantin Film
Plakat zu James Camerons Sanctum 3D - Constantin Film
Er hat wieder zugeschlagen, James Cameron, der Meister grandioser Filme wie Avatar und Titanic. Bei Sanctum 3D (Start 21.4.) fungierte er nur als Produzent.

Wer die Welt mit solch einzigartigen Filmen bereichert, wie es James Cameron getan hat, mit Avatar (2009) und Titanic (1997), der sollte auf seinen guten Namen ganz besonders achten. Doch mit Sanctum 3D, der am Gründonnerstag, 21. April, in die deutschen Kinos kommt, hat sich Cameron nicht unbedingt einen Gefallen getan.

Kurzinhalt von Sanctum 3D

Ein gewaltiges Unwetter beschert dem Höhlentaucherteam um Frank McGuire (Richard Roxburgh) und Carl Hurley (Ioan Gruffudd) einen Albtraum: Sie, die sie die größte und zugleich unzugänglichste Höhle der Erde erforschen wollen, werden in ihr unter dem Meeresspiegel von der Außenwelt abgeschnitten. Bedroht von hereinbrechenden Wassermassen und konfrontiert mit der Überlebensangst, suchen die Taucher nach einem Ausweg aus dem Labyrinth. Die einzige Chance, der Wasserhölle zu entkommen, ist ein unterirdischer Fluss, der direkt ins Meer mündet. Den zu finden war eigentlich Ziel der Expedition – jetzt entwickelt sich die Suche nach ihm zur gefahrvollen, klaustrophobischen Rettungsaktion in eigener Sache, denn keiner weiß, ob dieser Ausweg überhaupt existiert, geschweige denn, wie man ihn findet.

Sanctum 3D ist ein schnörkelloser Actionfilm mit gravierenden Schwächen

Sanctum 3D entwickelt sich sehr konventionell. Nach gut zehn Minuten sind die Pflöcke eingerammt, man kennt die Guten, ahnt, wer der Böse ist, hat als Zuschauer seine Sympathien verteilt und lehnt sich im Sessel zurück, Popcorn vor dem Mund. Dort wird es wohl auch noch zum Ende des Films sein, denn was anfangs wirkt wie der Auftakt zu einer neuen Folge von Jurassic Park, dieses Mal auf Papua-Neuguinea, verlagert sich rasch in einen die Brust einschnürenden, schnörkellosen Trip Richtung Hölle – an Popcorn mag da keiner mehr denken.

Mit dem Einbruch der Katastrophe verschieben sich bei den Protagonisten auch die Kräfte – irgendwie gut zu sein hilft in extremen Situationen nicht weiter, die Natur ist menschlichen Regungen gegenüber unempfänglich, fürs Überleben gelten andere Gesetze: Mentale und physische Stärke werden hier gebraucht, und so wandelt sich die Figur, der zunächst die Antipathie der Zuschauer gilt, in den Guten, zumindest ist er der Nützliche, weil Stärkste.

Mentale Stärke braucht man auch als Zuschauer – zu jedem Moment fiebert man mit jedem der Eingeschlossenen. Bald sind es nur noch vier: Teamleiter Frank bleibt seiner Rolle treu und zeigt sich als unerbittlicher Überlebenskämpfer; sein Boss und Finanzier der Expedition, Carl, mutiert vom unbekümmert-sportlichen Lebemann zum unberechenbaren Risiko; in Franks 17-jährigem Sohn Josh (Rhys Wakefield) reift unter der Last der Erfahrung die Einsicht, dass sein Vater nicht das gefühllose Ekel ist, das er bisher in ihm gesehen hat; Victoria (Alice Parkinson), die Lebensgefährtin von Carl, bietet Frank die Stirn, und geht solange zu Wasser, bis sie … aber lassen wir das. Fakt ist: So eng es in dem Film auch zugehen mag – dramaturgisch klafft einiges auseinander.

Sanctum 3D: pralle Action, schwaches Drehbuch

Der extremen Umgebung und Situation steht ein plattes Drehbuch gegenüber. Die Dialoge stecken nur eingangs voller Witz, Zitate aus Krieg der Sterne und Schweigen der Lämmer verbreiten so etwas wie eine „Easy-livin’“-Atmosphäre. Im Lauf der Katastrophe entwickeln aber auch sie, die Dialoge, katastrophale Züge. Sie gipfeln in einer bekenntnishaften Beichte Franks, in der er Josh seine Unzulänglichkeit als Vater eingesteht und sein Dilemma, nur in den Höhlen so etwas wie Menschsein an sich verspürt zu haben. Das Ende des Films trägt beinahe religiöse Züge – per aspera ad astra – und lässt merkwürdig leer zurück. Ein aus dramaturgischer Sicht Fehler erster Güte ist der Schluss von Sanctum 3D: Der Film wird auf seinem Höhepunkt beendet; es fehlt die Aufarbeitung des Geschehens, was sich auch nicht damit begründen lässt, dass der Film auf einer wahren Begebenheit basiert – das tut auch The Fighter mit Christian Bale und Mark Wahlberg, und der schließt trotzdem rund ab.

Was lässt sich Gutes über Sanctum sagen? Zunächst einmal sind es 109 Kinominuten, die ängstlichen Gemütern arg zusetzen können. Wem das zynisch vorkommen mag, sollte berücksichtigen, dass Kino laut Eigenwerbung das Größte ist und deswegen auch große Gefühle hervorrufen will. Wenn man den Aufwand in Rechnung stellt, den es brauchte für die Produktion (es ist die Rede von 30 Millionen Dollar für Sanctum 3D), dann darf, ja soll Kino rühren, verzaubern, gruseln oder eben Fürchten lehren. Die im Film Sanctum eingesetzten 3D-Effekte verlieren sich naturgemäß in den Momenten, wo es bedrängend eng zugeht. 3D ist für den Raum gemacht, nicht für die Großaufnahme, die eine Hand zeigt, wie sie eine Wand entlang hangelt. Vermutlich weil der 3D-Effekt noch so relativ jung ist, wird man auch in Sanctum noch staunen. Worauf man nicht rechnen sollte: dass Sanctum jenem Film in die Quere kommt, mit dem Cameron die Welt 2010 beglückte – ja, nicht einmal in die Nähe von Avatar rückt Sanctum, obwohl Cameron auch hier seine Hände im Spiel hat.

Sanctum 3D: kalkulierter Etikettenschwindel mit Camerons klangvollem Namen

Wie der Trip selbst so führt auch das Marketing in die Irre: Bei Sanctum 3D leitet nicht James Cameron die Regie – Cameron ist ausführender Produzent, was bedeutet: Er hat die Hand auf dem Geld. Dass er sich in die Arbeit der Künstler eingemischt haben wird, darf unterstellt werden, denn so viel Geld (bei den angesprochenen 30 Millionen Dollar wird es sich um eine eher konservative Schätzung handeln) überlässt man als Produzent seinen Kreativen sicherlich nicht ohne Kontrolle. Tatsächlich gibt der Meister mit viel Understatement zu, wann er „seinem“ Regisseur Alister Grierson in die Arme fiel: „Normalerweise ist 3D eine große Herausforderung für einen so jungen Regisseur“, sagt Cameron. „Aber Grierson schlug sich ausgezeichnet. Es kam höchstens mal vor, dass eine Szene, so wie ich sie mir vorstellte, in 3D nicht wirklich gut funktioniert hätte. In so einem Fall musste ich dann das Objektiv oder die Kameraposition ändern oder etwas anderes anpassen. Ich versuchte stets, mich von dem 3D-Aspekt nicht verrückt machen zu lassen. Auch gute 2D-Filme müssen schließlich den Raum und die Bewegung ausnutzen. Ich konzentrierte mich also voll und ganz auf die Story und überließ die 3D-Aspekte den Profis.“

Um die Kirche im Dorf zu lassen: Sanctum 3D ist kein Blockbuster, wird es auch nie werden, aber der Film fesselt. Er schickt in ein klaustrophobisches Labyrinth und gesteht seinen Figuren zumindest in Grenzen Individualität zu. Etwas, was nicht jeder Film für sich beanspruchen kann.

Quelle

Constantin Film

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