James Sturm: Markttag

Cover - Reprodukt
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Mit seiner brillianten Graphic Novel „Markttag" liefert James Sturm einen authentischen Einblick in das Leben eines jüdischen Teppichknüpfers

Teppiche und Comics haben mehr gemeinsam als man zunächst annehmen mag. So ist es innerhalb der Comicforschung Gang und Gebe den sogenannten Teppich von Bayeux als frühen Vorläufer des Comics zu benennen. Der Bildteppich vereint auf 68,38 Metern in 58 Einzelszenen Bild und Text und zeigt die Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer. In der Graphic Novel Markttag (Reprodukt) spielt der Comicautor James Sturm in subtiler Weise auf diese Verwandtschaft an.

Alltag eines Teppichknüpfers

Der Teppichknüpfer Mendelmann genießt seinen wöchentlichen Ausflug zum Markt, denn normalerweise arbeitet er zurückgezogen in seiner Werkstatt. Doch eines Tages muss er erfahren, dass der Ladenbesitzer, dem er in der Regel seine Produkte verkaufen konnte, in den Ruhestand gegangen ist, und der neue das Sortiment umgestellt hat. Während Mendelmanns Frau auf die Geburt ihres gemeinsamen Kindes wartet, versucht der Teppichknüpfer verzweifelt seine Ware doch noch zu verkaufen.

Historische Wirtschaftstrukturen

James Sturm zeigt neben dem täglichen Existenzkampf, den das (jüdische) Leben im angehenden 20. Jahrhundert kennzeichnete ebenso die lokalen Wirtschaftsstrukturen auf. Darüber hinaus nimmt der Leser durch Voice Over-Passagen an der Gedankenwelt Mendelmanns teil, die Selbstreflexionen enthalten oder das Gezeigte kommentieren.

Auf diese Weise veranschaulicht der Comicautor Historie auf authentische und exemplarische Weise ohne dabei sentimental zu werden. Der Leser nimmt teil an den Sorgen und Nöten Mendelmanns, die paradigmatisch für viele Menschen dieser Epoche stehen. Doch Sturm gibt keine trockenen Geschichtsunterricht, sonder erweist sich als ein Meister der Erzählkunst, wenn die Handlung den Leser in den Bann zieht.

Abstraktion und Reduktion

Die Reflexionen des Protagonisten über die Teppichwebkunst, die auf eine Abstraktion der Natur hinauslaufen, kann auch auf das Medium „Comic“ übertragen werden, was Sturm tatsächlich grafisch umsetzt. So dient die Schönheit einer Morgendämmerung nicht nur als Ausgangsidee für Mendelmanns nächsten Teppich, sondern auch für eine abstrakte Darstellung in Sturms Graphic Novel.

Sturm führt einen reduzierten Strich, der vieles nur andeutet und verwendet gedeckte Farben. Dadurch liegt der Fokus der Erzählung auf den Gedanken Mendelmanns und den zum Teil symbolistisch angelegten Illustrationen, die oftmals Naturmotive enthalten. Auffallend ist zudem die häufig angewandte Raster-Technik, bei der identisch große Panels ein großes Bild in viele Einzelbilder unterteilt.

Teppiche und Comics

Auch hier kann wieder der Bogen zur Teppichwebkunst geschlagen werden, denn unter der ornamentalen Oberflächenstruktur eines Teppichs liegt das im Rasterprinzip angelegte Gewebe. Die Quelle für Mendelmanns Teppichmotive entstammen aus dessen genaue Beobachtungen seiner Umwelt und nichts anderes scheint auch der Comicautor von Markttag zu machen. Der gebürtige New Yorker leitet neben seiner Tätigkeit als Comicautor das Center for Cartoon Studies in Vermont.

Wertung: 5 von 5

James Sturm (Text und Zeichnungen): Markttag. Reprodukt, 2011. Klappenbroschur, 96 Seiten. Euro 20.