Jan Kuhlbrodt "Vor der Schrift" – eine Rezension

Vor der Schrift - Plöttner Verlag
Vor der Schrift - Plöttner Verlag
In seinem neuen Buch beschreibt Jan Kuhlbrodt eindrucksvoll seine Kindheit in der DDR der 60er und 70er Jahre

Die Erinnerungen an die eigene Kindheit sind stets bruchstückhaft. Viele alltägliche Begebenheiten sind aus dem persönlichen Gedächtnis verschwunden, während seltene oder seltsame Erlebnisse einem immer wieder oder eben bei besonderen Gelegenheiten überraschend in den Sinn kommen. Oft gebiert das Alter ein besonders intensives Interesse und Erinnerungsvermögen an die frühen Lebensjahre.

Umso überraschender ist es, dass Jan Kuhlbrodt im Alter von 44 Jahren ganz hartnäckig die Gedächtnisspuren seiner Kindheit in Chemnitz literarisch verfolgt. Herausgekommen ist ein Text, der zwischen detailgenauen Beschreibungen von Erlebnissen aus der damaligen Perspektive des Jungen und Reflexionen des heutigen Erwachsenen changiert. Dieses schwierige Unterfangen gelingt weitgehend. Durch seine vorsichtigen Deutungen des eigenen Verhaltens und das der Personen der Vergangenheit werden die individuellen Erfahrungen zwar nicht verallgemeinerbar, aber doch vergleichbar.

Intensive Erinnerungen an die ersten Lebensjahre

Bereits in seinem Roman „Schneckenparadies“ (2008) war Kuhlbrodt seinen Erinnerungen an die 80er Jahre intensiv auf der Spur. Sein neues Buch „Vor der Schrift“ behandelt die Zeit Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, die Zeit des Kindseins, bevor der Ernst des Lebens durch den Schulbesuch beginnt. Für Kuhlbrodt stellt das Erlernen der Schriftsprache einen besonderen Einschnitt dar, weil der rein auditive und orale Sprachgebrauch nun durch die neuen Kommunikationsformen des Lesens und Schreibens enorm erweitert wird und ganz neue Horizonte bei der Erschließung der Umwelt eröffnet.

Möglicherweise ist das Erleben des Aufwachsens seiner beiden Töchter ein Antrieb Kuhlbrodts für diese beeindruckende Erinnerungsleistung, denn immer wieder flicht er Analogien zur heutigen Zeit aus der Sicht des zweifachen Vaters ein.

Als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß

Jeder konstruiert sich seine Wirklichkeit selbst, lautet der grundlegende Lehrsatz des Konstruktivismus. In einer Abwandlung dieser Erkenntnis, kann man auch feststellen: Jeder konstruiert sich seine Vergangenheit selbst, nämlich auf der Grundlage seiner individuellen Erinnerungen. Dass diese trügen können, hat vermutlich jeder bereits am eigenen Leib, genauer durch sein eigenes Gedächtnis erfahren. Dem ist sich auch Jan Kuhlbrodt bewusst, der an einigen Stellen im Buch zugibt, dass er sich nicht erinnern kann und dass er den Wahrheitsgehalt seiner Erinnerung gelegentlich etwas in Zweifel stellt.

Spielkameradin Betti bildet zu Beginn die wichtigste Figur bei der Erschließung der kindlichen Welt, die zunächst noch durch das Mietshaus und seinen Hinterhof begrenzt ist. Die beiden Kinder sammeln Zahnräder und Schrauben, Relikte einer aufgelassenen Werkstatt, und verstecken diese Schätze. Später wird diese enge Welt erweitert durch Besuche bei den Verwandten, die ebenfalls in Kuhlbrodts Geburtsstadt Chemnitz wohnten, das seinerzeit Karl-Marx-Stadt hieß: die Urgroßeltern, die Großeltern, verschiedene Onkel und Tanten. Es folgt die Schilderung eines Krankenhausaufenthalts wegen einer Lungenentzündung, als deren Folge der Ich-Erzähler ein neues Zuhause bei Martha und Karl finden muss.

Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte

Weitere Abschnitte betreffen spezifische, erzählenswerte Details der Familiengeschichte wie die Auswanderung seiner Ur-Ur-Großeltern nach Amerika, die in einer Rückwanderung endet. Am Beispiel von Weidmann, seinem ihm unbekannten Großvater, wird deutlich wie gerne man als Kind seine eigene Familiengeschichte verklärt. So wird dieser Großvater zum Widerstandskämpfer an der Seite von Ernst Thälmann. Das Schlusskapitel „Ziegen und Fische“, das als „Eine Art Coda“ angekündigt wird, also eine Art angehängtes Musikstück, das zum Ausklang das ganze Werk betreffende Charakterzüge trägt, erfüllt die Erwartungen leider nicht ganz. Aber es bleibt insgesamt das Verdienst dieses ansprechend illustrierten Buches, dass es nachhaltig dazu anregt, seine eigene Kindheit zu erinnern und vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund zu reflektieren.

Jan Kuhlbrodt: Vor der Schrift. Illustriert von Stefan Walter Melzner. Plöttner Verlag, Leipzig 2010. 168 Seiten. 19,95 €

Henning Heske, Henning Heske

Henning Heske - Henning Heske wurde in Düsseldorf geboren, wo er Mathematik, Geografie und Germanistik studierte, und lebt in Krefeld. Er ...

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