
- Ryser, Beutler: Fließende Wasser - Haupt Verlag
Wasser ist das A und O auf diesem Planeten. Von der Photosynthese bis zur Energiegewinnung durch Wasserkraft, von Dürreperioden, Überschwemmungen, Wassernutzungskonflikten bis zu rituellen Waschungen und Taufen – sämtliche Lebensprozesse stehen mit Wasser in Verbindung. Die unvorstellbare Menge von 1.350 Millionen Kubikmetern Wasser befindet sich auf der Erde – Grund genug, sich mit diesem alles bestimmenden Stoff einmal näher auseinanderzusetzen.
Der Wert natürlicher Flusslandschaften
Auch wenn man es auf den ersten Blick eventuell gar nicht erkennen kann, natürlich fließende Gewässer sind in unserer Landschaft rar geworden. Der Mensch hat korrigierend und kontrollierend eingegriffen und geglaubt, sich damit Vorteile zu verschaffen. Das Anliegen der beiden Autoren Jan Ryser und Raymond Beutler ist es, mit ihrem Buch „Fließende Wasser“ den Wert zu zeigen, den natürliche Flusslandschaften für Mensch und Natur haben. Sie beziehen sich dabei auf die Alpen und auf einen Ausschnitt Mitteleuropas, der etwa zwischen Frankreich, Ungarn und Polen angesiedelt ist. Gerade in den östlichen Ländern gibt es noch die unberührten Flusslandschaften, die gezeigt werden sollen.
Ryser, Beutler über den Wasserkreislauf und die Geomorphodynamik
Das Buch beginnt damit, den Wasserkreislauf zu skizzieren, speziell den der Alpen. Wer sich schon immer gefragt hat, wie lange ein Wasserstoffmolekül braucht, um den Prozess der Verdunstung, Ausregnung, des Abflusses und der Rückkehr in den Ozean zu durchleben, dem sei gesagt: im Durchschnitt drei Wochen. Allerdings können auch viele Jahre vergehen, falls dieses Wasserstoffmolekül zum Beispiel in einem Gletscher gefriert.
Die Autoren erläutern, wie Fließgewässer die Landschaft prägen und welche Lebensräume sie im Wasser und im Uferbereich schaffen. Der Entstehung von Gletschern und Gletscherabflüssen, verschiedenen Bachtypen, Wasserfällen und Schluchten und den Lebensräumen in Tallagen sind weitere Kapitel gewidmet.
Auswirkungen von Klimawandel und Flusslaufbegradigung
Wer wissen will, welche Auswirkungen es hat, wenn in den Alpen kaum noch Gletscher sind, wer verstehen will, was es nicht mehr gibt, wenn wir Flussläufe kanalisieren, umlenken, begradigen, wer sich eventuell auf seine Zwischenprüfung in Geografie vorbereitet, sollte zu diesem Buch greifen. Mit „Fließende Wasser“ lernt man sehen. Wo bislang nur ein hübsch vor sich hin plätschernder Bach war, kann man nun die Entstehung, Bedeutung und das ihn umgebende Ökosystem ablesen. Ein Vorteil dieses Buches ist, dass es nie so sehr theoretisiert, dass man darüber vergessen würde, was man vor sich hat: einen sehr hübsch vor sich hin plätschernden Bach.
Dafür sorgen die Fotos von Jan Ryser, die das Buch fast zu einem Bildband machen. Sie sind sehr ästhetisch, aber immer auch illustrierend. Selten hat ein Bachflohkrebs, von Natur aus nicht gerade eine Zierde der Fauna, so gut ausgesehen. Die Verknüpfung zwischen dem Text und den Bildern ist sehr ansprechend, sodass der verständlich geschriebene, aber doch anspruchsvolle und profunde Inhalt anschaulich vermittelt wird. Die Autoren legen Wert darauf, dass alle Bilder die Landschaft so zeigen, wie wir sie erleben können. Auf Unterwasser- und Flugaufnahmen wurde deswegen verzichtet.
„Fließende Wasser“ ist der Glücksfall eines Sachbuchs, bei dem die Wissensvermittlung und gelungene Gestaltung ineinandergreifen und sich gegenseitig stützen.
Jan Ryser; Raymond Beutler: Fließende Wasser. Flusslandschaften der Alpen und Mitteleuropas. Haupt Verlag 2008. Gebunden, 224 Seiten, 163 Abbildungen. Euro 34,90.
