Jane Eyre - Ein Requiem

Dank der Brontë-Schwestern, die im 19. Jahrhundert lebten, entwickelte sich das Genre des Frauenromans.

Die Banalisierung und die Zuordnung dieses Genres zur niederen Sorte der Literatur (das, was wir jetzt haben) ist diesen Autorinnen nicht zuzuschreiben. Und das, obwohl nach der Veröffentlichung von Jane Eyre eine Menge Nachahmungsromane entstanden sind, die man kaum hochkünstlerisch nennen kann.

Dieses Genre meint eigentlich die Autorschaft aus der Sicht der Frau und nicht des Mannes. Es sind gerade diese Schwestern, die auf der Höhe ihrer Vorgängerin George Sand sind und es waren diese Schwestern, die den ersten Schritt wagten, ihre schöpferischen Rechte zu vertreten und das Recht die Liebe frei zu wählen und das, obwohl sie am Anfang unter männlichen Pseudonymen veröffentlicht wurden.

Jane Eyre - eine Leidensgeschichte?

Die Wahrnehmung dieses Werkes hat sich mit den Jahren nicht geändert. Die Geschichte einer Liebe, eine erfolgreiche Ehe, Erbschaft…

Man sollte sich womöglich mit dem viktorianischen England und dessen gesellschaftlichen und moralischen Gesetzen befassen, die die Vorstellung von einer englischen Lady mit einem undurchdringbaren, kalten und asexuellen Charakter versahen.

Der Roman wird sogar als ein Requiem gesehen und nicht nur ein Requiem der Hoffnung auf die Liebe, sondern auch an die Freiheit. Es ist die bedrückende Atmosphäre der Hemmung, die unter anderem in der trockenen und zurückhaltenden Erzählung der ersten Person sichtbar wird und das selbst dann, wenn es um Gefühle geht, die die Seele der Heldin berühren.

Ein Kind, ständig geärgert von ihrer Tante und ihren Sprösslingen und später von den Lehrern in der Schule, besteht nicht aus eisernen Nerven. Die rebellische Seele, die Jane so eigen ist, kann man zwar nicht ändern, aber man kann sie unterdrücken. Der rebellische Charakter ist allerdings verständlich, nachdem einem bewusst wird, dass Jane während ihrer Kindheit zum emotionalen Krüppel gemacht worden ist.

Eine verdorbene Persönlichkeit

Ein großes Potential, ein angeborenes Talent sind in Jane eingemauert und so ist sie den äußeren Einflüssen völlig ausgesetzt. Wäre nicht ihre Freundin Helen Burns mit ihrem Streben nach Aufopferung in diesem Leben und der Belohnung im nächsten, so hätte Jane sich geschont und würde nicht der Idee des Nichtwiderstrebens und der Unterwürfigkeit verfallen. Mit dem Intellekt und dem Willen ist bei Jane alles in Ordnung, es nur der Glaube an sich selbst und die Liebe ihrer nächststehenden, die fehlen. Der Tod nimmt ihr ihre beste Freundin, das Lesen religiöser Literatur in der Schule ersetzt den Seelenratgeber. All das formt Jane auf eine unerklärliche Weise und es ist, als lebten zwei Persönlichkeiten gleichzeitig in ihr. Jane lebt in einem ständigen Zwiespalt und unterdrückt stets ihre Emotionen und Wünsche.

Die Erscheinung einer doppelten Persönlichkeit kann man unter anderem in den Dialogen mit Mr. Rochester erkennen, denn mit ihm redet sie mit Phrasen aus Büchern und Zitaten aus Lehrbüchern, wo alles einfach und verständlich ist, doch zeigt sie sich nicht ordinär in anderen Sphären des Lebens, wenn ihre eigenen Gedanken klingen. Die Gesellschaft missbilligt eine Frau in der Rolle einer Liebhaberin, folglich findet Jane keinen besseren Ausweg, als die Flucht, das Verlassen eines geliebten Menschen und diese Flucht maskiert sie mit dem Beweis der Selbstständigkeit und des Stolzes.

Der Roman ist ein Requiem einer verdorbenen Persönlichkeit, der bewusst wird, welche Kräfte in ihr ruhen, die allerdings nie realisiert werden. Es ist ein trauriges Beispiel dafür, wie ein Mensch selbst in einer ausgedachten Welt für das Glück nicht kämpfen kann.

Alle Werke von Charlotte Brontë sind in einem bestimmten Grad autobiographisch. Ihre Liebe blieb unbeantwortet, doch die Gefühle flossen in ein neues Werk. Nach ihrem Tod fand man ein ganzes Schränkchen gefüllt mit nicht abgesendeten Liebesriefen, die sie ihrem verheirateten Geliebten geschrieben hat. Mit Feder und Papier, versuchte sie ihre Anhänglichkeit zu überwinden. Die Vereinigung zweier Liebenden, wie im Roman, blieb allerdings aus. Am Ende heiratete Charlotte einen Menschen, der ihre poetische Gabe nicht sonderlich würdigte.