Das Vorurteil, die japanische Sprache sei schwer erlernbar und bringe keinen großen Nutzen für den Lernenden, ist alt. Allenfalls für Hochbegabte stelle sie eine nette Herausforderung dar. Unmengen von fremd anmutenden Schriftzeichen sowie die ungewöhnliche Satzstruktur scheinen für den motivierten Anfäger zu Beginn unüberwindbar ...
Schriftzeichen und Silbenalphabete
Die einzigartige Kombination aus ursprünglich chinesischen Piktogrammen ("kanji") und zwei separaten Silbenalphabeten ("hiragana/katakana") erweckt den Eindruck, das Japanische wäre in der Tat nur unter extremen Bemühungen zu verstehen. Dabei verheißen sowohl die sehr begrenzte Anzahl von rund 150 Silben als auch die relativ einfache Grammatik rasche Erfolge.
Besonders die unkomplizierte Satzstruktur vermag den Deutschen zu überraschen. Eine Unterscheidung der Substantive nach Numerus und Genus, bestimmte oder unbestimmte Artikel; diese elementaren Bestandteile der deutschen Sprache spielen im Japanischen keine Rolle. Weiterhin erfolgt die Konjugation der Verben - abgesehen von wenigen Ausnahmen - stets nach feststehenden, simplen Regeln. Ebenso stellt die Interpunktion keine beachtenswerte Schwierigkeit dar.
Außerdem ähnelt die Aussprache der Konsonant-Vokal-Verbindungen der hiesigen unmelodiösen Sprachweise. Selbst komplizierteste japanische Schriftzeichen lassen sich durch die beiden vereinfachten Silbenalphabete problemlos umschreiben, wenngleich meist ein Bedeutungsverlust die Folge davon ist. Bedingt durch die relative Silbenarmut des Japanischen können viele nahezu gleich klingende Begriffe völlig unterschiedliche Bedeutungen haben. Somit muss eine klare Trennung zwischen "Japanisch sprechen" und "Japanisch schreiben" erfolgen.
Kanji - die letzte Hürde
Sofern man von den zahlreichen, häufig recht komplizierten Höflichkeitsformen der japanischen Sprache - deren korrekte Anwendung zumeist kein Japaner von einem "gaijin" (Ausländer) erwartet - absieht, bereiten die komplexen Schriftzeichen das größte Kopfzerbrechen. Vorgeschriebene Schritte vom Beginn links oben bis zum Ende rechts unten des Piktogramms verursachen von Zeit zu Zeit sicherlich den ein oder anderen Wutanfall. Irgendwann wird selbst der strebsamste Schüler zugeben müssen, dass es unmöglich ist, die Strichreihenfolge eines jeden Kanji stur auswendig zu lernen. Vielmehr sollte er sich auf das besinnen, was die Schriftzeichen eigentlich sind: Bilder.
Abhängig von der Fassbarkeit der Dinge stellen die Kanji Gegenstände stilisiert bzw. abstrahiert dar, oder versuchen, die Symbolhaftigkeit von nicht sichtbaren Erscheinungen (beispielsweise Gefühle) hervorzuheben. Somit erleichtert eine rege Vorstellungskraft das Erlernen der japanischen Sprache ungemein. Einige Schriftzeichen fordern die Kreativität und Phantasie mit Sicherheit in größerem Maße als andere. Trotzdem ergeben sie letztendlich ein mal mehr, mal weniger logisches, komprimiertes Gesamtbild.
Zu kompliziert?
Der verhältnismäßig hohe Zeitaufwand beim Verfassen von Dokumenten veranlasste besonders nach der Niederlage im 2. Weltkrieg zahlreiche Diskussionen. Shiga Naoya, ein berühmter japanischer Schriftsteller erwägte sogar, das Japanische durch das Französische zu ersetzen. Auch heute, im Zeitalter der Kommunikation, gilt es als unpraktisch, sich jener aufwändigen Sprache zu bedienen. Englisch, die universale Business-Sprache, gilt als optimale, schnell erlernbare Weltsprache. Trotzdem halten auch japanische Unternehmen an Hiragana, Katakana und Kanji fest. Obwohl englische Produktnamen längst zum Alltag geworden sind.
Dessen ungeachtet ist das Inselvolk stolz auf seine Sprache. Selbst wenn diese vielleicht auf den ersten Blick steif und unpraktisch erscheint.
