Zirkus klingt nach unbeschwerter Kindheit und Vergnügen, Jáchym Topols Roman Zirkuszone stolpert ein Underdog durch eine aberwitzige, mit Mythen verwobene Geschichte. Die wörtliche Übersetzung des tschechischen Romantitels lautet: Teerseifegurgeln für Lügen. Diese Erziehungsmaßnahme im Waisenhaus ist ein Leitmotiv dieses Entwicklungsromans. Elemente der tschechischen bzw. europäischen Vergangenheit werden im Roman verbunden, mit Mythen verwoben und auf eigentümliche Weise zugespitzt. Der zweite Weltkrieg spielt herein, dann der Prager Frühling 1968, geführt von Alexander Dubcek. Doch die Zeit läuft schneller und anders als sie tatsächlich verlaufen ist. Während in Wirklichkeit zwischen beiden Ereignissen 30 Jahre vergangen sind, umfasst diese Zeit im Roman nur die Kindheit der Hauptperson Ilja.
Ilja lebt zusammen mit seinem kleinen, behinderten Bruder Bobo im Dorf Sirem im Waisenhaus, das er Heimdaheim nennt. Zunächst kümmern sich Nonnen um die Kinder. Sie bekommen Unterricht, beten, werden hart bestraft, für Geborgenheit und Sinnlichkeit ist wenig Raum. Eines Tages kommen Kommunisten, nehmen die Nonnen mit und lassen die Kinder allein. Während dieser anarchistischen Phase setzt Bobo seinem Leben ein Ende. Ilja empfindet Überlebensschuld.
Kommandant Vyzlata übernimmt die Führung des Heims, stilisiert sich selbst zu ihrem Retter, während er Kindersoldaten formt. Die Strafen werden härter. Bücher werden verbrannt.
Kindersoldaten – zwischen Spiel und Tod
Als der Krieg ausbricht, beobachtet Ilja die Abgründe des Menschen, den Irrsinn des Krieges und die Hilflosigkeit aller, die zu Kriegszeiten leben, der Opfer wie der Täter. Ilja läuft den Russen in die Arme und projiziert auf den Hauptmann der Panzertruppe, Jegorow, seinen Wunsch nach einem Vater. In den Kriegswirren – es ist der Dritte Weltkrieg – begegnet Ilja immer wieder Teilen eines versprengten Zirkus. Geköpfte Giraffen, Kamele und Kunstreiterinnen. Auf tschechoslowakischem Boden bewegen sich nicht nur Sowjets und einheimische Partisanen, sondern auch Ungarn, DDR-Soldaten und Truppen der NATO, die allerdings nur die Soldaten des Warschauer Pakts über die Grenze zurückjagen wollen.
Hauptmann Jegorow verfolgt mitten im Krieg einen Sonderauftrag: Er soll in der aufständischen Zone SIAZ (Siremer Autonome Zone) die Zirkuszone errichten, um der Tschechoslowakei Kultur und Erholung zu schenken. Ein typisches Beispiel für Topols Humor: Panzer sind nötig, um die Bevölkerung zu ihrem Glück, Kultur und Erholung, zu zwingen.
Heimweh und Sehnsucht
Ilja führt Jegorows Panzertruppe in die Irre, nur weil er nicht in das Dorf Sirem zurück möchte. Heimdaheim ist Zuhause, Gefängnis und Trauma zugleich. Er sucht die Ferne, sucht eine Vaterfigur und kommt nur wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Von der Freiheit überfordert, irrt er durch das Leben.
Der Verrat an Jegorow und seine Art von Vaterliebe fügen sich mühelos aneinander. Topol gelingt in diesem Motiv, die Ambivalenz und wechselseitige Abhängigkeit zwischen Kindern und Erwachsenen darzustellen. Er zeigt auch, wohin die Gleichgültigkeit der Erwachsenen gegenüber den Kindern führen kann, welche Aggression dadurch entsteht. So wie Ilja von Erwachsenen behandelt wird, ist eine glückliche Kindheit für ihn nicht vorstellbar. Sein Wunsch nach Geborgenheit verwandelt sich im Laufe der Geschichte konsequenterweise in den Wunsch, erwachsen zu werden. Doch was bedeutet das für seine Männlichkeit? Im Krieg, dem Vater aller Dinge, sind die Männer brutal, sie töten und vergewaltigen. Ilja verspürt Sehnsucht nach den Frauen. Doch die sind sicherheitshalber eingesperrt oder versteckt.
Ilja ist am Ende des Romans nicht erwachsen, doch er schreibt alles nieder, was er erlebt hat. Sein Vermächtnis ist, dass die Kunst und die ihr eigene Distanz bei der Bewältigung des Lebens helfen können. Der Antiheld Ilja, der keiner Gruppe mehr angehört, wird am Ende zum Künstler.
Jáchym Topol: Zirkuszone, Suhrkamp Verlag 2007. ISBN 978-3-518-41887-1. 24,80 Euro.
