Jean Genet vor 100 Jahren geboren

Am 19. Dezember wäre Jean Genet hundert Jahre alt. Er war das enfant terrible der französischen Literatur, der Dichter der Extreme und des Ungewöhnlichen.

Sein Leben ist selbst ein Roman. Das hochintelligente Kind, welches trotz des Mangels an jeder Förderung immer schulische Bestnoten bekam, wuchs auf in Kinderheimen und Besserungsanstalten und bestahl seine Pflegeeltern. Freiwilliges Melden zum Militär, Fremdenlegion, aber auch Desertieren 1936 sind weitere Stationen. Immer wieder kam es zu Verurteilungen zum Beispiel wegen Opiumschmuggel, aber auch aufgrund der rigiden Gesetzgebung wegen Zuhälterei und Sexualdelikten, vor allem aber wegen wiederholter Diebstähle, wobei es häufig Bücher waren, die von Genet gestohlen wurden. Auch 1942 war er wieder inhaftiert wegen Bücherdiebstahls und schrieb im Gefängnis sein erstes großes Gedicht. Dieses fiel in die Hände von Jean Cocteau, der ihn von da an unterstützte.

Jean Genet: Zwischen Gefängnis und Künstlerkreisen

In den Zeiten zwischen den Gefängnisaufenthalten verkehrte Genet in den Pariser Künstlerkreisen. Er kannte Sartre, Picasso und Giacometti, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbinden sollte. Er war ungeheuer produktiv, schrieb Romane, Essays und Theaterstücke, die immer wieder zensiert und verboten wurden, in Frankreich sowie auch in Deutschland. Selten gab es ein solches Ineinandergreifen; in Leben und Werk Genets ging es immer um einen Kampf mit den Normen der Gesellschaft. Die Helden seiner Werke, meist Homosexuelle, stehen an ihrem Rande, sind hauptsächlich Kriminelle. Dabei beschreibt Genet die Personen auf provozierende Art und benutzt oft obszöne Sprache, er schildert ihre Handlungen mit brutaler Offenheit, ohne jemals einen Versuch von moralischer Rechtfertigung zu machen. Seine Werke waren also von vornherein dazu angelegt, das Publikum zu schockieren, indem sie ihm diesen Teil der Wirklichkeit realistisch vor Augen führten. Allerdings greift diese Sicht zu kurz, geht es doch oft nur vordergründig um die Sexualthematik oder um Verbrechen und vielmehr um den weiten Komplex Identität. Das wird besonders deutlich in Einschüben in Genets Romanen, wo eine Distanz zur erzählten Handlung hergestellt wird, wie zum Beispiel in "Querelle".

Gegen Vietnamkrieg, für RAF und Black Panthers

Mit Eingaben beim französischen Präsidenten verhinderten Cocteau und Sartre schließlich Genets lebenslange Inhaftierung, die aufgrund der vielen Verurteilungen anstand. Er wurde begnadigt und lebte danach abwechselnd in Frankreich, den USA und Marokko, wo er auch begraben ist. In den sechziger Jahren schrieb er weniger und beteiligte sich hauptsächlich an politischen Demonstrationen, so in den USA gegen den Vietnamkrieg und für die Black Panthers, die "Party for Self Defence and Violence against White People". In ähnlicher Weise engagierte er sich für die RAF in Deutschland. Er unterstützte die Palästinenser

Verfilmungen und Preise, Anerkennung von Genets literarischem Werk.

Seine Theaterstücke "Die Zofen" und "Querelle" sind verfilmt worden, letzteres von R.W.Fassbinder. Dass dieser umstrittene und angefeindete Schriftsteller 1983 den Grand Prix National bekam, gehört zu den Ereignissen, die Eindruck machen. Tatsächlich hat Genet, obschon er die Schule nach sieben Jahren verließ, von Anfang an ein ungeheuer gutes Französisch geschrieben. Sartre verglich seinen Stil mit dem von Descartes. Gedichte schrieb er übrigens wenige, jedenfalls sind wenige erhalten, (er soll auch viele zerrissen haben), diese aber sind ebenfalls bedeutend. Nachdem sich eine rigide Zensurpolitik gelockert, aber auch die Zeit selbst zu einer toleranteren Haltung geführt hat, nachdem die anachronistische Strafbarkeit der Homosexualität aufgehoben wurde und das Recht auf Verschiedenheit zu den überall propagierten Selbstverständlichkeiten gehört, ist vielleicht die Zeit gekommen, auch Jean Genet wieder zu lesen, einen großen Schriftsteller, der seinen weiterhin aktuellen Beitrag zum ewigen Thema "Identität - Wer bin ich?" geleistet hat.

Dr.U.Altanis-Protzer, Dr. U.Altanis-Protzer

Dr. Ute Altanis-Protzer - Ich bin promovierte Ärztin und habe ausserdem Literaturwissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft studiert . Meine besonderen ...

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