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Jeckes in Palästina

Die Deutschen, die als Flüchtlinge nach Palästina kamen

In den 1930er und 40er Jahren etablierte sich ein Begriff für die Deutschen in Palästina, der nicht positiv gemeint war: Jeckes. Heute ist er nicht mehr negativ besetzt.

Palästina, Anfang der 1930er Jahre. Etwa 175.000 Juden sind in den Jahrzehnten zuvor in vier großen Wellen eingewandert, zumeist aus Osteuropa. Sie sind idealistische Zionisten, meist jung, tatkräftig, oft kämpferisch - mit der Hoffnung, einen sicheren Ort zum Leben zu finden. Sie gründen Siedlungen, Dörfer, Städte, bauen Infrastruktur und ein politisches System auf; sie beleben die hebräische Sprache, gründen Schulen und Universitäten. Noch ist das Leben dieser Pioniere einfach, von harter Arbeit, sengender Hitze, schwierigen Bedingungen geprägt.

Flüchtlinge aus Deutschland

Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland explodiert die Zahl der Neu-Einwanderer: Insgesamt etwa 280.000 Juden flüchten in den 1930er und 1940er Jahren nach Palästina – 50.000 bis 55.000 von ihnen kommen aus Deutschland. Zahlenmäßig ist dieser Anteil also nicht sonderlich hoch, und doch ist die Einwanderung aus Deutschland deutlich spürbar und prägt die Struktur der bereits etablierten Ansiedlung erheblich.

Zum ersten mal in der Geschichte der jüdischen Ansiedlung kommt eine große Zahl von Einwanderern, die nicht aus dem osteuropäischen Kulturkreis stammen - und die sich in ihrer Mehrheit nicht aus zionistisch-idealistischen Motiven für Palästina entschieden haben, sondern die Flüchtlinge sind. Die meisten entsprechen nicht den Idealvorstellungen – in Deutschland gut situiert, sind sie nicht bedingungslos bereit, das noch entbehrungsreiche Leben in Palästina auf sich zu nehmen. Sie vergleichen das Leben in Palästina ständig mit dem in Deutschland, halten es für primitiv, ziehen in die Städte statt aufs Land, tun sich schwer mit dem Hebräischen.

Die mangelnde ideologische Überzeugung wird den deutschen Flüchtlingen in jener Zeit häufig vorgeworfen. "Kommst du aus Überzeugung oder kommst du aus Deutschland?“ wird zum geflügelten Wort, nicht selten werden sie zynisch als "Hitler-Zionisten“ bezeichnet. Aus der Sicht der alteingesessenen Siedler handelt es sich bei den Einwanderern aus Deutschland um eine ebenso homogene wie problematische Gruppe, für die sich schnell ein – zunächst alles andere als positiv gemeinter – Begriff einbürgert: Jeckes.

Herkunft des Begriffs Jecke

Woher der Begriff Jecke stammt, steht nicht eindeutig fest, es gibt aber verschiedene Erklärungsansätze. Möglicherweise ist Jecke auf den Begriff Jacke oder Jackett zurückzuführen – weil die deutschen Einwanderer der Ordnung und Gewohnheit halber selbst im heißen Palästina nicht auf ihre Jacketts verzichten mochten. Eine andere Erklärung bringt den Begriff mit dem Wort Jeck oder Geck gleich Narr aus dem rheinischen Karneval in Verbindung. Andere wiederum meinen, dass Jecke möglicherweise ein Akronym aus dem Hebräischen ist: "Jehudi Kasche Hawana", was soviel wie "Jude, der schwer versteht" bedeutet.

Auch wenn der Begriff Jecke erst zu Beginn der dreißiger Jahre in den Sprachgebrauch in Palästina einging und spezifisch definiert benutzt wurde, so war er offenbar doch keine Erfindung dieser Zeit. Zumindest berichten Leser der Jerusalem Post 1993 in einer Diskussion um diesen Begriff, dass Jecke als Bezeichnung für deutsche Juden bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch in Osteuropa und in Deutschland selbst gebraucht wurde.

Bedeutung des Begriffs

So unklar die Herkunft dieses Wortes ist, so klar ist dessen Bedeutung – und der Wandel der Assoziationen, die mit diesem Begriff verbunden waren und heute noch sind. In der Zeit während der Einwanderung aus Deutschland, in den dreißiger und vierziger Jahren, war die Bezeichnung Jecke in Palästina eindeutig negativ besetzt.

Die Jeckes waren willkommene Zielscheiben für Anfeindungen oder zumindest Spott und Belächelung des alteingesessenen Jischuw. Mit dem Begriff waren untrennbar vermeintlich „typisch“ deutsche Eigenschaften wie Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Fleiß und Sauberkeit verbunden – Eigenschaften, die im Jischuw, wo körperlich hart gearbeitet werden musste und wo viel Improvisationstalent und Spontaneität gefragt war, nicht sonderlich angesehen waren. Ein Jecke war außerdem, so das Spottklischee, naiv, tumb, humorlos, er konnte Situationen nicht schnell erfassen, er konnte leicht übers Ohr gehauen werden, er war schwer von Begriff.

Viele Juden aus Deutschland empfanden den begriff Jecke damals aber nicht nur wegen dieser Assoziationen negativ, sondern fühlten sich ausgegrenzt, weil Jecke pauschal für eine vermeintlich geschlossene Gruppe stand, die nicht als integrierter Teil des Jischuw akzeptiert wurde, die „anders“ war. "Früher habe ich sehr darunter gelitten, weil ich den Begriff negativ gesehen habe“, berichtet eine alte Frau in akzentfreiem Deutsch. "Aus zwei Gründen: Erstens war ich belastet von dem, was ich in Deutschland erlebt hatte, wollte mich vom Deutschtum entfernen, konnte es aber nicht. Und zweitens haben mich die Leute hier als Jeckin angesehen – ich war keine Israelin. Und das war sehr schwer.“

Heutiger Sprachgebrauch

Im Laufe der Zeit jedoch hat sich die Konnotation dieses Begriffs deutlich geändert. Heute hat das Wort Jecke oder auch das Adjektiv jeckisch im normalen hebräischen Sprachgebrauch eine zweifache Bedeutung: Noch immer wird es als Bezeichnung für die deutschen Einwanderer der dreißiger und vierziger Jahre benutzt – zwar manchmal etwas ironisch, mit einem Schmunzeln, aber vor allem die positiven Eigenschaften schätzend.

Viele der noch lebenden früheren Flüchtlinge bezeichnen sich heute selbst als Jeckes: "Der Begriff ist völlig okay, heute ist das kein Schimpfwort mehr“, sagt die alte Frau, ihr Mann pflichtet bei: "Das stört mich überhaupt nicht, im Gegenteil, ich betrachte das als ein Kompliment.“

Darüber hinaus hat sich der Gebrauch des Begriffes erweitert: Heute wird in Israel häufig als Jecke oder jeckisch bezeichnet, wer auffällig ordentlich, pünktlich und zuverlässig ist – egal ob er aus Deutschland kommt oder nicht. Und dies ist in den allermeisten Fällen positiv gemeint.

Miriam Elmers , Miriam Elmers

Miriam Elmers - ...geboren 1971 im ostwestfälischen Bad Driburg. Schon als Kind war mir eigentlich klar, was ich im Leben am liebsten will: ...

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