Jeff Lemire: Essex County 2 – Geister Geschichten

Essex County 2 – Geister Geschichten - Edition 52
Essex County 2 – Geister Geschichten - Edition 52
Der prämierte Kanadier Jeff Lemire präsentiert auch im zweiten Teil seiner „Essex County"-Trilogie eine berührende und kunstvolle Graphic Novel

Nein. Hier geht es nicht um Gespenster. Der vielfach ausgezeichnete kanadische Comicautor Jeff Lemire bietet in Essex County 2 – Geister Geschichten (Edition 52) auch keinen Eishockey-Comic, wie das Covermotiv vielleicht suggerieren könnte. Vielmehr geht es um die inneren Gespenster, die Lou Lebeuf, der Onkel von Jimmy Lebeuf aus dem ersten Essex County-Band „Geschichten vom Land“ (Edition 52), im Alter heimsuchen. Gut, diese erinnern ihn auch an seine Hockey-Karriere, aber eben nicht nur.

Auf der Suche nach den Geistern

Die inneren Geister erinnern den gealterten und pflegebedürftigen Lou noch einmal an sein vergangenes Leben, welches so vielversprechend begann. Er spielte als Hockey-Profi in Toronto als sich ihm auch sein jüngerer Bruder vom Land, Vince mit seiner Freundin Beth, anschloss. Gemeinsam erlebt Lou ein weiteres Mal die schicksalsträchtige Achterbahnfahrt im Hockey-Team. Doch Vince zog wieder aufs Land, wurde Farmer und gründete eine Familie. Lou blieb in der Großstadt und erinnert sich als gealterter Alkoholiker an alles.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

„Geister Geschichten“ enthält literarische Gemeinsamkeiten mit dem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Nur, dass es in Lemires Erzählung keine Kekse oder Gerüche sind, die dessen Protagonist an seine Vergangenheit erinnern lässt, sondern Stichwörter von der Pflegeschwester. „Geister Geschichten“ erweist sich aber als genauso poetisch wie der Proust-Klassiker.

Mit einem unnachahmlichen Einfühlungsvermögen liefert der Kanadier berührende Charaktere, die in traurig-schönen Momenten Siege feiern, Verluste hinnehmen, Fehler begehen, Reue empfinden und späte Einsichten haben. „Geister Geschichten“ enthält auch Parallelen zur Bibel, die etwas Grundsätzliches, Archaisches, Wesentliches und Ursprüngliches an sich haben: Der verlorene Sohn, der in die Fremde zieht und wieder heimkehrt.

Auf der Suche nach der Sprache

Lemire verwendet erneut zahlreiche Stilmittel aus dem Kino, die er beim Erzählen seiner Graphic Novel verwendet: Zooms, Parallelmontagen, Überblendungen, Voice Overs und Rückblenden gehören zum Standardrepertoire des Kanadiers. Wie ein Regisseur und Kameramann arrangiert er dabei seine Panels oder Einstellungen und inszeniert seine ergreifende Story.

Auf der Such nach der Grenze

Sein individueller und kunstvoller Strich zeichnet sich sowohl durch Reduktion als auch durch eine Kombination von kräftigen und filigranen Linien aus. Die Figuren weisen einen leichten Karikatur-Einschlag auf. Ansonsten wirken die schwarzweißen Illustrationen aufgrund ihrer Symbolträchtigkeit auch poetisch-realistisch. Die auffälligen Schraffuren, Schranken, Gitter und Balken erinnern nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Leser immer wieder an deren jeweilige Begrenztheit.

Lemire ist auch mit der Essex County-Fortsetzung ein Meilenstein des Comics gelungen. Kaum ein anderer Autor vermag derart glaubhaft und fesselnd Tragisches und Schönes auf das Papier zu bannen. „Geister Geschichten“ ist eine der Gaphic Novels, die zeigt, was das Medium auf literarischer und graphischer Ebene zu leisten vermag – und das ist sehr viel. Hier ist eine Leseprobe von Essex County 2.

Wertung: 5 von 5

Jeff Lemire: Essex County 2 – Geister Geschichten. Edition 52, 2011. Softcover, 224 Seiten. Euro 18.