
- Jennifer Egan - Schöffling Verlag
Phoebes Vater, der von den drei Kindern (Sohn Barry ist der dritte im Bunde) und seiner Frau abgöttisch geliebt wurde, hat ihre ältere Schwester Faith missbraucht. Nicht im üblichen Sinne des Wortes missbraucht, sondern missbraucht durch die Überforderung, als seine Verbindung zum Leben zu fungieren. Der Vater ist Ingenieur, sieht sich aber als Künstler, als Maler. In Hunderten von Bildern malt er immer wieder Faith und lässt sie und ihre Geschwister bei seinem Tod absolut orientierungslos zurück. Faith ist zu diesem Zeitpunkt 13, Phoebe sechs Jahre alt.
Die Romanhandlung setzt ein mit dem Versuch Phoebes, ein Konzert zu besuchen, eine Revivalveranstaltung für ein Festival, das zehn Jahre zuvor auf dem Höhepunkt der Flower Power-Bewegung stattgefunden hatte. Aber Phoebe ist einen Tag zu spät dran, weil der Termin auf den Plakaten falsch gedruckt war. Damit ist ein Grundmotiv aus Phoebes Seelenlage abgebildet: Sie ist zu spät dran. Sie hat den Aufbruch der 68er-Generation nur als kleines Mädchen, als kleine Schwester der bewunderten Faith mitbekommen. Aber auch Faith ist inzwischen tot und Phoebe lebt in einer Art Kokon aus Gegenständen und Erinnerungen an den Vater und die ältere Schwester: „Sie zog manchmal immer noch Sachen von Faith an, ausgefranste Jeans, Spitzenblusen vom Flohmarkt, eine zerknitterte Samtjacke mit Sternknöpfen. Die Sachen passten nicht so ganz. ( ...) Aber eines Tages würde dieser Unterschied verschwinden, das glaubte sie ganz fest. Das war Teil einer größeren Verwandlung, auf die Phoebe dauernd wartete.“
Aufbruch nach Europa und die Farbe der Erinnerung
Als ihre Mutter eine neue Beziehung eingeht und erwägt, das Haus zu verkaufen, das Phoebes Erinnerungsexistenz birgt, entscheidet sich Phoebe, auf die Suche nach der wahren Geschichte hinter dem Tod ihrer Schwester zu gehen. Ausgerüstet mit den Ansichtskarten, die Faith von ihrem Europatrip geschickt hatte, macht sie sich mit dem Rucksack auf den Weg. Eine Irrfahrt durch Europa auf Faiths Spuren beginnt, bei der euphorische Erweckungserlebnisse sich mit tiefster Verzweiflung abwechseln. Auf einem LSD-Trip meint Phoebe in die andere Welt zu ihrer Schwester vordringen zu können. Eindringlich beschreibt Jennifer Egan hier das verzweifelte Verlangen Phoebes nach Vereinigung mit Faith, mit der Vergangenheit, mit der Realität, in der sie eigentlich lebt: „Phoebe schaute auf ihre Uhr, konnte aber nichts erkennen, winzige Striche unter Glas, von großer Schönheit, bestimmt ein Kunstwerk, aber wo waren die Zeiger? Jemand hatte sie abgerissen, dachte sie, die Zeit war stehen geblieben.“
Das Bild von den abgerissenen Zeigern, ein Bild, das Faith benutzt hatte, um den Aufbruch in die neue Zeit darzustellen, greift Egan hier wieder auf, um Phoebes Verlangen nach einer Rückkehr in genau diese Zeit, deren Aufbruch inzwischen Geschichte ist, darzustellen. Phoebe begreift nicht, dass ihre rückwärts gewandte Perspektive ihren eigenen Aufbruch verhindert.
Das ändert sich dramatisch, als Phoebe in Deutschland Wolf trifft, Faiths Freund, der acht Jahre zuvor mit ihr durch Europa gereist war auf der Suche nach dieser besseren Welt, die die 68er immer gesehen aber nie erreicht haben. Phoebe erlebt eine Zeit, in der die rückwärts gewandte Suche nach ihrer Schwester in den Hintergrund tritt, sie sich selbst sehen lernt und auch für ihre Umwelt einen Blick entwickelt, der nicht immer durch Faiths Brille führt. Aber auch dieser rauschhaft gelebte Zustand findet ein Ende und wieder beginnt die Suche nach der Geschichte hinter Faiths Tod, diesmal zusammen mit Wolf.
Eine Zeitreise durch die Geschichte des 68er-Aufbruchs
Egans Roman über den Selbstfindungsprozess des kalifornischen Teenagers Phoebe ist in einer Sprache verfasst, die fasziniert, elektrisiert, über weite Strecken hypnotisiert. Immer wieder findet sie prägnante Bilder für die Verlorenheit Phoebes in den Weiten ihrer Teenagerseele. „Wenn Phoebe sich mit den Augen der anderen sah, dann sah sie sich als eine Art Geist, eine durchsichtige Silhouette, deren genauen Bewegungen man unmöglich folgen konnte.“ Der ganze Text, von Günter Ohnemus ins Deutsche übertragen, bildet Phoebes psychologische Situation so intim ab, dass man bei jedem Wiederaufschlagen des Buches die Ich-Perspektive erwartet.
Ausgehend von Phoebes Ablösung von der Mutter und ihrer Suche nach der verlorenen Schwester wird das Bild dieser kalifornischen Familie in kunstvoll verwebten Rückblenden gezeichnet. Phoebes zerbrechliches Selbst, ihre pubertären Stimmungsschwankungen, ihr Hunger nach Liebe und einem eigenen Leben, der ihr erst im Laufe ihrer Reise bewusst wird, ihre ganze Persönlichkeit, entsteht wie ein Mosaik vor den Augen des Lesers. Ihr Entwicklungsprozess im Laufe des Romans ist, bei aller pubertären Sprunghaftigkeit, nachvollziehbar und endet trotz vieler gefundener Antworten nicht in Gewissheiten, sondern in neuen Fragen.
Psychologischer Blick auf den „Deutschen Herbst“
Für den deutschen Leser hochinteressant ist der Blick einer amerikanischen Autorin auf den „Deutschen Herbst“ mit dem Abkippen des 68er-Aufbruchs in die terroristischen Irrwege der Rote Armee Fraktion und der Bewegung 2. Juni. Unverstellt von deutschen Empfindungen und Empfindlichkeiten kann Egan Motivationen und Seelenlagen schildern, ohne näher auf einen politischen oder gesellschaftlichen Hintergrund, speziell in Deutschland, einzugehen. Ein psychologischer Blick auf ein Einzelschicksal, ohne Anspruch auf political correctness und gerade deshalb ein interessanter Baustein zum Verständnis jener Zeit.
Jennifer Egan: Die Farbe der Erinnerung. Schöffling 1999. Gebunden, 538 Seiten. Euro 24,90.
