
- Musikalischer Innovateur - Steve Reich - Wonge Bergmann
Ein Lob muss man der Philharmonie Essen und ihrem Intendanten Dr. Johannes Bultmann in Bezug auf diese Veranstaltung gleich in zweifacher Hinsicht aussprechen. Zum einen ist es ein großer Verdienst um die kulturelle Vielfalt, dass man sich nicht auf ein Repertoire beschränkt, dass als Publikumsgarant zu gelten hat, zum anderen gilt es zu erwähnen, dass auf einen Rückzug auf avantgardistische Arroganz verzichtet und die Schwierigkeit des Programms auch in dessen Ablauf einbezogen wird. So gab es auch an diesem Abend eine Einleitung in „City Life“ von Steve Reich, das erste Stück des Abends. Des Weiteren erzählten Brad Lubman, Dirigent des Ensemble Modern, und Herman Kretzschmar, verantwortlich unter anderem für das präparierte Klavier, einige Anekdoten zur Genese der Werke, so wie zur Verwendung von technischen Hilfsmitteln und ähnlichem.
Eine akustische Taxifahrt durch New York
Das Programm begann, wie bereits zuvor erwähnt, mit Steve Reichs „City Life“, dem jüngsten Stück des Abends, aus dem Jahre 1995. „City Life“ stellt dabei den Versuch dar, das Leben in Manhattan mit Musik zu verbinden. Konkret benutzt Reich Samples von verschiedenen Aufnahmen, welche von trivialen Geräuschen, wie dem einer schließenden Tür, bis hin zum Polizeifunk während des ersten Anschlags auf das World Trade Center 1993 reichen. Er verwendet diese stellenweise als Leitmotive, manchmal jedoch auch nur zur Orchestrierung und schafft somit eine Symbiose von Natürlichem und Konstruierten, von Spontanem und Gewollten.
Auffällig ist, wie auch bei anderen Stücken Reichs, dass ungewöhnliche Instrumentendoppelungen benützt werden. So bedarf dieses Stück zweier Konzertflügel. Das Ensemble Modern wirkte in seiner Interpretation manchmal etwas lustlos, war jedoch präzise und der Stil des Dirigats von Brad Lubman mag die Konzentration, die die Bearbeitung eines solchen Werks bedarf, durchaus erklären. Minimalistisch, technisch und hochkonzentriert mit wenig Raum für Leidenschaft.
Am Anfang war das Geräusch – oder am Ende?
Noch weniger zugänglich wurde es jedoch nach der Pause mit John Cages „Konzert für präpariertes Klavier und Kammerorchester“. Wer in diesem Kontext an Streichquartette oder ähnliches denken mag, sei gewarnt. Cage, der einzige verstorbene Komponist im Programm, verzichtet in diesem Werk auf jede Form von Rhythmus und Melodie. Viel mehr geht es um die Verwendung verschiedener Soundeffekte, so Gewittermaschinen, Radios oder eben auch jenes präparierte Klavier, die in verschiedenen Sequenzen aneinander gereiht werden. Da alle drei Teile, puristisch auch nur in Part one, two und three unterteilt, ohne Pause durchgespielt werden – oder wenn es eine gibt, so ist sie nicht erkennbar – wird eine Strukturierung für den Hörer noch deutlich schwerer gemacht.
Die Wahl, dieses Werk in die Mitte zu setzen, war entsprechend wahrscheinlich eine gute Wahl, da dem Hörer viel abverlangt wird und der Zugang für Laien doch nahezu unmöglich scheint. Dies ließ sich auch durchaus in den Publikumsreaktionen erkennen. Konzentrierte Mienen waren wenige auszumachen.
Wenn der Cartoon auf die Klassik trifft
Deutlich zugänglicher, und entsprechend ebenfalls sehr intelligent gesetzt, das abschließende Werk „Chamber Symphony“ von John Adams. Vor allem der sehr schnelle erste, wie auch dritte Satz, dringen in ihrer Geschwindigkeit und ihrer scheinbaren Chaotik direkt ins Ohr und funktionieren auch ohne, dass es eines direkten Verständnis des Stoffes bedarf. In diesem Stück war das erste und damit einzige Mal echte Freude am musizieren bei Teilen des Ensembles zu erkennen, auch wenn man Dietmar Wiesner, welcher zwischen Quer- und Piccoloflöte wechseln musste, den Stress der Geschwindigkeit durchaus ansah. Der Applaus am Ende schien denn auch für das Orchester länger als erwartet auszufallen, da Lubmann das Ensemble irgendwann von der Bühne bat, nachdem er bereits ein viertes oder fünftes Mal den Raum verlassen und wieder betreten hatte, ohne dass es einen merklichen Abklang des Applauses gegeben hätte.
Der Versuch darf als gelungen gelten
Nicht nur die langanhaltenden Ovationen, sondern auch der große Anteil an Gästen, die sich im Nachhinein noch zu einem Freigetränk trafen, dürften Bultmann und seinem Team darin recht geben, auch weiterhin zeitgenössische Musik in das Programm aufzunehmen. Auch wenn das Parkett nur halb gefüllt war, so ist es doch durchaus auch als Erfolg zu werten, dass der Altersdurchschnitt weit unter dem lag, welchen man bei Publikumsmagneten wie Mahler, Beethoven oder ähnlichen zu erwarten hat. Am Ende bleibt nur Bultmann zu zitieren, auch wenn der Kontext ein anderer war: „Wenn sie infiziert wurden, so ist das doch gut!“
