
- Fledermaus, Museum in Tchepelare, Bulgarien - Christine Rödel
Der Musikliebhaber und Musikjournalist, Joachim Ernst Berendt, ging weit über das Konsumieren von Musik hinaus. Berendt befasste sich mit dem Hören und dem Wandel der Bedeutung des Sinnesorganes, dem Ohr, mit der Evolution bei Tier und Mensch.
Akustische Orientierung der Lebewesen vor 150 Millionen Jahren
Auffallend in der Evolution sei, dass sich die Entwicklung des Hörens bei unterschiedlichen Lebewesen in grundverschiedenen Lebensräumen, Biotopen, vergleichbar entwickelt haben. Eine der daraus folgernden Tatsache ist, dass sie unabhängig davon, ob sie im Wasser, der Erde oder Luft leben, nicht voneinander lernen konnten, sich somit selbstständig und unabhängig voneinander entwickelten. Da sich die Art des Hörens jedoch ähnele, gehe alles auf einen gemeinsamen Urzustand zurück. Aus dieser Schlussfolgerung heraus entstand auch die Theorie einer Ära akustica, die der deutsche Forscher, Hans Fründt, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen belegte. Im Zentrum der Theorie von der Ära akustica stehe die Aussage,, dass sich vor etwa 150 bis 200 Millionen Jahren alle Lebewesen akustisch orientiert haben. Das Sinnesorgan Auge sei zu diesem Zeitpunkt lediglich mit Hell-Dunkel-Sensoren, in einer Art Urform, ausgebildet gewesen. Weiterführende Erkenntnisse von Hans Fründt aus dem Bereich der Phylogenetik treffen auf Gemeinsamkeiten der Ontogenese beim Menschen, die der französischen Hörforscher Alfredo Tomatis untersuchte.
Fledermäuse lassen sich nicht beirren
Doch nicht bei allen Lebewesen sind die Augen heute ausreichend ausgebildet, um damit sehen zu können. Viele Tiere orientieren sich über das Hören. So sind die Ohren und die Hörfähigkeiten von Fledermäusen unvergleichbar sensibler ausgebildet, als die des Menschen. In der mehrteiligen Hör-CD von Joachim Ernst Berendt "Muscheln in meinem Ohr" geht es unter anderem um die Orientierung von Fledermäusen in ihrem Umfeld.
Das menschliche Gehör besitzt die Fähigkeit, Schall bis lediglich 20 Kilohertz wahrzunehmen. Fledermäuse hingegen erzeugen Laute der siebenfachen Hertzzahl, bis zu 140 Kiloherz. Ihnen obliegt außerdem die Gabe, zur gleichen Zeit zwei verschiedene Klangstrahlen auszusenden, die sie nicht nur miteinander vergleichen können, sondern diese auch von den ausgesendeten Schallwellen der übrigen Fledermäuse unterscheiden. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele Tiere welche Signale in dem Moment von sich geben. Auch Wissenschaftler wollten mehr über dieses Phänomen erfahren und testeten die Fledermäuse, indem sie Störgeräuche mit einer zweitausendfachen Lautstärke derer Signale einspielten. Die Tiere beeindruckte das wenig. Sie steuerten nach wie vor unbeirrt auf ihre Beute zu.
Das Ohr ist verlässlicher als das Auge, um sich zu orientieren – für die Orientierung
Das Verhalten der Fledermäuse bekräftigt die Aussage, dass die Orientierung mit dem Gehör um ein Vielfaches verlässlicher ist als die mit dem Auge. Auf weite Distanzen hinweg erkennen Fledermäuse Insekten bis zu einer Größe von einem Millimeter, können diese von gleichgroßen Gegenständen unterscheiden und haben bereits ihre nächsten Mahlzeiten im Visier, bevor sie das erste überhaupt verzehrt haben. Sie verfehlen ihre Beute nie, wohingegen selbst Adler und Habichte, die für ihr gutes Sehen bekannt sind, ihr Opfer verfehlen.
Flüge in der Nacht sind für sie genauso unspektakulär wie in verzweigten Gängen, in Höhlen oder dergleichen. Fledermäuse sind begnadet ausgestattet mit dem seitwärtigem und rückwärtigem Fliegen. Sie können Routen in ihrem Gedächtnis abspeichern und die Erinnerungen jederzeit von diesem Speicher abrufen. Diese Möglichkeiten erhält die Fledermaus von ihren gut ausgeprägten Ohren, der Orientierung per Ultraschall. Ohne seine Ohren wäre das Tier jedoch absolut hilflos.
Ohne Schall kein Hören
Die Frequenz des aussendenden Tones verändert sich ständig in Abhängigkeit zur Fluggeschwindigkeit, um damit den Dopplereffekt zu kompensieren. Dem Menschen ist er von der unterschiedlich wahrgenommenen Lautstärke von sich nähernden oder entfernenden gleichbleibenden Geräuschen her bekannt. Der Schall, den die Fledermäuse von sich geben, scheint das Medium zu sein, in dem sie sich bewegen.
Wissenschaftler sind der Meinung, dass Fledermäuse mit den Ohren sehen können. Joachim Ernst Berendt folgert hieraus eine Theorie, dass dem Menschen diese Fähigkeit auch innewohnte und er lediglich aus Bequemlichkeit diese Gabe verlernt habe. Einige Toningenieure und sicher auch Komponisten haben diese Fähigkeit zurück erlangt. Ihnen ist es möglich, beim Hören eines Synfonieorchesters oder einer Musikgruppe mit der Besetzung an unterschiedlichen Instrumenten, deren Sitzordnung bis ins letzte Detail zu sehen. Doch stets ist Schall erforderlich, um sich mit dem Hören orientieren zu können. Somit entwickelten sich die Ohren, das Hören und die Schallerzeugung im Verbund. Die Tiere waren gezwungen, etwas Hörbares hervorbringen, um etwas zum Hören zu haben.
Quelle: Joachim Ernst Berendt "Muscheln in meinem Ohr" CD 2, Verlag 2001
