
- Autor Joachim Zelter - Yvone Beradi
Claus Urspring weiß nicht mehr was Wochentage sind, er erkennt seine Frau nicht mehr und dass er der Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist, der in drei Monaten wiedergewählt werden will, weiß er auch nur, weil ihm ein Mensch namens März ständig davon erzählt. Was das genau bedeutet, Ministerpräsident zu sein, weiß Urspring deshalb noch lange nicht, denn er hatte einen Unfall und lag im Koma. Referent Julius März aber trimmt sich seinen Ministerpräsidenten so zurecht, dass er nach außen einigermaßen funktioniert und im Leser von Joachim Zelters Satire „Der Ministerpräsident“ entsteht das Gefühl, dass er einiges von dem was er da liest aus der Realität kennt.
Die Landtagswahl und ihre Strippenzieher
Auf satirische Weise nähert sich Joachim Zelter, geboren 1962 in Freiburg, Politik- und Literaturwissenschaftler, seit 1997 Schriftsteller und schon durch Romane wie „How are you Mister Angst?“ oder „Schule der Arbeitslosen“ aufgefallen, in seinem 2010 erschienenen Roman „Der Ministerpräsident“ dem Politikbetrieb. Das Buch, das es auf die 20 Titel umfassende Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010 schaffte, erzählt von Claus Urspring, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der einen Unfall zur Unzeit hatte, so jedenfalls sieht es sein persönlicher Referent Julius März. Nach einem zehntägigen Koma und drei Monaten Krankenhausaufenthalt sind es nur noch weitere drei Monate, bis die Landtagswahl stattfindet, Urspring aber, ist weit davon entfernt fit zu sein.
Damit der wahre Zustand des Ministerpräsidenten nicht bekannt wird, arbeitet März gemeinsam mit anderen Strippenziehern im Hintergrund mit allerlei Täuschungsmanövern, denn kurz vor der Wahl den Kandidaten auszutauschen, das wäre März zufolge eine Katastrophe für das Land und für die Partei. Da der Ministerpräsident hinkt, was sich gar nicht gut macht, wird er für einen Wahlkampfauftritt auf ein Rennrad gesetzt, die Rede wird aus einzelnen Wörtern zusammengeschnitten, so dass er nur noch den Mund bewegen muss und – weil ihm dummerweise durch den Unfall sein schwäbischer Dialekt, der so gut geeignet für Bierzelt und Weinstube war, abhanden gekommen ist – werden in den Vortrag wenigstens ein paar heimelig klingende Worte eingebaut. Urspring lässt alles mit sich machen, dann aber ermuntert ihn die Tontechnikerin Hannah, die aus seinen Worten Wahlkampfreden schneidern muss, zu einer Radtour und für kurze Zeit sieht es so aus, als könnten beide aus dem politischen Betrieb ausbrechen.
Übertreibung und Wirklichkeit
Zelter tut, was Satiriker tun, nämlich durch starke Übertreibung menschliche Typologien oder gesellschaftliche Strukturen zu beschreiben, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. So verhält sich nichts und niemand im Politikbetrieb genauso, wie es der Autor beschreibt, aber viele kommen und vieles kommt dem Roman sehr nahe. Uwe Barschel und Dieter Althaus etwa erlitten während des Wahlkampfs Unfälle und vor allem Althaus Unfall mit anschließendem Koma ist noch in Erinnerung. Wer damals Medienberichte verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, es sei nicht immer der Ministerpräsident, der die Fäden in der Hand hält, so wie es auch im Roman nicht Urspring ist sondern Julius März, während sich der geistig noch nicht wieder hergestellte Urspring wie ein naives Kind verhält.
Durch diesen Kniff ermöglicht Zelter, dass es der Ministerpräsident selbst ist, der seine eigene Bedeutung in Frage stellt. Wenn nicht einmal der Inhaber eines solchen Postens weiß, warum er unverzichtbar sein sollte, wird besonders deutlich, dass der eingefahrene Betrieb auch unter anderen Betreibern funktionieren würde und wenn Urspring wie ein Schüler die Namen seiner Minister samt ihren dazugehörigen Ressorts auswendig lernen soll, erinnert sich der Leser daran, dass Politiker nach außen ein Sachgebiet vertreten, dessen Komplexität sie häufig nicht überblicken. Heute steht ein Minister diesem Ressort vor, nach einer Kabinettsumbildung einem anderen und die eigentlichen Experten, das sind die Zuarbeiter in den Ministerien, deren Papiere die Herren und Damen an der Spitze der Ressorts vortragen und aus denen sie vielleicht auch ein paar Sätze auswendig lernen.
Feind, Todfeind, Parteifreund
Auch Julius März weiß, dass er und sein Ministerpräsident ersetzbar sind, von Leuten aus der Opposition und auch von solchen aus der eigenen Partei. Aus Zeitungsberichten weiß auch der Leser, dass machtbewusste Strippenzieher und Einflüsterer, agieren sie nun in der bayerischen Staatskanzlei oder andernorts, nach dem Rücktritt ihres Ministerpräsidenten gerne den Bereich Abwässer anvertraut bekommen. Nur einmal allerdings, gesteht März gegenüber der behandelnden Ärztin ein, worum es ihm geht, nämlich um den Erhalt seines Postens und so macht er sich auch Sorgen, der Fraktionsvorsitzende – „Feind, Todfeind, Parteifreund“ – könnte von der gesundheitlichen Lage des Ministerpräsidenten profitieren wollen, auch dies ein Problem, das man aus der richtigen Politik kennt.
Nicht für das Land und seine Bürger ist es also wichtig, dass der Ministerpräsident wiedergewählt wird, auch wenn März das immer wieder sagt, so zählt der Bürger doch nur als Wähler. Leider lässt Zelter Ursrping nicht darüber nachdenken, was „die Leute draußen im Lande“, um eine Floskel aus dem Politikbetrieb zu verwenden, doch für eigenartige Leute sind und welche Erwartungen sie offenbar an einen Ministerpräsidenten haben, auch die Rolle der Medien wird nur am Rande thematisiert. Dem Leser ist es dennoch erlaubt zu fragen, was er damit zu tun haben könnte, dass Politiker und ihre Berater häufig so handeln, wie sie handeln. Für ein Jahr in dem sieben Landtagswahlen stattfinden, darunter auch in Ursprings Baden-Württemberg, ist der Roman jedenfalls die passende Lektüre.
Joachim Zelter: Der Ministerpräsident. Roman. Erschienen im August 2010 bei Klöpfer & Meyer. 188 Seiten. 18,90 Euro.
