Jochen Eschmann: "Schnitter"

Jochen Eschmann:
Jochen Eschmann: "Schnitter", fhl Verlag - fhl Verlag
Ein packender Thriller, der den Leser entführt in die Abgründe der menschlichen Psyche.

Das Debüt des Bonner Juristen kommt gleichermaßen kraftvoll wie sensibel daher. Wortgewandt und mit Liebe zum Detail beschreibt der Autor den Leidensweg eines Mannes, der vom Lärm der Welt und seinen beruflichen wie familiären Verpflichtungen schier erschlagen wird. Dieses Buch ist wahrlich nichts für schwache Nerven

Nichts für schwache Nerven

Das Leben des Protagonisten – ja, es ist durchaus ›langweilig‹ zu nennen. Die Beziehung zu seiner Frau plätschert still vor sich hin; ohne Leidenschaft, ohne Liebe, ohne nennenswerte Konflikte. Und auch der Job als Rechtsberater in einer Versicherungsgesellschaft ist, wenn nicht stressfrei, so doch recht unspektakulär. Dass es so nicht weiter gehen kann, verrät schon die Genrebezeichnung auf dem Einband. Doch anders als in bekannten Thrillern wird der Leser nicht von einer Sekunde auf die andere in eine Welt gerissen, aus der es keine Flucht gibt, die so ungeheuerlich schrecklich ist, dass man meint, es keine Sekunde länger auszuhalten. Das Schreckliche, was die Sortierung in das Genre rechtfertig, beginnt langsam, dafür unaufhörlich. Den seelischen Verfall des Protagonisten erlebt der Leser mit, ohne im entfliehen zu können oder zu wollen. Still und heimlich scheint sich der Wahnsinn in seinem Verstand einzunisten. Zuerst ist es seine Geräuschempfindlichkeit, die den Leser erahnen lässt, wohin die Reise geht. Heimgesucht von den Alpträumen seiner Kindheit, eskaliert schließlich alles. Nichts ist mehr zu ertragen – weder Arbeit noch Frau. Ein neues Leben muss begonnen werden und dann trifft er Leif und Tisha und zunächst scheint sich alles zu normalisieren, bis ein schreckliches Verbrechen geschieht …

Anonymer Protagonist

Wer den Aufbau künstlicher Spannung und eine rasante Geschichte erwartet, dürfte enttäuscht werden. Auch die Namenlosigkeit des Protagonist könnte den ein oder anderen irritieren, doch stört das den Genuss der Lektüre nicht. Durch den Titel deutet Eschmann auf eine Bezeichnung, die treffender ist, als jeder profane, erdachte Name es je könnte. Es steht zu vermuten, dass gerade die Anonymität in Verbindung mit der scheinbaren Normalität des Lebens vor der Identität des »Schnitter«, den Reiz des Buches ausmachen soll. Der Nervenkitzel durch die Möglichkeit der Identifikation kommt dann automatisch hinzu. Das Buch lebt von der Sprachgewandtheit des Autors. Mit sensiblen Beschreibungen und seinem Talent zur genauen Beobachtung fordert der Autor seinen Leser regelrecht, ihm zu folgen in die tiefen Abgründe menschlicher Psyche. Dorthin wo zwischen Wahn und Realität, zwischen Recht und Verbrechen, zwischen Licht und Dunkel nicht mehr unterschieden werden kann.

Jochen Eschmann: »Schnitter«, fhl Verlag, 334 Seiten, Preis € 17,95 [D]

Ulrike Rücker, Ulrike Rücker

Ulrike Rücker - Studium der Alten Geschichte und der Philosophie in Leipzig. Geschäftsführerin des Agathon Verlages und Freie Lektorin.

rss