
- Fauser: Der Schneemann - diogenes verlag
Wenn der Autor Jörg Fauser (1944-1987) über das Milieu schrieb, wusste er aus eigener Erfahrung, wovon er sprach: Versiffte Hotelzimmer, Einwegkanülen, Paranoia, Blut und Krankheit waren ihm vertraut. Als 1967 in Deutschland die Studenten auf die Straße gingen um gegen die erstarrten Strukturen des Nachkriegsdeutschland zu protestieren, tauchte der 23-jährige Fauser im Istanbuler Drogenviertel Tophane unter, um eben diesen zu entkommen. Und um zu schreiben. Das Resultat seines Aufenthaltes, der eine fortdauernde Abhängigkeit von harten Drogen mit sich brachte, war der Roman „Tophane“. In Anlehnung an die amerikanischen Beat-Autoren jenes Jahrzehnts beschrieb Fausers Text eigene Drogenerfahrungen; dreckig, erschreckend und authentisch.
Der Underground-Autor Jörg Fauser
Zurück in Deutschland schickte Fauser sein Manuskript 1970 an verschiedene Verlage, die jedoch ablehnten. Diese Form der Drogenliteratur war zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland keineswegs neu, die zahlreichen Nachahmer amerikanischer Beat-Autoren hatten den Markt mit ihren Haschisch-Poemen und LSD-Collagen bereits gesättigt. Jörg Fauser jedoch war kein Nachahmer, vielmehr verstand er das subjektive oder authentische Schreiben als einen nötigen Entwicklungsschritt hin zu seiner Bestimmung als Autor.
Arbeit als Redakteur, Journalist, Übersetzer und Schriftsteller
In den 70er Jahren arbeitete Fauser als Journalist, Übersetzer, Drehbuchautor, Redakteur (unter anderem für die von Jürgen Ploog, Carl Weissner und ihm gegründeten Literaturzeitschrift „Gasolin 23“) und als Schriftsteller. Dass er sich mit Gelegenheitsjobs, beispielsweise als Nachtwächter, finanziell über Wasser halten musste, nahm er in Kauf. Ein selbstbestimmtes Leben und Arbeiten war dem Autor wichtiger. Für „Tophane“ fand sich 1972 der kleine Maro Verlag. Dort erschien später auch sein Gedichtband „Die Harry Gelb Story“.
Jörg Fauser: Vom Junkie zum Erfolgsautor
1979 bot ihm der Verlag Rogner & Bernhard eine Zusammenarbeit an. Der Verleger Thomas Landshoff regte seinen Autor an, dessen Kenntnisse des Milieus für eine breitere Masse spannend und unterhaltend aufzubereiten. Fauser entwickelte die Idee zum Krimi „Der Schneemann“, die Geschichte des Kleinkriminellen Siegfried Blum, der durch Zufall an Kokain gelangt und das Geschäft seines Lebens wittert. Jörg Fauser landete einen Bestseller, der 1984 mit Marius Müller-Westernhagen in der Hauptrolle verfilmt wurde. In anderen Kriminalromanen wie beispielsweise dem „Schlangenmaul“ (1985) blieb Fauser seinem Erfolgsrezept der „Unterhaltung“ treu. Jörg Fauser schrieb unter anderem den 1982 publizierten Erzählband („Mann und Maus“), 1984 die Essay-Sammlung „Blues für Blondinen“ und den autobiografischen Roman „Rohstoff“. Aus dem einstigen Junkie war ein Bestsellerautor geworden, der heiratete und sich in München niederließ. Zur intellektuellen Elite durfte sich Fauser freilich nie zählen: Als er 1984 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auftrat, wurde seine Erzählung einstimmig (insbesondere durch Marcel Reich-Ranicki) als der Kategorie „Kunst“ nicht angehörend gewertet.
Jörg Fausers tragischer Tod
Jörg Fauser wurde 1987, in der Nacht seines 43. Geburtstages als Fußgänger auf der Autobahn bei München von einem LKW überrollt. Wie er dort hin gekommen war und ob sein Tod durch die Einwirkung Dritter zustande gekommen war, konnte nie geklärt werden. Der Verleger Thomas Landshoff hält es für möglich, dass sich Fauser bei den Recherchearbeiten für seine Krimis, die ihn immer wieder ins Milieu führten, womöglich in eine gefährliche Situation gebracht hatte. Zwielichtige Gestalten, denen er in die Quere hätte kommen können, gab es in seinem Leben genug.
