Jörg Neugebauer - Die Stille bricht aus den Wolken

Jörg Neugebauer: Die Stille bricht aus den Wolken - Silver Horse Edition
Jörg Neugebauer: Die Stille bricht aus den Wolken - Silver Horse Edition
Der fünfte Gedichtband des Neu-Ulmer Lyrikers Jörg Neugebauer ist in der Lyrikreihe Silver Horse Edition erschienen.

Schon der Titel zeigt: Die Stille ist trügerisch und kann jederzeit „ausbrechen“. So wie Jörg Neugebauer in seinen Gedichten zeitweise ausbricht mit unerwarteten Wendungen und tiefsinnigen Beobachtungen. Doch in manchen Gedichten lässt er sich auch nur einfach vorantreiben, vom Rhythmus und dem entstehenden lyrischem Bild leiten. Und so wechseln sich in „Die Stille bricht aus den Wolken“ ruhige Töne „Am See / sehen wir Schiffe / und Sonnen die untergehen/am See / wächst der Mond dir/über die Schultern / und ich trage ihn / für dich...“ mit scheinbar Alltäglichem „Doppelter Fahrpreis / Zum Schein / kaufe ich noch eine Karte / jetzt / bin ich quitt“ und lyrischen Beobachtungen ab „Vincent / Vier Jahre schon ständiger Gast in den Bordellen von Arles / dieser Mann mit dem lockeren Handgelenk...“.

Liebeslyrik, die alles sagt und doch nichts zerredet

Und doch finden sich in „Die Stille bricht aus den Wolken“ mehr ruhigere Gedichte als zum Beispiel in dem Band „Die langen Ruder“. Zarte Liebeslyrik hat ebenfalls einen festen Platz in dem Buch. Zart und doch – wenn man es lesen will – auch mit einer Prise Erotik gewürzt, die es aber eher beiläufig zweideutig zu entdecken gibt.

Im Riesenrad

nahm ich ein Sommerbad / mit dir

in den Gondeln fühlten wir unsere Erhebung

so oft / berochen wir / unsere Hände

Hier ist jedes Wort bewusst gesetzt und doch keines zu viel. Und das Gedicht spielt mit Worten wie "Sommerbad" und "Gondeln", die auch ohne weitere Erklärung ein Gefühl von Verliebtheit erzeugen, den Taumel in einer schaukelnden Gondel, das Flimmern eines Sommertages, die Hitze im Gesicht beim Sonnen. Und dazu werden die Sinne eingesetzt, das Fühlen, das Riechen, das einander Berühren, das man fast schmecken kann. Auch in dem Gedicht „Auf der Fahrt“ sind es nur wenige Worte, die so viel in der bewusst gesetzten Schlichtheit sagen. „Ich lasse die Brille stecken“ oder „der Wagen hat mehrere Fenster“ stehen als Zeichen für das Besinnen auf Gefühle und die Offenheit einer Beziehung zwischen den Beiden im Auto Sitzenden.

Lyrischer Freigeist mit feinsinniger Beobachtungsgabe

Jörg Neugebauer spielt mit den Worten, scheut sich nicht scheinbaren „Unsinn“ zu erzählen, „Buch und Banane“ lyrisch miteinander zu verbinden oder auch neue Worte zu kreieren, wie „Nebelasse“ oder „Sonnentisch“. Und er zieht sich auch mal selbst – als lyrisches Ich – in die Tinte zurück, um „tintenbewehrt um das Eigene zu kämpfen“. Es scheint, dass ihm nichts heilig ist, weder das eigentliche Wort, noch ein Thema. Doch gerade weil er sich damit auseinandersetzt, sein freigeistiges Denken in neue lyrische und oft auch rhythmische Formen bringt, bekommt alles wieder einen Sinn, wenn auch im Neugebauerschen Sinne.

Zusammenstellung aus neuen und bekannten Gedichten von Jörg Neugebauer

Der handliche Band – übrigens der 23. dieser lesenswerten Reihe – vereint 31 Gedichte von Jörg Neugebauer, die zum Teil ganz neu, zum Teil in dem Leseprogramm „Wortkunstlauf“ oder in anderen Publikationen veröffentlicht wurden. Eine interessante Mischung, die die Bandbreite des Neu-Ulmer Lyrikers präsentiert, der trotz der unterschiedlichen lyrischen Tonarten sich selbst, seinem humorvollen Schmunzeln und seiner feinfühligen Poesie immer treu bleibt.

Jörg Neugebauer: Die Stille bricht aus den Wolken. Silver Horse Edition 2010. Heftchen, 40 Seiten. Euro 6,80.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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